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Editorial JA 9/2018

Von Prof. Dr. Christian Wolf, Hannover

#MeTwo


Mesut Özil spielt nicht mehr für die deutsche Fußballnationalmannschaft. Mit dem Satz »Wenn wir gewinnen bin ich Deutscher, wenn wir verlieren Migrant« hat er eine Diskussion über Migration und Rassismus ausgelöst, die unter dem Hashtag #MeTwo geführt wird. Der Fall von Mesut Özil entzieht sich einer einfachen Schwarz-Weiß-Betrachtung. Der Auftrag des Grundgesetzes ist klar formuliert: »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden« (Art. 3 III 2 GG).
Mesut Özil hat sich in seinem Tweet zur Begründung seines Rücktritts aus der Nationalmannschaft auf Zitate bezogen, die eindeutig rassistisch und vollständig inakzeptabel sind. Unter #MeTwo reihen Betroffene im Augenblick viele andere rassistische Kommentare, meist anonym im Internet abgesetzt. Die sich selbst radikalisierenden Kleinbürger und Kleingeistigen erschrecken einen. Insbesondere das Internet ist zum Tummelplatz dumpfster Ressentiments geworden. Hier kann die von Mesut Özil ausgelöste Diskussion vielleicht eine Gegenöffentlichkeiterzeugen und ein Bewusstsein schaffen, wie Migration uns bereichert. Ohne Owanes Astouatzatur (* 1640 in Istanbul, † 1725 in Wien), einen armenischen Kaufmann, gäbe es die Kaffeehauskultur in Wien nicht; er eröffnete 1685 das erste Kaffeehaus in Wien. Oder wer hätte gedacht, dass das Wort »Kumpir« sich ableitet von dem pfälzischen Wort »Krummbeere«, welches deutschstämmige Siedler nach  Südeuropa getragen haben. Es ging zunächst als »krompir« in die serbische Sprache ein und wanderte von dort über Balkantürken in die Türkei, um jetzt als türkisches Fastfood-Produkt bei uns wieder Einzug zu halten.

Wenn wir unsere Familiengeschichte nur lang genug in die Vergangenheit zurückverfolgen könnten, würden wie bei jedem von uns an irgendeiner Stelle einen Migrationseinfluss feststellen können.

Was den Fall Mesut Özil aber zu sperrig macht, ist etwas Anderes. Özil hat seine eigene Abstammung als (Entschuldigungs-)Grund ins Spiel  gebracht, um sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan vor der Fußballweltmeisterschaft zu rechtfertigen. Mit diesem Foto wollte er  seine »ancestry, heritage and family tradition« ausdrücken, dem höchsten Amt in dem Land seiner Familie Respekt zollen. Das Foto habe mit  Wahlen oder Politik nichts zu tun. Man ist geneigt, den Satz von Özil »Wenn wir gewinnen bin ich Deutscher, wenn wir verlieren Migrant« um den Halbsatz zu ergänzen: »… wenn ich politisch naiv bin, bin ich Migrant«. Auf vielen Wegen hätte Özil dem Land seiner Familie Respekt zollen können, zB ein gemeinsames Foto mit Deniz Yücel, dem Journalisten der Welt, den Erdogan ein Jahr in Isolationshaft in der Türkei hielt, oder mit Aydin Arif, einem von Erdogan entlassenen Richter des Obersten Gerichts in der Türkei oder mit in der Türkei verfolgten Rechtsanwälten. Auch ein Foto vor der türkischen Botschaft mit der Aufschrift »benim Cumhurbaşkanım değil« (nicht mein Präsident) hätte weitaus mehr Empathie für die Türkei zum Ausdruck gebracht als ein Foto mit dem Autokraten Erdogan, für den Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist. Bei vielen türkischstämmigen (männlichen) Jugendlichen ist Erdogan in Deutschland ein Idol, in kaum einem Land hat er mehr Anhänger als in Deutschland. Aus demokratischer Sicht mag das Foto mit Erdogan naiv gewesen sein, ökonomisch wohl  wahrscheinlich nicht.

Hamed Abdel-Samad hat vor der durch Özil ausgelösten Diskussion im April dieses Jahres sein neues Buch »Integration: Ein Protokoll des Scheiterns« vorgelegt. Das Buch zu lesen lohnt sich. Zu Beginn seines Buches definiert Abdel-Samad, was unser Zusammenleben in Deutschland und Europa bestimmt: kulturelle Moderne, Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte, Gleichberechtigung und Zivilgesellschaft. Damit stößt sich das patriarchalische konservative Weltbild des politischen Islam hart im Raum. Kollektive Hierarchie, Einschüchterung und soziale Kontrolle prägen die Migrantenkollektive, so Abel-Samad. Das patriarchalische Kollektiv fordert Gehorsam und duldet keinen Widerstand, statt Gleichstellung und Selbstbestimmung geht es um die Kontrolle der muslimischen Frau, insbesondere durch ihre Sexualität. Homophobie prägt das männliche Selbstverständnis in dieser Parallelgesellschaft.

Ist hieran deutliche und nachdrückliche Kritik zu üben, Rassismus? Nein, sagt Abdel-Samad. Man kann nicht gleichzeitig Teil der freien und offenen deutschen Gesellschaft sein und Teil von unfreien, undemokratischen Strukturen bleiben. Die Wertesysteme schließen sich zum großen Teil aus. Multikulturalität und Hybridität können nur gelingen, wenn Menschen mit Migrationshintergrund sich von jenen Teilen ihrer Kultur trennen, die auf Konfrontation mit den Werten der aufgeklärten Zivilgesellschaft angelegt sind. Dies zu fordern ist nicht Rassismus, vielmehr ist dies nicht zu fordern ein Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung.

Özil hat Recht. Wenn er Deutscher ist, wenn er gewinnt, muss er auch Deutscher sein, wenn er mit der Nationalmannschaft verliert. Dann kann er aber auch das Foto mit Erdogan nicht mit der Herkunft seiner Familie rechtfertigen und mit dem besseren Absatz des Trikotverkaufs dank dem Erdogan allemal nicht.

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