Prof. Dr. Christian Wolf, Hannover
Weihnachtsbuchempfehlung der JA 2025
»Die Vorzeichen mehrten sich« – mit diesen Worten beginnt Thomas Mann die Schilderung der Weihnachtszeit bei den Buddenbrooks. An Thomas Mann kommt man 2025 nicht vorbei. 2025 ist das Thomas- Mann-Jahr; vor 150 Jahren wurde er am 6.6. 1875 in Lübeck geboren. Allerdings bezieht sich die erste Literaturempfehlung nicht auf das Buch Buddenbrooks, für welches Thomas Mann 1929 den Literaturnobelpreis erhalten hat, sondern auf seine »Deutsche Ansprache«.
Thomas Mann, Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft, mit einem Nachwort von Jens Bisky, 2025, Reclam Verlag, 85 S., 7,00 EUR
Thomas Mann hielt die Rede am Anfang vom Ende der Weimarer Republik am 17.10. 1930 in Berlin. Bei der Neuwahl des Reichtags im September 1930 wurde die NSDAP mit 18,3 % zweitstärkste Partei nach der SPD mit 24,5 %. Mann betont in seiner Rede, dass er kein sozialer Aktivist sein wolle. Gerade deshalb aber appellierte er: Das Bürgertum müsse aufstehen, um seine Ideale und Werte der Freiheit, Gerechtigkeit, Bildung, des Optimismus und Fortschrittsglaubens gegen den Neo- Nationalismus, welcher naturkultisch und radikal humanitätsfeindlich ist, zusammen mit den Sozialdemokraten zu verteidigen.
Die Textausgabe ist gut mit erklärenden Fußnoten editiert. In seinem Nachwort stellt Jens Bisky einen Bezug zur Gegenwart her. Das schmale Buch ist nicht nur wegen des Thomas-Mann-Jahres eine Leseempfehlung.
Margot Friedländer/Malin Schwerdtfeger, »Versuche, dein Leben zu machen « Als Jüdin versteckt in Berlin, 25. Aufl. 2010, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 272 S., 13,00 EUR
Am 9.5.2025 ist Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren verstorben. »Versuche, dein Leben zu machen«; diese Worte ließ die Mutter Margot Friedländer am 20.1. 1943 ausrichten. Ihr Bruder Ralph wurde von der Gestapo abgeholt und ihre Mutter hatte sich entschlossen, mit »Ralph zu gehen, wo immer dies auch sein mag«. Ihre Mutter und ihr Bruder wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Margot Bendheim, so ihr Mädchenname, entschloss sich, in Berlin unterzutauchen, ließ sich die Haare rot färben und die Nase operieren. Im April 1944 wird sie von jüdischen »Greifern«, die im Auftrag der SS jüdische Mitbürger ausspähen sollten, aufgegriffen und nach Theresienstadt deportiert. Dort trifft sie ihren späteren Mann Adolf Friedländer wieder, den sie vom jüdischen Kulturbund kannte. Nach der Befreiung von Theresienstadt heirateten die beiden noch in Theresienstadt. 1946 wanderte das Ehepaar schließlich nach New York aus. Nach dem Tod ihres Mannes begann Margot Friedländer ihre Autobiografie mit der Autorin Schwerdtfeger zu verfassen. Sie kehrte erstmals 2003 nach Deutschland zurück und lebte seit 2010 wieder in Deutschland. Mehrmals in der Woche ging sie in Schulen und andere Einrichtungen, um aus ihrer Autobiografie vorzulesen und über ihr Leben zu berichten – »Damit so etwas nicht wieder passiert«, wie sie sagte. Jetzt – nach ihrem Tod – spricht sie nur noch durch ihr Buch, wir sollten es alle lesen.
