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Aufwind für Restrukturierungsmanager

 

Trotz der nach wie vor niedrigen Zahl der Unternehmensinsolvenzen sehen viele Experten einen deutlichen Anstieg der Restrukturierungsfälle im neuen Jahr 2022. Neben der anhaltenden Corona-Pandemie werden für diese Erwartungshaltung im sog. Restructuring Report gestiegene Rohstoffpreise und gestörte Lieferketten als Gründe ebenso angeführt wie der Klimawandel, der Fachkräftemangel oder der Megatrend Digitalisierung – all das belastet die Unternehmen zum Teil massiv. Zu den besonders betroffenen Branchen zählen Automotive, Handel und Touristik. Know-how im Restrukturierungsmanagement dürfte in 2022 sehr gefragt sein.


 

 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Zwar trat die von vielen befürchtete Insolvenzwelle in 2021 u.a. dank Staatshilfen und Aussetzung der Insolvenzantragspflicht nicht ein, dennoch geben die Deloitte-Experten, die ihren Restructuring Report kurz vor dem Jahreswechsel präsentierten, keinen Grund zur Entwarnung. In dem Bericht wurde eine Vielzahl verschiedener Restrukturierungsthemen im Hinblick auf die 12-Monats-Erwartungen der teilnehmenden Wirtschaftsexperten, die aus den Bereichen Finanzierung, Private Equity, Restrukturierung und Insolvenz kommen, analysiert (hierzu und zu weiteren Details s.u. https://www2.deloitte.com/de/de/pages/finance/articles/restructuring-report.html). Wichtige Fragen für die Branche werden angesprochen:

Die Einschätzung der Befragten ist deutlich: 94% gehen davon aus, dass die Anzahl der Restrukturierungsfälle in 2022 steigen wird. Jedoch wird es große Branchenunterschiede geben.

 

 

Lösung

Neben der Automobilindustrie, welche bereits vor der COVID-19-Pandemie unter starkem Konsolidierungsdruck und technologischen Veränderungen wie Elektromobilität und autonomes Fahren stand, befinden sich die Tourismusbranche und der (zumindest stationäre) Handel im Fokus.

In der Automobilindustrie werden als erschwerende Faktoren ein hoher Investitionsbedarf, operative Schwächen und ein schwieriges Refinanzierungsumfeld genannt. Hier habe sich die Pandemie als Brandbeschleuniger für eine Branche ausgewirkt, die nicht zuletzt mit einem sich fundamental verändernden Markt sowie Post-Brexit-Umsatzeinbußen, Elektrifizierung und Dieselaffäre zu kämpfen hat. Hinzu kommen Beschaffungsthematik, Energie- und Logistikpreise.

Auch in der Tourismusbranche und im (stationären) Handel ist von einem signifikanten Anpassungsdruck der Geschäftsmodelle auszugehen. Neben den offenkundigen Auswirkungen der Pandemie auf diese Branchen stehen beim Ladenhandel aber auch strukturelle Veränderungen aufgrund des sich seit Jahren ändernden Verbraucherverhaltens im Vordergrund. „Dieser Anpassungsdruck herrscht quer durch die Branchen und unterstreicht die umfassende Dringlichkeit der Digitalen Transformation, die gerade für alte, renommierte Unternehmen natürlich zäh und herausfordernd ist“, so der Deloitte-Studienleiter Dr. Thomas Sittel.

Ferner werden im Restructuring Report die Herausforderungen der Vorzeigeindustrie Maschinen- und Anlagenbau thematisiert, wo technologische Veränderungen und Konsolidierungsdruck sowie Digitalisierung die Branche unter Druck setzen. Auch in der Logistik wird die Digitalisierung als langfristiger Treiber für Effizienz gesehen sowie im Gesundheitswesen, wo die Transformation das gesamte Ökosystem erfasst hat, nicht zuletzt befeuert von der Corona-Pandemie.

