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Editorial JA 6/2017

Von Prof. Dr. Christian Wolf, Hannover

Über Tyrannei


Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), Körperschaft des Öffentlichen Rechts, Hans-Litten-Haus, Littenstraße 9, 10179 Berlin: was für ein Statement! Der Dachverband der regionalen Rechtsanwaltskammern und damit die Vertreterin aller in Deutschland zugelassenen Rechtsanwälte hat sich in der Littenstraße niedergelassen und das Bürohaus gleich noch nach Hans Litten benannt. Rechtsanwalt Hans Litten: geboren am 19.6.1903 in Halle, gestorben am 5.2. 1938 im Konzentrationslager Dachau. Litten wurde als Sohn einer jüdisch-großbürgerlich und national-konservativen Familie geboren. Auf Drängen seines Vaters, Professor für Römisches und Bürgerliches Recht, studierte Litten gleichfalls Jura. Künstlerisch und politisch wurde Litten von seiner Mutter Irmgard Litten geprägt, die aus einer schwäbisch-protestantischen Professoren- und Pastorenfamilie stammte.

Mit 25 Jahren ließ sich Litten in Berlin als Rechtsanwalt nieder. Die zivilrechtlichen Mandate bildeten die wirtschaftliche Basis für seine Tätigkeit als Strafverteidiger und Nebenklägervertreter. Zusammen mit seinem der KPD nahe stehenden Partner Ludwig Barbasch setzte er sich in einer Vielzahl von Verfahren für die Opfer von Polizeiübergriffen und nationalsozialistischen Überfällen ein. Litten verteidigte mit großer juristischer Kenntnis, Hartnäckigkeit und Empathie für seine Mandanten. Mit dem »Edenpalast«-Prozess schrieb er Rechtsgeschichte. Schlägertrupps der SA überfielen eine Veranstaltung der Falken im Berliner Tanzpalast Eden. Im Strafprozess gegen die SA-Schläger zwang Litten als Nebenklägervertreter Hitler in den Zeugenstand. Es sollte der Nachweis geführt werden, dass die Schläger nicht eigenmächtig über die Stränge geschlagen haben, sondern Teil der Strategie der NSDAP waren. Ruhig und beharrlich trieb Litten Hitler bei seiner Befragung in die Ecke. Hitler verzieh Litten dies nie. Ein Tag nach dem Reichstagsbrand begann das Martyrium von Hans Litten. KZ Sonnenburg, Zuchthaus Brandenburg, KZ Esterwegen, KZ Lichtenburg, KZ Buchenwald und KZ Dachau waren die Stationen seiner Entrechtung und psychischen und physischen Vernichtung. Am 5.2. 1938 haben die NS-Schergen Litten in den Selbstmord getrieben.

Bis zum Schluss hat seine Mutter, Irmgard Litten, vergeblich um die Freilassung ihres Sohnes gekämpft. 1940 hat sie erstmals die Leidensgeschichte Hans Littens und ihren Kampf um seine Freilassung beschrieben. Jetzt ist das Buch mit einem Nachwort von Heribert Prantl im Ars-vivendi-Verlag neu erschienen (Irmgard Litten, Eine Mutter kämpft gegen Hitler, ars vivendi, 2017, 250 S., 22,00 EUR).

Mit ihrer Adresse Littenstraße erinnert die BRAK, wie übrigens der DAV im Nachbarhaus auch, exemplarisch an das Schicksal der republikanisch und demokratisch gesinnten Rechtsanwälte der Weimarer Republik. Wie sich eine der großen Kulturnationen von einem Tag auf den anderen in das barbarischste Unrechtsregime des 20. Jahrhunderts wandeln konnte, macht heute noch staunen.

Timothy Snyder, der Geschichte in Yale lehrt, hat ein Buch darüber geschrieben, welche Lehren man aus dem Zusammenbruch der Demokratien im 20. Jahrhundert und deren Ablösung durch faschistische, nationalsozialistische und kommunistische Regime ziehen muss (Timothy Snyder, Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand, C.H.Beck, 2017, 127 S., 10,00 EUR). Geschichte wiederholt sich nicht, allenfalls als Farce. Erschreckend ist aber, wie sich die Welt um uns herum verändert, wie an die Stelle von Argumenten die Diffamierung mit Fake-News um sich greift, wie nationaler Chauvinismus wieder hoffähig wird, wie ungeniert die Unabhängigkeit der Justizinfrage gestellt wird, wie man Rechtsanwälte in der Türkei bedroht und verhaftet, wie man Todesstrafe wiedereinführen will oder verstärkt an dieser festhält. Snyder ruft uns in seinem Buch zur Verteidigung der Zivilgesellschaft auf. 20 Lehren können aus dem 20. Jahrhundert gezogen werden: Verteidige die Institution, bewahre Deine professionelle Ethik, mach Dir Deine Verantwortung für die Welt klar, um nur einige seiner Aufforderungen zu zitieren.

Rudolf Olden, der Chefredakteur des Berliner Tagesblatts in der Weimarer Republik, schrieb 1940 in seinem Vorwort zu dem Buch von Irmgard Litten: »Das Recht ist immer die Sache der Schwachen; die Starken brauchen kein Recht, und nur zu sehr sind sie geneigt, da sie ja die Macht haben, ohne Recht auszukommen.«

Eine Vertretung der Rechtsanwaltschaft, die sich so deutlich zu dem Erbe Littens bekennt, erfüllt einen mit Stolz. Sie sollte Verpflichtung für die nachfolgende Generation der Juristen sein, sich immer wieder der Funktion von Recht bewusst zu werden: Recht ist nicht bloße Rechtstechnik, sondern Fundament eines gerechten Zusammenlebens in einer demokratisch verfassten Gesellschaft.

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