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Viele Pensionäre, wenige gute Assessoren

Der Rechtsstaat braucht eine große Zahl zusätzlicher Richter und Staatsanwälte – doch geeignete Kandidaten sind nicht leicht zu finden. Justiz und Anwaltschaft, Wirtschaft und Verwaltung konkurrieren um wenige Prädikatsjuristen. Von Ralph Neumann

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Grundsätzlich sollte es kein Problem sein, juristischen Nachwuchs zu gewinnen, denn seit 2007 steigt die Zahl der Studierenden im Fach Rechtswissenschaften wieder kontinuierlich an, nach den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes auf 114.003 im Jahr 2016. Die Studierenden sind, wie schon seit 2004, mehrheitlich weiblich, derzeit im Verhältnis von 63.000 zu knapp 51.000. Die Rechtswissenschaftler stellen damit die drittstärkste Fachrichtung an den Hochschulen, nach Betriebswirtschaftslehre (238.000) und Maschinenbau (118.000) und noch vor Informatik (110.000) und Humanmedizin (92.000). Nicht enthalten in den Zahlen der Jura-Studenten ist die Zahl derer, die „nur“ Wirtschaftsrecht studieren. Sie wurden mit insgesamt 21.866 gesondert gezählt, auch sie sind übrigens mehrheitlich weiblich. Der Pool an Nachwuchsaspiranten erscheint also zurzeit recht gut gefüllt. Entscheidend ist jedoch, wie viele die Ausbildung abschließen und mit welchem Ergebnis.

Dazu zunächst ein kurzer Blick zurück. Um die Jahrtausendwende schlossen pro Jahr noch mehr als 10.000 Studierende erfolgreich das erste juristische Staatsexamen ab, davon knapp 15 Prozent mit Prädikat. Auch die Zahl der Absolventen des zweiten juristischen Staatsexamens erreichte noch fast die gleiche Höhe, hier mit einem Prädikatsanteil von gut 15 Prozent. Aus einem Reservoir von jährlich gut 1500 Prädikatsjuristen konnten also Justiz, Ministerien, Wirtschaft und Anwaltschaft jeweils die für sie geeigneten und gewünschten Spitzen-Kandidaten auswählen.

Jedoch ging in den folgenden Jahren die Zahl der Jura-Studierenden zunächst stetig zurück und damit auch die Zahl der erfolgreichen Examensabsolventen. In den Jahren 2010 bis 2015 legten im Durchschnitt rund 8000 Studierende erfolgreich die erste juristische Staatsprüfung ab, und zwar erfolgreicher als ihre Vorgänger: Die Quote der Prädikatsexamina hat sich mit inzwischen 30 bis 33 Prozent mehr als verdoppelt. Das ist jedoch offensichtlich die Folge jener Ausbildungsreform, nach der die Prüfung des Schwerpunktfaches jetzt von den Universitäten selbst abgenommen wird. Dabei erreichen mehr als die Hälfte der Absolventen Prädikatsnoten. Die Noten des klassischen Examensteils verharren hingegen mit Prädikatsanteilen von 15 bis 16 Prozent im gewohnten Bereich. Da aber die Note im Schwerpunktfach zu 30 Prozent in die Gesamtnote einfließt, hebt der überproportional erfolgreiche Abschluss der universitären Prüfung den Anteil der Prädikatsexamina im ersten Staatsexamen signifikant an. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass es den Universitäten gelungen ist, in der Ausbildung deutlich mehr Wissen zu vermitteln als zuvor. Denn die Prädikatsquote im zweiten Staatsexamen ist nur moderat gestiegen. Dazu später mehr.

Annähernd gleich hoch geblieben ist über die Jahre auch das Phänomen des „Schwundes“ unter den Jura-Studenten. Rund ein Viertel der Studienanfänger gehen im Laufe der Semester „verloren“, ohne Abschluss und ohne Wechsel zu einem anderen Studienfach. Während bei anderen Studiengängen die Schwundzahlen teils noch höher sind, so verschwinden die Juristen im Durchschnitt relativ spät aus den Hörsälen, erst nach 6,8 Semestern gegenüber 5,2 Semestern im Durchschnitt aller Studiengänge. Den Gründen für den stillen Abbruch des Jura-Studiums ist jetzt eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung nachgegangen, die jüngst von einer Arbeitsgruppe der Länder unter Vorsitz von Nordrhein-Westfalen und Sachsen vorgestellt wurde. Darin stellen die Autoren fest, dass rund 24 Prozent aller Studenten des Studiengangs „Rechtswissenschaften Abschluss Staatsexamen“ das Studium ohne Abschluss oder Folgestudium beenden. Für den Abbruch werden im Wesentlichen vier Gründe ausgemacht. Unzureichende Fortschritte im Studium (Leistungsprobleme); mangelnde „Fachidentifikation“, weil ein persönlicher Bezug zur Materie des Studiums fehlt (Studienmotivation); Wunsch nach praktischer Tätigkeit sowie die soziale Herkunft: Studenten aus nicht akademisch vorgebildeten Familien fällt es besonders schwer, das Jura-Studium erfolgreich zu absolvieren. Die Justizverwaltungen der Länder wollen nun gemeinsam beraten, inwieweit daraus konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können.

