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Lucas Ludolph | Dez 02, 2025
Der Begriff des Legal Engineerings begegnet einem immer wieder. Aber worum handelt es sich dabei genau? Wir haben Lucas Ludolph, Director Client Solutions & Head of Legal bei Codefy, zu der noch jungen Disziplin befragt.
RDi: Können Sie uns das Konzept des Legal Engineering erläutern?

Ludolph: Legal Engineering bezeichnet die Übersetzung inhaltlich juristischer Aufgaben und Prozesse durch Anwendung von Methoden der Softwareentwicklung in neue, fachspezifische digitale Lösungen. In der Praxis bedeutet das, dass juristische Aufgaben und Prozesse systematisch ingenieursmäßig analysiert und strukturiert werden, so dass sie in standardisierte, unterstützte oder automatisierte digitale Fachlösungen übersetzt werden können. Dazu werden sie in Regeln, Entscheidungsbäume und Prozessschritte zerlegt. Anschließend werden diese modelliert, etwa in Form von Workflows, Datenmodellen oder Geschäftsregeln, und so spezifiziert, dass sie entweder durch die Entwicklung neuer Software oder durch die Konfiguration und Anpassung bestehender Systeme umgesetzt werden können. Legal Engineering bildet damit die methodische Brücke zwischen klassischer Rechtsanwendung und konkreten Legal-Tech-Lösungen.
RDi: Welche Fähigkeiten erfordert das?
Ludolph: Auf der juristischen Seite erfordert das neben den dogmatischen und argumentativen Fähigkeiten ein systemisches und prozessorientiertes Verständnis der Arbeit: Wie entsteht ein Ergebnis, welche Schritte wiederholen sich, wo bestehen Schnittstellen und Abhängigkeiten, was lässt sich standardisieren? Auf der technologischen Seite ist nicht zwingend eine formale Informatik- oder Programmierausbildung notwendig. Entscheidend ist ein fundiertes Verständnis der Möglichkeiten aktueller Technologien und der Logik von Softwareentwicklungsprozessen. Nur mit diesem Verständnis können juristische Anforderungen so formuliert und priorisiert werden, dass daraus tragfähige technische Lösungen entstehen.
RDi: Welche Anwendungsfälle gibt es?
Ludolph: Legal Engineering lässt sich überall dort einsetzen, wo rechtliche Prozesse eine Rolle spielen, von verbrauchernahen Angeboten über interne und interorganisationale Prozesse in Unternehmen, der Verwaltung oder der Justiz. Legal Engineering bildet die Grundlage vieler Legal-Tech-Lösungen: Für Fluggastrechte-, Mietrechte- oder Bußgeldportale, von Kanzlei- und Vertragsmanagementsystemen oder in digitalen Bürgerportalen. Bei Codefy unterstützen wir unter anderem die Justiz dabei, die richterliche und staatsanwaltliche Tätigkeit durch bessere Prozesse effizienter zu machen, ohne in die Entscheidungsfindung einzugreifen. Schriftstücke und Anlagen werden automatisiert auf relevante Datenpunkte ausgewertet und diese strukturiert übernommen.
RDi: Wo gibt es Überschneidungen zu Legal Tech und Legal Design?
Ludolph: Legal Tech ist häufig das Ergebnis von Legal Engineering, aber auch dessen Werkzeugkasten, denn eine Lösung kann auch in der Kombination oder Konfiguration bereits bestehender Tools liegen. Mit Legal Design überschneidet sich Legal Engineering vor allem in der Analysephase, weil Design-Thinking-Methoden als vorgelagerter Schritt oder als Werkzeug am Anfang eingesetzt werden, um Bedürfnisse und Prozesse sichtbar zu machen.
RDi: Was kann Legal Engineering leisten?
Ludolph: Im besten Fall trägt Legal Engineering dazu bei, rechtliche Verfahren transparenter, schneller, verlässlicher und einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Komplexe Abläufe werden so gestaltet, dass sie mit weniger Aufwand bearbeitet werden können, ohne an juristischer Qualität zu verlieren. Das kann Verfahrensdauern senken, Ressourcen sparen und das Vertrauen in einen funktionsfähigen Rechtsstaat stärken.
RDi: Welche Bedeutung wird Legal Engineering in Zukunft haben?
Ludolph: Legal Engineering ist ein eigenständiges juristisches Berufsbild, dessen Bedeutung weiter zunehmen wird. Es ergänzt die klassischen juristischen Berufsbilder: Während diese häufig auf eine tiefe Spezialisierung in einem Rechtsgebiet ausgerichtet sind, setzt Legal Engineering eher auf ein breites dogmatisches und methodisches Verständnis, kombiniert mit Fähigkeiten in Prozessanalyse, vertieftem Technologieverständnis und Projektmanagement. Der demografische Wandel verstärkt den Druck, mit weniger Personal stabile, digitale und effiziente Prozesse zu schaffen. Legal Engineers werden in Kanzleien, Rechtsabteilungen, Verwaltung und Justiz die Brücke zur IT schlagen und zentrale Treiber der digitalen Transformation sein.
Interview: Susanne Reinemann