Auf die Frage nach möglichen Lösungsoptionen für Krisenunternehmen prognostizieren die Befragten eine deutliche Zunahme von M&A-Transaktionen (Mergers & Acquisitions – Fusionen & Unternehmenserwerbe) sowie Abwicklungen im Vergleich zu operativen und finanziellen Restrukturierungen. Ein Grund hierfür wird in der von den Befragten erwarteten erhöhten Komplexität von Restrukturierungen gesehen. Derzeit werde ein verstärktes künstliches „Am-Leben-Halten“ von Unternehmen sowie eine zunehmende Anzahl von Stakeholdern mit unterschiedlichen Interessenslagen in Restrukturierungsfällen beobachtet. Daher sei es für Unternehmen zunehmend wichtiger, alle Optionen simultan zu analysieren und zu bewerten, um kontrollierte und kosteneffiziente Lösungen zu finden. Erschwerend komme hinzu, dass für 2022 mit einer zunehmenden Anzahl von Stakeholdern (z.B. Investoren, Lieferanten, Kunden, Mitarbeiter) zu rechnen sei, „deren unterschiedliche Interessenslagen im Rahmen einer Restrukturierung schlecht miteinander vereinbar sein werden. Aber auch die Restrukturierungen selbst greifen oftmals zu kurz – weil eine erforderliche Transformation des Geschäftsmodells meist ausbleibt“. Insgesamt sehen 64% der Befragten Konflikte unter Stakeholdern als einen wesentlichen Grund für das Scheitern einer Restrukturierung.

 

 

Praxishinweise:

  • Wie enorm hoch der Transformationsbedarf für die Hersteller und Zulieferer der deutschen Automobilindustrie ist, ist anhand einer am 28.12.2021 von der VDA-Präsidentin Hildegard Müller bekannt gegebenen Zahl abzulesen: 220 Mrd. € sollen in 2022 bis 2026 in Forschung und Entwicklung investiert werden, und zwar in Elektromobilität inkl. Batterietechnik, Digitalisierung und andere Forschungsfelder. Damit investiert die deutsche Automobilindustrie nach eigenen Angaben in diesem Zeitraum jährlich rechnerisch mehr als 44 Mrd. € – und damit mehr als die Bundeshaushalte für Wirtschaft und Energie (10,6 Mrd. €), für Bildung, Forschung inkl. der Raumfahrt (20,2 Mrd. €) und für internationale Zusammenarbeit (10,8 Mrd. €) zusammen in 2022 ausgeben werden. Man wolle weltweites Beispiel für eine Transformation sein, die sich an den Klimazielen ausrichtet und dabei gleichzeitig Wohlstand, Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze schafft.
  • In dem Deloitte-Report wird im Rahmen der Empfehlungen zur Prüfung aller vorhandenen Handlungsalternativen in der Restrukturierung auch auf das seit Januar 2021 eingeführte Sanierungs- und Insolvenzrechtsfortentwicklungsgesetz eingegangen. In dem damit neu geordneten europäischen Restrukturierungsumfeld bildet der Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen („StaRUG“) für Unternehmen den Hauptbestandteil des Gesetzes. Hintergrund ist vor allem eine Lückenschließung zwischen freien Sanierungsverhandlungen und gerichtlichen Verfahren. Immerhin 50% der befragten Teilnehmer sind der Meinung, dass durch das StaRUG Insolvenzen vermieden werden, hingegen sehen 33% keine nennenswerten Effekte.
  • Auf der den Bilanzbuchhaltern und Controllern besonders naheliegenden Finanzierungsseite gehen viele Befragte davon aus, dass alternative Fremdkapitalgeber an Bedeutung gewinnen werden. Anbieter von Private Debt (mezzaninen Finanzierungsinstrumenten, z.B. Nachrangdarlehen, Wandel- oder Optionsanleihen, Genussrechten) könnten höhere Risiken eingehen als etwa eine Hausbank. Rund 40% der Teilnehmer glauben, dass die Erstellung finanzieller Konzepte an Bedeutung gewinnen wird. In der Praxis sind unrealistische finanzielle Erwartungen ein häufiges Problem; so zeigt die Befragung, dass mehr als 70% der Teilnehmer eine zu ambitionierte Umsatzplanung als wesentliche Ursache für das Scheitern von Restrukturierungen ansehen.
  • Für einen langfristigen Erfolg müssten die Restrukturierungen tiefer ansetzen. Strategische Expertise rangiert daher unter den bei Restrukturierern derzeit besonders gesuchten Kernkompetenzen weit vorn: Auf die Frage, welche Kernkompetenz künftig bei Restrukturierungen an Bedeutung gewinnen werde, nannten 55% den Bereich Strategie.

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 2/2022



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