Entwurf eines IFRS für kleine und mittelgroße Unternehmen (IFRS for SMEs)


Pressemitteilung des DRSC vom 15.2.2007

Der International Accounting Standards Board (IASB) hat am 15.2.2007 den Entwurf eines Rechnungslegungsstandards für kleine und mittelgroße Unternehmen (Exposure Draft of a proposed IFRS for Small and Medium-sized Entities, ED-IFRS for SMEs) mit der Aufforderung zur Stellungnahme bis zum 1.10.2007 veröffentlicht.

Mit diesem Entwurf soll den kleinen und mittelgroßen Unternehmen ein im Vergleich zu den bestehenden IFRS (full IFRSs) vereinfachter, eigenständiger Rechnungslegungsstandard bereitgestellt werden. Der Standardentwurf umfasst 254 Seiten und enthält neben Vorwort, Glossar und Überleitungstabelle insgesamt 38 Einzelabschnitte, in denen die Rechnungslegungsfragen thematisch angeordnet geregelt werden.

Der Entwurf des IASB sieht vor, dass nur Unternehmen den IFRS for SMEs anwenden können, die der Öffentlichkeit gegenüber nicht rechenschaftspflichtig (no public accountability) sind, jedoch Jahresabschlüsse für externe Adressaten erstellen müssen (general purpose financial statements for external users). Damit sind kapitalmarktorientierte Unternehmen und Unternehmen, die treuhänderisch Vermögen verwalten (z.B. Banken oder Versicherungen), vom Anwenderkreis ausgenommen. Den konkreten Anwenderkreis legen jeweils die nationalen Gesetzgeber fest.

Der ED-IFRS for SMEs basiert auf dem bestehenden Rahmenkonzept des IASB. Veränderungen gegenüber den full IFRS ergeben sich insbesondere dadurch, dass:

  • Themen im IFRS for SMEs nicht geregelt werden, da sie für SMEs von geringer Relevanz sind (für diese Themen wird auf full IFRS verwiesen, falls sie – in Ausnahmefällen – für SMEs relevant sein sollten, z.B. Segment- oder Zwischenberichterstattung),
  • zwar alle Wahlrechte aus den full IFRS grundsätzlich zur Verfügung stehen, jedoch nur eingeschränkt im ED-IFRS for SMEs dargestellt werden (die übrigen Wahlrechte können über einen Verweis auf full IFRS in Anspruch genommen werden),
  • zusätzliche Wahlrechte eingeräumt werden (z.B. Erfassung von intern erstellten immateriellen Vermögenswerten als Aufwand),
  • einige Ansatz- und Bewertungsvorschriften modifiziert (z.B. Bewertung von Finanzinstrumenten) und
  • Anhangangaben reduziert wurden.

Eine grundsätzliche Pflicht, auf die full IFRS zurückzugreifen, besteht nicht (kein sog. mandatory fallback). Sofern Regelungslücken auftreten, sollen SMEs zunächst vergleichbare Abschnitte innerhalb des IFRS for SMEs und dann ggf. die in Abschn. 2 definierten Konzepte und Bilanzierungsgrundsätze heranziehen. Die Berücksichtigung der full IFRS – ebenso wie vergleichbare Rechnungslegungsnormen (z.B. US GAAP) – steht den Unternehmen darüber hinaus frei.

Neben dem Standardentwurf wurden die Grundlage für die Schlussfolgerungen (basis for conclusion) und die Leitlinien zur Anwendung (implementation guidance) veröffentlicht. Letztere enthalten einen Beispielabschluss und eine Checkliste mit sämtlichen Anhangangaben des ED-IFRS for SMEs.

Die Verabschiedung des endgültigen Standards ist für Mitte 2008 geplant. Über das Inkrafttreten dieses Standards müssen die nationalen Gesetzgeber entscheiden. Sofern sich die nationalen Gesetzgeber für die Anwendung des IFRS for SMEs entscheiden, obliegt es ihnen auch, den Anwendungsbereich und die Ausgestaltung der Wahlrechte im Standard zu konkretisieren.

