Klaus Winkler

Der Fall MobilCom - Ein (tk-)politisches Lehrstück?


Der wettbewerbliche TK-Markt in Deutschland hat, obwohl er noch vergleichsweise jung ist, bereits viele Entwicklungsstufen durchlebt. Ein Unternehmen, das diese Stufen beispielhaft repräsentiert, ist MobilCom. Die aktuellen Geschehnisse um MobilCom lassen die Frage aufkommen, ob der Fall MobilCom ein (tk-)politisches Lehrstück ist. Die Entwicklungsstufen sollen hier nachvollzogen werden.

Schnelle Gründerzeit

Gerhard Schmid gründete seine MobilCom 1991. Schmid wird wie vielen Gründern Exhibitionismus (Welt v. 20.9.2002, S. 8), Aggressivität und Schnelligkeit (Stern v. 19.9.2002, S. 156) zugesprochen. Als reiner Servic-Provider im Mobilfunk wurde MobilCom als eines der ersten New-Economy-Unternehmen schon im März 1997 am Neuen Markt notiert. Das Unternehmen avancierte, insb. zu den Zeiten der Höchstnotierung drei Jahre nach dem IPO, zum Börsenstar. Die Mitarbeiterzahl wuchs schnell bis auf heute mehr als 5.000 Mitarbeiter an. MobilCom gab die Taktgeschwindigkeit für den Umbruch im TK-Markt vom Monopol zum Wettbewerb vor. Nur wer bereit war, in der vorgegebenen Geschwindigkeit mitzuhalten, blieb dabei. Unternehmen wie RWE und VEBA sind früh wieder aus dem rasanten Markt ausgestiegen.

Die erste Entwicklungsstufe im TK-Markt hat gezeigt, dass es Unternehmen geben kann, die aus dem Nichts heraus plötzlich an der Börse eine höhere Kapitalisierung hatten als Old-Economy-Unternehmen. Zudem sprengten die New-Economy-Unternehmen noch die bisher bekannten Regeln von Geschwindigkeit und Zusammenarbeit.

Preisbrecher im Festnetz

Mit dem pünktlichen Einstieg in den liberalisierten Festnetzmarkt am 1.1.1998 als "Telefonaldi" hat MobilCom den Maßstab für die Preise (19 Pf./Min., passend zur Netzbetreibervorwahl 01019) auf lange Zeit als Preisführer festgelegt. So präsent wie MobilCom war keiner: Werbeduelle mit der Deutschen Telekom AG (DTAG) um die Farbe Rosa, um Manfred Krug und Mogelcom, kostenlose Telefonate zu Weihnachten und immer wieder neue Ankündigungen.

In der zweiten Entwicklungsstufe im TK-Markt wurden nicht alle Ankündigungen eingehalten. Das Tempo wurde aber für alle im Markt deutlich erhöht. Die Preise fielen erdrutschartig und hunderte von Unternehmen traten in den Markt ein. Die DTAG wurde durch die Situation überrascht und reagierte panikartig mit eigenen drastischen Preissenkungen im Endkundenmarkt.

Lange Regulierungsdiskussionen

Alle Unternehmen im Markt sind abhängig von den Vorleistungen der DTAG (Holthoff-Frank, MMR 2002, 295). Auf Grund der Preissenkungen im Endkundensegment erlangten die Kosten für diese Vorleistungen eine überragende Bedeutung. Die folgende Regulierungsdiskussion um die sog. "atypischen Verkehre" wurde auf MobilCom gemünzt: Dabei ging es darum, dass angeblich "Rosinenpicker" wie MobilCom das asymmetrische Regulierungsregime ausnutzen, um ohne eigenes Netz auf Kosten der DTAG Gewinne einzufahren.

Die dritte Entwicklungsstufe im TK-Markt ist deshalb durch die regulatorische Frage "Was sind die Minimalanforderungen an ein Netz?" und darauf aufbauend auch durch die Suche nach den wahren Kosten der Zusammenschaltung geprägt. Regulierung scheint den Wettbewerbsprozess zu verzögern, weil keine schnellen (Verhandlungs-)Lösungen gefunden werden, mit denen alle Marktteilnehmer zufrieden sind. Wahrscheinlich aus diesem Grund hat sich das Unternehmen MobilCom nie wirklich aktiv an der Regulierungsdiskussion beteiligt und wurde deshalb in diesem Zusammenhang oft als Trittbrettfahrer bezeichnet.

