John Hendrik Weitzmann

Digital Rights Description als Alternative für Digital Rights Management?


Kaum eine Abkürzung löst so schnell heftige Debatten unter privaten Nutzern des Internet aus wie DRM, Digital Rights Management (digitale Rechteverwaltung). Damit ist eine Technologie gemeint, die den Zugriff auf digitale Medieninhalte wie Grafiken, Musiktitel und Filme durch die Konsumenten wirksam regeln soll. Ziel bei der Entwicklung von DRM war und ist, dass der Genuss der damit versehenen Medieninhalte, also das Anhören eines Musiktitels oder das Ansehen eines Filmes, sekundengenau durch die Urheber bzw. Rechteinhaber steuerbar wird - und dadurch auch sekundengenau abgerechnet werden kann.

Mittels einer Verschlüsselung werden die Inhalte der mit DRM gesicherten Dateien unlesbar gemacht. Weitere Veränderungen werden nicht vorgenommen, also insb. keine Zugriffsrechte auf Ebene des Dateisystems gesetzt oder dergleichen. Die Dateien können also weiterhin problemlos verschoben, kopiert, über das Internet verschickt und mit jedem geeigneten Programm geöffnet werden. Letzteres allerdings funktioniert nur theoretisch, weil manche der populären Programme zur Medienwiedergabe (z.B. der weit verbreitete Windows-Mediaplayer) bereits das Öffnen von DRM-gesicherten Dateien nur bedingt erlauben. Doch auch wenn das Öffnen vom verwendeten Programm her möglich ist, erscheinen die Daten in der betreffenden Mediendatei als unverständliches wildes Datenchaos, das jedenfalls keinen Musiktitel oder Film ergibt. Nur mit Hilfe eines vielstelligen Codes lassen sich die Daten entschlüsseln und damit wieder in eine Form bringen, die beim Abspielen ein Bild, einen Musiktitel oder bewegte Bilder ergibt. Diese Zahlenkombination erhält das verwendete Abspielprogramm nur nach den Vorgaben einer für den Nutzer nicht sichtbaren Lizenzdatei, in der die Berechtigung des Nutzers niedergelegt ist. Auf diese Weise kann genau festgelegt werden, welcher Nutzer in welchem Zeitraum die Mediendatei abspielen kann. Sogar die genaue Anzahl der diesem einen Nutzer zugestandenen Abspielvorgänge lässt sich damit bestimmen.

Werden diese Sicherungsmechanismen mit einer Funktionalität der Abspielprogramme kombiniert, durch welche bei jedem Befehl zum Abspielen über eine bestehende Internetverbindung automatisch die Abspiellizenz über eigens dafür eingerichtete Server der Rechteinhaber (auf denen zuvor die Kundendaten des betreffenden Nutzers hinterlegt wurden) aktualisiert werden kann, so erhält man die Möglichkeit einer exakten Abrechnung nach dem tatsächlichen Konsum der Medieninhalte. Zugleich erledigt sich das aus Sicht der Rechteinhaber bestehende Problem gleich mit, dass Werke, wenn sie erst einmal in digitaler Form vorliegen, binnen kürzester Zeit über das Internet millionenfach verlustfrei kopiert werden können. Denn es kann zwar auch eine DRM-geschützte Mediendatei ungehindert und verlustfrei umher kopiert werden, aber nur diejenigen Nutzer, die die nötigen Abspiellizenzen erworben haben, können mit den Dateien etwas Sinnvolles anfangen. Für alle anderen ergeben die Dateien nur verschlüsseltes Durcheinander. Auf diese Weise bleibt das Internet als Verbreitungsweg nutzbar, ohne dass die Rechteinhaber damit zugleich jegliche Kontrolle über die Nutzung ihrer Medieninhalte verlieren.