Der IASB plant, zum ED-IFRS for SMEs Diskussionsrunden sowie sog. field tests und field studies, z.B. Unternehmensbefragungen, durchzuführen.

Das DRSC bereitet zum vorliegenden Standardentwurf derzeit eine Unternehmensbefragung von ca. 4.000 kleinen und mittelgroßen Unternehmen deutschlandweit vor. Die Fragebögen werden den Unternehmen voraussichtlich im März 2007 zugehen. Darüber hinaus ist geplant, in Zusammenarbeit mit kleinen und mittelgroßen Unternehmen sowie mittelgroßen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften nach ED-IFRS for SMEs erstellte Probeabschlüsse auszuwerten. Die Ergebnisse der Studie sowie die Erfahrungen bei der Erstellung der Probeabschlüsse werden dem IASB mit konkreten Anforderungen zum Anpassungsbedarf des ED-IFRS for SMEs weitergeleitet werden.

Die Stellungnahmen zum Standardentwurf können bis zum 1.10.2007 entweder an CommentLetters@iasb.org oder an info@drsc.de gesendet werden.

Eine Druckversion kann über die IASCF Publikationsabteilung käuflich erworben werden (www.iasb.org).

Ab dem 26.2.2007 steht der Entwurf in englischer Fassung zum Download auch auf www.drsc.de bereit. Im April 2007 wird es eine deutsche Übersetzung des ED-IFRS for SMEs geben.

Für Rückfragen zum ED-IFRS for SMEs oder den DRSC-Projekten zur Unternehmensbefragung und Erstellung von Probeabschlüssen:

  • Liesel Knorr, Generalsekretärin DRSC, Tel. 030/206412-11
  • Kati Beiersdorf, Projektmanagerin DRSC, Tel. 030/206412-27

 

Praxis-Info!

Auch wenn das IASB-Projekt bis auf weiteres für die meisten kleineren Unternehmen keine Bedeutung haben wird, so werden sich jedoch insbesondere mittelständische Unternehmen mit internationalen Verflechtungen mit einer Umstellung auf die internationalen Rechnungslegungsstandards zu befassen haben. Nach derzeitiger Rechtslage müssen Klein- und mittelständische Unternehmen, die einen freiwilligen Abschluss nach IFRS erstellen wollen, die vollständigen IFRS beachten (full IFRS, vgl. § 315a Abs. 3 Satz 2 HGB).

Mit dem IFRS for SMEs-Entwurf wird der voluminöse 2.500-Seiten-Band der full IFRS um ca. 85% reduziert. Vorgehensweise: Aus den full IFRS wurden im Wesentlichen lediglich die fett gedruckten Passagen (diese jedoch häufig wortwörtlich) in den Standard übernommen. Folge: Erläuternde Absätze, Beispiele und Illustrationen sind meist nicht vorzufinden, was Interpretationsfragen aufwerfen kann. In diesen Fällen wird ein Rückgriff auf die full IFRS unerlässlich sein. Auch werden keine Definitionen wiederholt (Benutzung des Glossars).

Der Standard untergliedert sich in vier Hauptteile: Vorwort, Hauptteil, Glossar und Herleitungstabelle. Der Hauptteil ist nach systematischen (sachlogischen) Kriterien in 38 Einzelabschnitte unterteilt worden (themenbezogene Nummerierung der Abschnitte). Beispiele:

  • Abschnitt 1: Anwendungsbereich (Scope)
  • Abschnitt 2: Konzepte und Basisgrundsätze (Concepts and Pervasive Principles); die in diesem Abschnitt genannten grundsätzlichen Ansatz- und Bewertungsregeln (z.B. Niederstwertprinzip für das Sachanlage- und Vorratsvermögen, z.B. erwarteter Veräußerungspreis < Buchwert) sind im Falle von Regelungslücken zur Lösungsfindung heranzuziehen.
  • Abschnitt 3: Darstellung des Abschlusses (General Standards of Financial Statement Presentation)
  • Abschnitt 4: Bilanz (Balance Sheet)
  • Abschnitt 5: GuV-Rechnung (Income Statement)
  • [...]