Verbessert haben sich in den vergangenen Jahren auch die Ergebnisse der Prüfungen im zweiten Staatsexamen. Die Steigerung ist zwar nicht allzu groß, aber doch signifikant. Der Anteil der Prädikatsexamina hat sich von gut 15 Prozent auf mehr als 18 Prozent erhöht und kratzt in guten Jahren an der 20-Prozent-Marke. Diese relativ guten Ergebnisse zeigen sich vor dem Hintergrund deutlich geringerer Absolventenzahlen: Statt 10.000 Volljuristen bestehen zurzeit nur rund 7500 die zweite Staatsprüfung. Und knapp 20 Prozent von 7500 sind wiederum rund 1500 Prädikatsjuristen pro Jahr. Das scheint also in absoluten Zahlen der Pool an „guten“ Juristen zu sein, der im Jahr erreicht werden kann. Um diese letztlich nur wenigen Prädikatsjuristen konkurrieren Justiz, Anwaltschaft, Ministerien, Wirtschaft und Verwaltung, wobei die Justiz bei der Gehaltsentwicklung im Vergleich zur privaten Wirtschaft mehr und mehr ins Hintertreffen geraten ist. Allein um die unter den jetzt mehr als 26.000 Justizjuristen nach 40 Dienstjahren ausscheidenden Kolleginnen und Kollegen zu ersetzen, braucht es durchschnittlich 650 junge Talente im Jahr, die sich für den Beruf des Richters oder Staatsanwalts entscheiden. Wegen der in den kommenden 10 bis 15 Jahren bevorstehenden Pensionierungswelle in der Justiz wird sich der Nachwuchsbedarf allerdings schrittweise auf mehr als 1000 Volljuristen jährlich erhöhen.

Wie mühsam es teilweise geworden ist, die geeigneten Nachwuchskräfte für die Justiz zu gewinnen, lässt sich an den Einstellungsvoraussetzungen der Justizverwaltungen recht gut ablesen. So erwartet zwar das Bayerische Staatsministerium der Justiz neben einem Dutzend anderer Fähigkeiten ein überdurchschnittliches Ergebnis in der zweiten juristischen Staatsprüfung, lässt aber im Kleingedruckten der Bewerbungsmodalitäten auch ein Endergebnis von mindestens acht Punkten genügen. Die genannten acht Punkte sind in den meisten Ländern das Minimum, in der Regel für beide Examina, manchmal darf das erste Examen noch ein wenig schlechter ausgefallen sein (sieben Punkte in Berlin). Oft genügen acht Punkte nur für den, der noch Zusatzqualifikationen mitbringt wie Promotion oder berufliche Erfahrung. Welche Zusatzqualifikation gewünscht ist, wird meist nicht definiert, sodass sie gegebenenfalls Türöffner für den sein kann, den man haben will. Nordrhein-Westfalen hat schon vor Jahren 7,76 Punkte im zweiten Examen als Untergrenze festgelegt, ab der man zu einem Auswahlgespräch eingeladen werden kann. Ob man mit einer entsprechenden Punktzahl tatsächlich eingeladen wird, hängt dann von der Qualifikation der Mitbewerber zur gleichen Zeit ab. In Rheinland-Pfalz wird die Grenze von acht Punkten nur als Orientierung, nicht als Ausschlusskriterium angesehen. Tatsächlich haben im letzten Jahr 7,8 Punkte genügt, um doch noch eingestellt zu werden. Das Saarland – Schlusslicht im Gehaltsranking – teilt keine Einstellungsvoraussetzungen mit. Recht hoch sind die Anforderungen in den norddeutschen Ländern, doch gibt es auch hier Öffnungsklauseln. Schleswig-Holstein wirbt zudem offensiv mit einem reduzierten Pensum von 0,7 in den ersten sechs Monaten.

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Ralph Neumann ist Richter am Amtsgericht a.D und Mitglied der Redaktion.
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