Menü

Entsetzen und Verstehen: ZEIT-Podcast „Verbrechen“

Warum wird ein Mensch zum Mörder? Wie manipuliert ein Hochstapler? Warum lügen Zeugen? Der Kriminal-Podcast „Die ZEIT – Verbrechen“ stellt diese Fragen – mit Gewinn sogar für einen Strafrichter.

Es ist erst gut zwei Jahre her, dass die beiden ZEIT-Journalisten Sabine Rückert und Andreas Sentker ihren ersten Kriminal-Podcast hochluden. Rückert ist stellvertretende Chefredakteurin, berichtet als Kriminalreporterin seit Jahrzehnten aus deutschen Gerichtssälen und schildert im Podcast ihre Beobachtungen. Sentker, Leiter des Wissenschaftsressorts, stellt Fragen und ordnet das Geschehen behutsam ein.

Rückert entwickelt das Geschehen über die Person des Opfers oder über den Täter. Mit der Darstellung der Tat, ihrer Aufklärung und der Aburteilung sind die rund einstündigen Folgen noch nicht am Ende. Immer schließen sich die wichtigen Fragen an: Wie war das möglich? Welche Rückschlüsse können wir ziehen? Was bedeutet das Geschehen für Staat und Gesellschaft?

Unaufgeregt und doch packend taucht der Podcast ein in die menschliche Seele. Es geht um Psychologie („Düsteres Erbe“) und Psychiatrie („Tödliche Begegnung“), um Soziologie („Der Sündenbock“) und Geschichte (Karadzic: „Massenmörder und Held“), um Philosophie („Das Kind im dunklen Zimmer“) und sogar um Kunst (Beltracchi: „Wie ein Kunstfälscher die ganze Welt zum Narren hielt“). Schließlich befasst sich die bekennende Pfarrerstochter und Theologin Rückert auch mit Religion („Der Missionar“); mehrfach nimmt sie beim Kirchenvater Augustinus Anleihen. Und natürlich, immer geht es auch um das Recht. Meist steht dabei die Forensik im Mittelpunkt: das Gericht, das Sachverständigenwesen, Zeugen.

Weder Rückert noch Sentker sind Juristen. Manchmal ist das ein Manko, etwa wenn sie in Folge 14 – fachlich ungut – über die Abgrenzung von Mord und Totschlag plaudern. Aber meistens ist der Blick von außen wohltuend. Mit einer speziellen Melange aus Empathie und Sachkunde denkt Rückert sich tief ein in die Personen. Soziale Strukturen von zum Beispiel Partnerschaften und Familien erklärt sie einfühlsam und würdigt sie klug.

Das Genre „Kriminal-Podcast“ birgt die Gefahr des Voyeurismus. Und tatsächlich: Folge 36, in der es um die Vergewaltigung eines Kindes geht, scheitert am Anspruch auf sachliche Distanz und Einfühlung; beim Hörer bleibt ein ungutes Gefühl von Teilnahme statt Anteilnahme.  Aber dies ist eine wirklich seltene Ausnahme vom Grundsatz einer sachkundig-distanzierten Befassung. 

Große Stärke: Unabhängigkeit

Eine große Stärke des Podcasts ist die Unabhängigkeit seiner Akteure. Rückert und Sentker verfolgen ersichtlich keine politische oder pädagogische Agenda. Rückert, Trägerin des Emma-Journalistinnenpreises, thematisiert offen das unter Feministen eher gemiedene Thema der Instrumentalisierung des (Sexual-)Strafrechts durch. Den denkwürdigen Fall der vermeintlichen Ermordung eines Kindes mit Migrationshintergrund in einem sächsischen Freibad durch Neonazis vor angeblich 250 schweigenden Zuschauern schildert sie als das, was er ist: ein schier unglaubliches Lehrstück über Vorurteile und Medienversagen. Rückert erörtert gleichermaßen Straftaten von Deutschen an Ausländern und von Ausländern an Deutschen und macht weder um das eine noch um das andere ein didaktisches Gedöns. Das muss sie auch nicht, denn der Hörer weiß um die warme Sachlichkeit des Formats.

Last but not least: Die Justiz kommt im ZEIT-Podcast “Verbrechen” nicht immer gut weg. Mitunter ist Rückerts Kritik an Polizei und Justiz harsch. Aber die Stücke sind erkennbar gut recherchiert, und nie wirkt die Bewertung vorschnell oder oberflächlich.

Wer seine Sinne beisammen hat, hält Kritik an der Justiz nicht grundsätzlich für problematisch. Das Gegenteil ist der Fall: Die Dritte Gewalt ist neben einer sachkundigen Vermittlung ihres Outputs in besonderem Maß auf kompetente Kritik angewiesen. Der ZEIT-Podcast „Verbrechen“ schafft das. Er ist informativ, meinungsstark – und wirklich unterhaltsam.

driz_01_2018_pro

Urban Sandherr ist Richter am Kammergericht in Berlin und Mitglied der Redaktion.

Logo Verlag C.H.BECK grau
Menü