Der Abschluss von SMEs besteht aus Bilanz, GuV-Rechnung, Kapitalflussrechnung, Eigenkapitalveränderungsrechnung und Anhang. Zur Gewährleistung einer Kontinuität dürfen die IFRS for SMEs lediglich alle zwei Jahre überarbeitet werden.

Gegenüber dem sog. Mitarbeiterentwurf des IASB für SME (SME-Vorabentwurf, siehe hier) wurde der Eigenständigkeit des SME-Standards mehr Rechnung getragen: Der verpflichtende Rückgriff (mandatory fallback) auf die full IFRS im Fall einer Regelungslücke wurde aufgegeben.

Von folgenden Wahlrechten, die in den full IFRS vorhanden sind, wurde die jeweils "leichtere" Methode in den ED-IFRS for SMEs übernommen:

  • Das Anlagevermögen (immaterielle Vermögensgegenstände, Sachanlagen und Finanz-Immobilien/investment properties) ist mit den fortgeführten Anschaffungs- und Herstellungskosten zu bewerten (keine Neubewertung oder Fair-Value-Bewertung erforderlich).
  • Fremdkapitalkosten (borrowing costs) sind als Aufwand zu erfassen (keine Aktivierung als Teil der Anschaffungs- oder Herstellungskosten, wenn sie direkt dem Erwerb, dem Bau oder der Herstellung eines qualifizierten Vermögenswertes zugeordnet werden können, IAS 23.11).
  • Die Kapitalflussrechnung (cash flow statement) ist nach der indirekten Methode zu erstellen (keine Anwendung der direkten Methode erforderlich).
  • Anteile an assoziierten Unternehmen sowie Joint Ventures: Fortgeführte Anschaffungskosten oder Fair-Value-Bewertung (keine Equity-Methode oder Quotenkonsolidierung).

Dennoch können die Wahlrechte der full IFRS weiterhin angewendet werden (z.B. Neubewertungsmethode beim Sachanlagevermögen analog IAS 16 (Abschnitt 16.11 IFRS for SMEs).

Als weitere Erleichterungen sind beispielsweise zu nennen:

  • Nicht planmäßig abzuschreibende immaterielle Vermögenswerte und Goodwill: Der Wertminderungstest (Impairment Test) muss in diesen Fällen nicht mehr zwingend jährlich, sondern darf – wie bei den übrigen betroffenen Vermögenswerten (u.a. Vorratsvermögen) auch – erst bei Vorliegen entsprechender Indizien vorgenommen werden.
  • Die Eröffnungsbilanz muss nicht IFRS-Bilanzansätze und -werte für SME enthalten, sondern kann mit den nach bisherigen Rechnungslegungsregeln ermittelten Beträgen erstellt werden, wenn die Ermittlung der IFRS-SME-Werte mit vertretbarem Aufwand nicht möglich (impracticable) ist.

Der SME-Standardentwurf bringt allerdings auch Schwierigkeiten mit sich:

  • Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital bei Personengesellschaften: Nach der bisherigen Regelung in IAS 32 müssen Personengesellschaften als häufige Rechtsform im Mittelstand ihr Eigenkapital als Fremdkapital ausweisen, da es nach der gesetzlichen Regelung in Deutschland kündbar ist (individueller Rückzahlungsanspruch des Gesellschafters auf das von ihm investierte Kapital). Dieses Problem greift auch der SME-Standardentwurf nicht auf, um es zu entschärfen.
  • Die Möglichkeit für Klein- und mittelständische Unternehmen, alle Wahlrechte der full IFRS weiterhin anzuwenden, erfordert umfassende Zusatzkenntnisse zu den für sie geltenden SME-Standards.
  • Die weiterhin bestehende Pflicht, HGB-Einzelabschlüsse als Basis für die steuerliche Gewinnermittlung zu erstellen, führt bei Klein- und mittelständischen Unternehmen zu einem kaum zu bewältigenden Mehraufwand, wenn sie einen IFRS for SMEs-Abschluss zusätzlich erstellen.

[Anm. d. Red.]

 

BC 3/2007