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Editorial JA 10/2016

Von Prof. Dr. Thomas Fischer, Karlsruhe

Semesterstart


Das neue Semester steht bevor: Wintersemester 2016 / 2017.
Tausende junge Menschen werden an den Juristischen Fakultäten Deutschlands das Studium der Rechtswissenschaft aufnehmen – mit Hoffnungen auf das Unerkannte, auch mit Befürchtungen vor dem Unbekannten, manchen Fehlinformationen und zahllosen Bildern im Kopf: vom rot bemützten Verfassungsgerichtspräsidenten über »den Richter« aus der Tageszeitung, der angeblich die Mörder überführt und die Aktiengesellschaften zu Millionenzahlungen verurteilt hat, die Fernseh-Staatsanwältin bis zum Star-Anwalt, der, die Treppe des Justizpalastes herabschreitend, erste Interviews über den soeben errungenen Sieg der Gerechtigkeit gibt.

Ich sage Ihnen: Glauben Sie alles davon! Und glauben Sie nichts! Jura ist kein Schaulaufen, und an dem Ort, an dem Sie später tätig sein werden, gibt es keine Freitreppe. Sie werden Ihre Kopien selbst machen müssen, einen Parkplatz suchen und bezahlen und über so manchen der zahllosen Akten verzweifeln. Sie werden schlecht behandelt werden und zu wenig Geld verdienen. Oft werden Sie es keinem Recht machen können, auch wenn Sie sich anstrengen.

Das Studium wird, kurz gesagt, ganz anders sein, als Sie dachten, und auf jeden Fall total anders als Ihr Papa Ihnen erzählt hat: Kaum jemand fragt Sie nach Gerechtigkeit; niemand will wissen, was Sie immer schon einmal sagen wollten. Sondern alle tun so, als ob Ihr Schicksal und das des Rechts davon abhänge, dass Sie möglichst schnell lernen, was »herrschende Meinung« ist und was »andere Ansicht«. Sie werden umgeben sein von Kommilitonen, die ganz anders sind als die Freunde aus der Schule: ungemein strebsam, beeindruckend gebildet, einschüchternd kenntnisreich schon im zweiten Semester. Sie sind also ganz genauso wie Sie selbst und fürchten sich ganz genauso vor der neuen Welt wie Sie. Es gibt auch keine Professoren, die einherschreiten wie die Gockel, Arm in Arm mit Binding, Nipperdey und Medicus. Sie werden vielmehr ganz neue Gockel erleben, supercool bis zur Emeritierung, und zu Zeiten aufpassen müssen, nicht selbst einer zu werden.

Denken Sie daran: »Jura«, das Recht, besteht nicht aus dem Schreiben von Klausuren in dunklen Kellern. Die Klausuren sind dazu da, bei Ihnen auf sehr schlichte Weise Wissen abzuprüfen. Später, im juristischen Beruf, werden Sie keine Klausuren schreiben müssen, ohne jemanden fragen zu können, ohne Datenbanken und Internet, ohne Team und Diskussion.

Diskussion! Jura heißt: Recht. Und es gibt kein Recht an sich, keine ewigen Regeln, kein »Richtig« oder »Falsch« für alle Zeit. Einen Tag vielleicht, nachdem Sie Ihre Examensklausur geschrieben haben, wird eine Vorschrift im BGB oder im StGB geändert. Und alles ist anders. Wenn Sie eintreten in das juristische Studium, werden Sie ein Teil der Diskussion. Sie lernen die Regeln und Formen und (teilweise recht albernen) Förmlichkeiten. Sie werden schmerzhaft lernen müssen, dass in der Wissenschaft mitnichten alle gleich viel zählen, und dass immer wieder die besten Argumente zerschellen an Klippen, die da heißen: »Das haben wir immer schon so gemacht« und »Da könnte ja jeder kommen«.

Lassen Sie sich keinesfalls entmutigen! Sie sind genauso klug oder so dumm wie alle anderen vor Ihnen, und was Sie daraus machen, liegt in Ihrer Hand. Um erfolgreich Jura zu studieren, braucht man einen festen Willen und einen langen Atem: Das ist kein Studium für Club-Geher, »Mal-schau'n-was-sich-soergibt«-Jünger und »Ich-geh'-in-eine-Großkanzlei«-Schwätzer. Was man am meisten braucht, ist: Freude an der Sache, Neugier auf das Neue, auch wenn es zunächst schwierig und merkwürdig erscheint, und Teamgeist.

Über allem aber sollte ein Gefühl stehen, das Sie vielleicht bisher nur undeutlich wahrnehmen: Interesse an und Zuneigung für die Menschen, mit denen Sie es im juristischen Beruf zu tun haben, die von Ihnen abhängig sind und Ihnen vertrauen sollen. Zu behaupten, Jura sei ein »trockenes« Fach, ist ungefähr so schlau wie die Behauptung, Ozeanographie sei ein »feuchtes Fach«: Ganz nett für Käpt'n Blaubär, aber zu wenig für alles.

Ob Sie in Repetitorien gehen oder nicht, ist dem Recht egal. Manche sind gut, manche nicht. Wer meint, der Sinn des Jurastudiums sei das erfolgreiche Durchlaufen eines Repetitoriums, mag am Ende möglicherweise sechs Komma zwei Punkte erringen im Kampf um den Sinn des Lebens. Aber er oder sie wird sehr weit weg sein von der Freude und Bemühung und dem Nachdenken über das Recht. Man kann das natürlich später noch nachholen. Aber es ist dann viel schwieriger, ähnlich dem Großen Latinum.

Mein Fach ist das Strafrecht. Es kommt zunächst ganz leicht daher, und wird dann immer schwieriger. Bis heute lerne ich jeden Tag etwas Neues dazu, bis heute ärgert mich und interessiert mich, was ich nicht weiß oder bedacht habe. So ist das Recht: lebendig, streitig, bedeutsam. Wer glaubt, Jura sei Form ohne Leben, hat das wahre Geheimnis noch nicht entdeckt: Jura ist die Bemühung, dem Leben eine Form zu geben.
Dazu wünsche ich Ihnen alles Gute!

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