Susanne Baer, Rote Linien, Wie das Bundesverfassungsgericht die Demokratie schützt, 2025, Herder Verlag, 384 S., 22,00 EUR
Die Berliner Staatsrechtslehrerin Baer war von 2011 bis 2023 Richterin des Bundesverfassungsgerichts. Nach ihrem Ausscheiden schrieb sie dieses Buch über ihre Tätigkeit am Bundesverfassungsgericht. Das Buch ist ein Feature im besten Sinne des Wortes. So erhält man zB einen Einblick in die Beratungszimmer der beiden Senate im ersten und zweiten Stock des Richterrings. In diesem ist nur Platz für die acht Richterinnen und Richter des jeweiligen Senats. Zu ihrer Zeit gab es in den Beratungen keine Handys und Laptops. Die Richterinnen und Richter des Bundesverfassungsgerichts konnten sich ganz auf sich und ihre Argumentation konzentrieren. Baer zeichnet plastisch ein Bild eines selbstverwaltenden Gerichts ohne Hierarchie nach. Immer wieder arbeitet sie heraus, wie wichtig es für das Gericht ist, dass unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Einstellungen an das Gericht gewählt werden, die in den Beratungen um Konsens ringen. So entsteht ein völlig anderes Bild von der Arbeitsweise des Gerichts, als es die Hetzkampagne in den sozialen Medien gegen Brosius- Gersdorf gezeichnet hat. Das Buch ist im besten Sinne des Wortes ein Aufklärungsbuch. Man erfährt nicht nur etwas über den Aufbau der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts (»Erst unter C wird das dann wirklich geklärt«). Auch verdeutlicht das Buch, was es heißt, ein Gericht für die Bürgerinnen und Bürger des Landes zu sein; angefangen von der Architektur des Gebäudes bis hin zu den an die 1.000 Entscheidungen des Gerichts in einem Jahr, welche in den Verfassungsbeschwerden die gesamte Bandbreite des Lebens widerspiegeln. Um konkretes Verfassungsrecht, wie man es aus dem Hörsaal kennt, geht es auch. Unter der Überschrift »Kontroversen konkret« beleuchtet sie einzelne Entscheidungen. Auch hier betont sie die Notwendigkeit, dass auf der Richterbank unterschiedliche Perspektiven vertreten sind, die in der Diskussion zu einem Konsens zusammengeführt werden wollen.
Rainer Mühlhoff, Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, 2025, Reclam Verlag, 160 S., 8,00 EUR
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Wir alle erhoffen uns durch die KI Innovationen, Arbeitserleichterungen und Effizienzgewinne. Lässt sich dem etwas entgegensetzen? Kann man KI anders als positiv beurteilen? Werden mit dem Schlagwort der KI nicht bewusst überhöhte Erwartungen geweckt? Der derzeitige KI-Hype ist nicht neu. Mühlhoff zeigt auf, dass es seit 1956 immer wieder Perioden eines KI-Hypes gab. Was Entscheidungsfindung durch KI bedeutet, erklärt er anhand einer (fiktiven) Behördenentscheidung über den Bezug von Arbeitslosengeld. KI-generierte Entscheidungen bedeuten, an die Stelle einer aufgrund eines vollständig ermittelten Sachverhalts sorgfältig begründeten Entscheidung eine Wahrscheinlichkeitswette zu setzen. Hinter dem KI-Hype steht nicht nur der Wunsch nach mehr Effizienz, sondern bestimmte Ideologie, so die These von Mühlhoff. Eine der Ideologien ist für Mühlhoff der Effektive Altruismus. Der Effektive Altruismus begreift ethische Entscheidungen vor allem als mathematische Optimierungsprobleme und nicht als soziale Aushandlungsprozesse.
Tobias Gostomzyk/Joachim Jah/Hildegard Becker-Toussaint (Hrsg.), Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen, 2025, C.H.Beck, 204 S., 24,90 EUR
Zum Abschluss soll noch auf eine erbauliche Weihnachtsbuchempfehlung für den Weihnachtsbaum hingewiesen werden. Nachdem 2015 »Briefe an junge Juristen« erschienen war, gibt es 2025 die neuen Briefe an junge Juristinnen und Juristen. In Briefform berichten die Autorinnen und Autoren aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern über ihre Berufswahl, ihre Motivation, ihre Erfahrungen und ihre Karrierewege. 33 Briefeschreiberinnen und Briefeschreiber haben die Herausgeber in dem Buch versammelt, unter anderem den ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle oder die auf Verfassungs- und Europarecht spezialisierte Anwältin Roya Sangi.