Manch vehementer Befürworter von DRM sah bereits das Urheberrecht bisheriger Prägung überflüssig werden, das ja in vielerlei Hinsicht einen Ausgleich zwischen den Interessen der Urheber und denen der Nutzer unter eben der Prämisse vornimmt, dass es seit dem Aufkommen privat nutzbarer Vervielfältigungstechnologien faktisch unmöglich war, den tatsächlichen Umfang der Werknutzung wirksam zu kontrollieren. Die Legitimation einer pauschalen Regelung wie etwa der Leermedienabgabe entfiele z.B. weitgehend, sobald jedes urheberrechtlich bedeutsame Schreiben eines Musiktitels auf einen CD-Rohling kontrolliert und einzeln abgerechnet werden könnte (was DRM zumindest von der Technik her leistet).

Vor dem Hintergrund dieser früher ungeahnten Möglichkeiten wurde über viele Jahre ein ganz erheblicher Aufwand getrieben, um DRM marktreif zu machen, weiter zu entwickeln und alle denkbaren Wege zu verschließen, über die DRM umgangen werden kann. Das reichte in Form der sog. Trusted-Computing-Architekturen (TCPA) auch bis tief in den für Nutzer ohnehin weniger leicht manipulierbaren Bereich der Computerhardware hinein. Aber vor allem auf Ebene der für den Medienkonsum erhältlichen Software musste eine Allianz von Herstellern geschmiedet werden, die sich an gemeinsame Standards hält und auf diese Weise DRM erst verbreitungsfähig und zugleich durchsetzbar machte. Das neue Betriebssystem Windows Vista der Fa. Microsoft dürfte den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklungen darstellen. Bei ihm sind die DRM-Mechanismen so grundlegend und umfassend in die Software integriert worden, dass mitunter sogar handfeste Geschwindigkeitseinbußen entstehen, die von den Nutzern wohl oder übel hingenommen werden müssen.

Hier stößt DRM augenfällig an erste Grenzen. Aber auch das Ausgreifen auf die Hardwareentwicklung hat Schwierigkeiten entstehen lassen, die sich möglicherweise zu entscheidenden Hürden entwickeln werden. Die größte Schwierigkeit aber, der sich DRM als Konzept gegenüber sieht, ist momentan der Mangel an Akzeptanz bei den Nutzern. Er entsteht zum einen dadurch, dass die bei DRM so besonders ausgeprägte Sicherheitsarchitektur aller Komponenten dazu führt, dass die Nutzer das unangenehme Gefühl nicht loswerden, im Hintergrund würden durch die verwendete Hard- und Software Daten über das eigene Medienkonsumverhalten gesammelt und über das Internet kommuniziert. Zum anderen besteht eine allgemeine Neigung dazu, bei Inhalten der eigenen Festplatte eine Art Sachbesitz auszuüben. Mit Dateien, die einmal dort gesammelt wurden, möchten die meisten Nutzer frei umgehen können und sträuben sich gegen die Vorstellung, dass die Musiktitel oder Filme via DRM zusätzlich einem fremden Regime unterstellt werden - so sehr dies aus Sicht der Rechteinhaber auch geboten sein mag.

Rechtliche Vorgaben zu Medieninhalten können in der Onlinewelt aber auch noch auf andere Art und Weise transportiert werden als es bei DRM geschieht. Immer möglich - aber vergleichsweise leicht ignorierbar - ist eine klar umrissene Rechteeinräumung oder -versagung in Textform an der Stelle, an der eine Mediendatei zum Download zur Verfügung gestellt wird. Ein solches Nebeneinanderstellen von Schutzgut und Rechteeinräumung hat den großen Nachteil, dass die rechtlichen Festlegungen nicht mit der Mediendatei verbunden sind. Sobald die Datei also heruntergeladen worden ist, kommt es fast zwangsläufig zu einer Trennung von Medieninhalt und Rechteinformation. Nutzer, die die Datei im weiteren von anderen Nutzern weitergegeben bekommen, erfahren jedenfalls nicht automatisch etwas über ihnen eingeräumte oder eben nicht eingeräumte Nutzungsrechte, sondern nur, wenn der Text zur Rechteeinräumung ebenfalls mit weitergegeben wird. Sie werden selber kaum aktiv werden, um die Rechteinformation aus erster Hand in Eigeninitiative zu beschaffen, zumal das schwieriger wird, je weiter die Weitergabekette reicht.

