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Editorial RphZ 3/2017

 

Die Diskussion über die Willensfreiheit und der Streit zwischen Deterministen und
Indeterministen ist gewiss kein ganz neues Thema. Schon lange bevor einige
Neurowissenschaftler die Experimente von Libet als Beweis dafür interpretierten, dass ein
freier Wille eine Illusion sei, wurde dieses Thema in der Philosophie diskutiert.
Bemerkenswerterweise verlagerte sich die neue Debatte vor allem in das Strafrecht, wo nunmehr
die Fundamente des Schuldbegriffs wegzubrechen schienen. Tatsächlich aber hat
ein deterministischer Standpunkt erheblich weitergehende Konsequenzen, etwa für den
Begriff des Rechtsgeschäfts im Zivilrecht, für die Vorstellungen von Grundrechten, für
das Konzept einer Rechtsordnung schlechthin – und nicht zuletzt für den Status von
Argumenten in einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Zudem steckt hinter der
Vorstellung einer vollständig determinierten Welt nicht weniger Metaphysik als hinter
der gern als metaphysisch beschimpften Annahme von Willensfreiheit. Da die Frage
nach der Willensfreiheit im ureigentlichen Sinn die Grundlagen des Rechts betrifft,
gehört sie auch in die RphZ.

Zu Beginn stellt Dorothea Magnus zwei Konzepte von Autonomie vor: Kants und
Feinbergs. Beide Autonomiekonzepte macht sie für einen gemischt internalistischexternalistischen
Begriff der (straf)rechtlichen Selbstbestimmung fruchtbar. Wird
damit folglich auch Willensfreiheit vorausgesetzt? Auch wenn wir ihre Existenz nicht
beweisen können, so handelt es sich doch um ein Postulat der praktischen Vernunft, wie
Jean-Claude Wolf in seiner theologisch inspirierten Argumentation behauptet. Demgegenüber
meint der Theologe und Philosoph Godehard Brüntrup, dass der Streit zwischen
Deterministen und Indeterministen nicht entschieden werden könne und auch
nicht müsse. Vielmehr hätten Libertarismus und Kompatibilismus zwei stimmige Freiheitskonzepte
entwickelt, die man beide einem vom Recht vorausgesetzten Freiheitsbegriff
zugrunde legen könne. Wie Brüntrup betont Inês Fernandes Godinho, dass die
Hirnforschung die Annahme von Willensfreiheit keineswegs empirisch widerlegt habe.
Vielmehr unterlaufe ihr ein reduktionistischer Fehler, wenn sie ‚Mind‘ und ‚Brain‘ in
eins setze. Ungeachtet dessen sei das Strafrecht etwa bei der Feststellung der Schuld auf
die Erkenntnisse der Hirnforschung angewiesen. Die letzten beiden Beiträge nehmen
eine ganz andere Position ein, die in der bisherigen Diskussion kaum reflektiert wird:
den Blickwinkel des Richters. Benno Heussen deckt den Anteil des Unbewussten an
rechtlichen Entscheidungen auf, möchte daraus gleichwohl keine generelle Abkehr von
der Vorstellung rationalen Abwägens ableiten und warnt vor der Anwendung künstlicher
Intelligenz im Recht (LegalTech). Notwendig sei eine Rückbesinnung auf den
„Gerechtigkeitssinn“, der, wie Louis Frédéric Muskens anschließend ausführt, trotz
aller Entscheidungsspielräume nicht völlig ungebunden ist.

Im Beitragsteil setzt sich Volker Haas kritisch mit dem nichtpositivistischen Rechtsbegriff
Robert Alexys auseinander, dem wohl profiliertesten Vertreter der deutschen
Rechtstheorie.

Schließlich bespricht Norbert Horn die Schrift von Lindner über „Rechtswissenschaft
als Metaphysik“. Die Frage scheint allerdings weniger, ob die Rechtswissenschaft
zu metaphysiklastig ist, sondern ob sie sich überhaupt darüber im Klaren ist, was
Metaphysik ist und wozu man sie braucht. Diesem zentralen Thema wird sich im nächsten
Jahr ein Heft der RphZ widmen.

Im Mittelpunkt der nächsten beiden Hefte werden Aufsätze stehen, die aus der
Tagung „Kausalität und Zurechnung in Hegels Rechtsphilosophie“ vom 13./14. Januar
dieses Jahres in Münster entstanden sind. Darüber hinaus freuen wir uns über Ihre Beiträge,
die Sie bitte in elektronischer Form bei Contact einreichen.
Auf der Homepage renzikowski.jura.uni-halle.de finden Sie auch einen Link zu
den Hinweisen für die Autoren.

Halle/Heidelberg/Lausanne, September 2017

Alexander Aichele
Martin Borowski
Joachim Renzikowski
Simone Zurbuchen

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