Wachstum durch Konsolidierung

Im deutschen Markt hat MobilCom beispielhaft demonstriert, dass das angeblich von der Börse geforderte schnelle Wachstum nur durch Übernahmen gehalten werden kann. Dabei wurde auf Gewinne gerne verzichtet (Handelsblatt v. 11.8.2000, S. 3). Von 1997 bis 1999 kaufte MobilCom die Unternehmen topnet, Cellway, DINO-Online, TelePassport, D Plus und comtech.

Die vierte Entwicklungsstufe im TK-Markt ist durch das Wachstum einiger weniger und den startenden Konsolidierungsprozess kleinerer Unternehmen geprägt.

Schritt in eine neue TK-Welt

France Télécom beteiligte sich im März 2000 mit 28,5% an der MobilCom. Im August 2000 wurde für € 8,4 Mrd. gemeinsam eine von sechs deutschen UMTS-Lizenzen ersteigert. Damit ist MobilCom, so wird es verkündet, in den Kreis der ganz großen "Player" aufgerückt (FAZ v. 21.8.2000, S. 22).

In der fünften Entwicklungsstufe wird von der "alten" Festnetz-TK-Welt schon fast Abschied genommen (Bild v. 21.8. 2000, S. 2). UMTS wird zum Markt der Zukunft, alles andere zum lästigen Beiwerk erklärt. Auch mit diesem Verhalten kann MobilCom stellvertretend für viele Unternehmen im Markt genannt werden.

Konflikte austragen statt lösen

Eine wirklich konstruktive Zusammenarbeit, bei der beide Seiten voneinander profitieren, zwischen MobilCom und anderen Anbietern oder Herstellern ist nicht bekannt (SZ v. 18.9.2002, S. 29). Das entspricht auch nicht dem Kalkül des unternehmergeprägten Unternehmens MobilCom, dessen Gründer als Alleinherrscher (SZ v. 25.9.2000, S. 31) und Enfant terrible (SZ v. 14.8.2000, S. 25) gerne konfrontative Verhandlungen führt. Im Streit mit France Télécom hat dieser Ansatz das gesamte Unternehmen an den Rand der Insolvenz getrieben.

Auch in der sechsten Entwicklungsstufe repräsentiert MobilCom die typische Art und Weise des Umgangs miteinander im TK-Sektor. Konflikte werden wie ein Streit inszeniert (FAZ v. 15.9.2002, S. 31): Es gibt einen klaren Gewinner und einen klaren Verlierer. Die Regulierungsverfahren spiegeln dieses Verhalten ebenso wider: Nicht die Beteiligten einigen sich, sondern die Beschlusskammer trifft eine Entscheidung, die von den Betroffenen umzusetzen ist.

Fazit

Das Unternehmen MobilCom kann als stellvertretend für die Entwicklungsstufen im TK-Markt in Deutschland angesehen werden. Was sind allerdings die Lehren aus dem Fall MobilCom?

In einem Wettbewerbsmarkt sollte es die Aufgabe der Politik sein, Rahmenbedingungen zu schaffen und zu fördern, die allen die gleiche Chance auf Erfolg geben (Die Zeit v. 19.9.2002, S. 30). Sicherlich kann Regulierung für den Übergang vom Monopol zum Wettbewerb nicht in allen Situationen helfen. Frühzeitige und transparente Konsultationen im Markt, die vorausschauende Standards schaffen, könnten ein Mittel dazu sein, den Unternehmen die notwendigen Rahmenbedingungen zu garantieren und der Reg TP die notwendige Unabhängigkeit von der Politik zu gewährleisten. Hierdurch könnte Planungssicherheit für alle im Markt geschaffen werden.

Wenn zudem der Anstoß durch Regulierung und Politik gegeben würde, Konfliktmanagementmechanismen professionell einzusetzen, würden die Behörden in Zukunft nicht immer erst zu spät agieren: Erst jetzt, nachdem das ganze Unternehmen MobilCom am Streit mit France Télécom zu zerbrechen scheint, besinnt sich die Politik darauf, das Unternehmen zu drängen, schlichtende Verhandlungen zu führen (FAZ v. 28.9. 2002, S. 13). Noch besser als Funktionäre des Unternehmens (SZ v. 18.9.2002, S. 28) könnten allerdings unabhängige Dritte vermitteln.

Die Zukunft wird zeigen, ob die politische und auch finanzielle (Wahl-)Hilfe für MobilCom ein Beispiel war, das Schule macht. Es bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung von MobilCom nicht auch noch stellvertretend für die Entwicklung des Neuen Markts herhalten muss.

Dipl.-Volksw. Klaus Winkler, Frankfurt/M.


MMR 2002, Heft 11, V