Ein Ansatz, die Weitergabe von Konsument zu Konsument als Vertriebsweg zu nutzen und sich dennoch nicht auf die Gewissenhaftigkeit der Konsumenten bei der Weitergabe von Nutzungsrechtsinformationen verlassen zu müssen, ist das Weedshare-Verfahren, das sich z.B. in Form des Gnab-Netzwerks auch im Praxisbetrieb befindet. Darin könnten Nutzer außer der Kundenrolle auch noch die eines Vertriebspartners bzgl. der Medieninhalte annehmen, die sie selber bereits auf ihren Computer heruntergeladen haben. Je mehr von diesen Inhalten an andere weitergegeben werden, desto mehr Punkte sammelt der betreffende Nutzer auf einem zentral gespeicherten Konto an. Durch Einlösung der Punkte kann er dann wiederum weitere Filme oder Musiktitel erwerben oder zumindest deren Preis für sich senken. Gnab setzt jedoch voll auf DRM und unterliegt damit den bereits o.g. Akzeptanzproblemen.

Das Problem der Trennung von Medieninhalten und Rechteinformation lässt sich allerdings auch auf andere Weise lösen, nämlich durch Nutzbarmachung der Metadatenfelder, die bei den meisten Dateiformaten vorgesehen sind. Es handelt sich dabei um Zusatzinformationen über eine Datei, die aus normalen Zeichen und Ziffern bestehen (also leicht ausgelesen werden können) aber beim Abspielen oder sonstigen Verwenden der Datei nicht mit ausgegeben werden. Die Metadaten - z.B. einer Musikdatei - gehören nicht zum eigentlichen Medieninhalt, sind aber trotzdem fest mit ihm verbunden. In ihnen können nicht nur Titel und Interpret niedergelegt werden, sondern auch Informationen zur Rechtsinhaberschaft und eventuell eingeräumten Nutzungsrechten. Die Angaben in Metadatenform können zudem durch Suchmaschinen gefunden und kategorisiert werden. Dadurch können entweder in speziellen Datenbanken (Beispiele dafür sind die Bilddatenbanken flickr.com und piqs.de) oder aber im Internet insgesamt genau die Medieninhalte identifiziert werden, bei denen die vom Nutzer gewünschten oder benötigten Nutzungsrechte eingeräumt wurden. Um reibungslos zu funktionieren, muss eine solche Suchmaschinen-gerechte Kennzeichnung einer gewissen Systematik folgen. Diese ist z.B. beim Lizenzmodell von Creative Commons (dessen insgesamt 6 verschiedenen Musterlizenzverträge auch als Creative Commons Public Licenses - CCPL - bekannt sind) bereits realisiert und findet zunehmend Verbreitung. Dieser Systematik folgend können Medieninhalte mit Hilfe eines Computerprogramms mit Metadaten versehen werden, die genau besagen, unter welcher CCPL sie angeboten werden, d.h., unter welchen Bedingungen der Rechteinhaber die betreffende Datei für welche Nutzungen freigegeben hat. Dieser Form der Kennzeichnung wird zusätzlich die Pflicht zur Seite gestellt, die jeweilige Datei auch immer mit Klartexthinweisen zu den Nutzungsrechten sowie mit einer Internetadresse zu versehen (ausgedrückt als Hyperlink oder ausgeschrieben als Text), die zu zentral im WWW abgelegten Lizenzverträgen führt. Diese Art der Kennzeichnung von Medieninhalten wird mitunter als Digital Rights Description (DRD) bezeichnet.

Die Eingangsfrage, ob sich eine solche Technik als Alternative für DRM anbietet, kann beantwortet werden, wenn man sich ansieht, für welche Medieninhalte sich die Metadatenlizenzierung überhaupt nur eignet und was sie technisch gegenüber DRM nicht leistet. DRD ergibt überhaupt nur dort Sinn, wo zumindest bestimmte Nutzungen der Medieninhalte für die Allgemeinheit freigegeben werden sollen. Wer sich als Rechtsinhaber - aus welchen Beweggründen auch immer - sämtliche Rechte strikt vorbehalten will, braucht das nicht seinen digitalen Werken mitzugeben. Vielmehr ist "Alle Rechte vorbehalten" den allermeisten Nutzern als urheberrechtlicher Normalfall bekannt und braucht dementsprechend nicht in den Metadaten vermerkt zu werden. Technisch und in Bezug auf Nutzerakzeptanz vermeidet DRD zwar alle Nachteile der DRM-Systeme, aber die angestrebte Hauptfunktionalität des DRM kann es zugleich nicht ersetzen. Diese besteht in der Möglichkeit, mittels DRM die Einhaltung urheberrechtlicher Verbote technisch zu erzwingen und so ein echtes "Pay-per-View" auf allen Ebenen digitaler Mediennutzung zu ermöglichen. Letzteres können Metadaten schon deshalb nicht leisten, weil sie sich stets an unspezifische Nutzer richten müssen, also an jeden, der irgendwie Zugriff auf die Dateien hat. Darüber hinaus sind Metadaten vergleichsweise leicht editierbar. Es ist anzunehmen, dass die meisten Nutzer das nicht wissen, aber es existiert keinerlei "harte" Sicherung für Metadaten und damit auch kein der DRM-Verschlüsselung vergleichbares Hindernis für Manipulationen. Um letztere Schwäche auszugleichen wurden unlängst Möglichkeiten für Rechteinhaber geschaffen, ihre Mediendateien samt Metadaten in einer zentralen Datenbank zu registrieren. Dabei wird ein sog. Hash-Wert mit digitalem Zeitstempel erzeugt, durch den sich die Integrität der Dateien zumindest nachträglich überprüfen lässt. Der noch grundsätzlichere Nachteil gegenüber einer DRM-Sicherung ist jedoch, dass DRD auch ganz schlicht leicht zu ignorieren ist. Anders als bei Softwarelizenzen, die wenigstens mittels "click-wrap" (das Bestätigen der Nutzungsbedingungen bei Installation der Software) vor Beginn der Nutzung unmissverständlich in den Blick des Nutzers gerückt werden können, gibt es bei Musik-, Film- oder Grafikdateien keine vergleichbare Technik zum vorgeschalteten Anerkennen der Nutzungsbedingungen durch den Nutzer.

Diese Aspekte machen deutlich, dass Metadatenkennzeichnung bzw. DRD nicht wirklich als "DRM light" geeignet sind, und dass sie überhaupt nur dort wirklich einen Mehrwert darstellt, wo zumindest eine begrenzte Freigabe der Medieninhalte vom Rechteinhaber gewollt ist. Das ist nach bisherigen Geschäftsmodellen der Medienwirtschaft nur sehr selten der Fall. Aber es sind durchaus schon erfolgreiche Geschäftsmodelle entstanden, die weitgehend ohne die technisch gestützte Durchsetzung urheberrechtlicher Monopole auskommen. Nicht nur der Sektor der Open-Source-Software macht glänzende Geschäfte, obwohl die zugrunde liegenden Daten für jedermann frei verfügbar sind. Zunehmend erkennen auch Musiklabels, Filmproduzenten und andere Werkschaffende, dass strikte Rechtevorbehalte keine notwendige Bedingung für wirtschaftlichen Erfolg darstellen. Daher stellt sich sehr deutlich die Frage, ob die Funktionalitäten von DRM überhaupt so entscheidend sind, dass man daran weiterarbeiten oder nach Äquivalenten suchen müsste. Am Ende werden auch die Verfechter einer DRM-gestützten Kontrolle des Konsumverhaltens sich selber fragen müssen, welche langfristigen Erfolgsaussichten eine Technologie haben kann, die derart einseitig auf Geheimhaltung, Misstrauen und Bevormundung der Nutzer setzt wie DRM es tut, und dadurch grundlegende Ablehnung in weiten Teilen ihrer Zielgruppe hervorruft.

Dipl.-Jur. John Hendrik Weitzmann, Europäische EDV-Akademie des Rechts gGmbH/Institut für Rechtsinformatik, Saarbrücken.


MMR 2007, Heft , X