LSG Berlin-Brandenburg

Sozialhilfe: „Überbrückungsleistungen“ für Unionsbürger ohne Aufenthaltsrecht


EU-Bürger ohne Aufenthaltsrecht können beim Sozialamt Überbrückungsleistungen beantragen.

 

Zum Sachverhalt

Streitig war der Anspruch auf Hilfe zum Lebensunterhalt einer in Prag geborenen Klägerin, die sowohl die tschechische als auch die syrische Staatsangehörigkeit besitzt, lange in Syrien lebte und kriegsbedingt 2015 nach Deutschland einreiste.

Die Entscheidung des LSG Berlin-Brandenburg

Die Klägerin hatte nach den Feststellungen des LSG Berlin-Brandenburg keinen Anspruch auf reguläre Leistungen der Sozialhilfe. Denn sie besaß kein europarechtliches – „materielles“ – Freizügigkeitsrecht oder sonstiges Aufenthaltsrecht (Rechtsgrundlage: § 23 III 1 Nr. 2 SGB XII. Im Zentrum der Entscheidung stand die Frage, ob die Klägerin als Unionsbürgerin gänzlich von Leistungen der Sozialhilfe ausgeschlossen sein kann. Denn sie ist gegenüber anderen Ausländerinnen privilegiert: Auch wenn Unionsbürgerinnen objektiv kein Freizügigkeitsrecht besitzen, gilt ihr Aufenthalt als rechtmäßig, solange die Ausländerbehörde ihn nicht rechtswirksam beendet hat. Sie sind bis dahin ausländerrechtlich nicht zur Ausreise verpflichtet. Das LSG Berlin-Brandenburg hat die Frage grundsätzlich verneint. Es hat entschieden, dass Unionsbürger ohne materielles Aufenthaltsrecht Anspruch auf sogenannte Überbrückungsleistungen haben, solange die Ausländerbehörde gegen sie keine bestandskräftige und weiterhin wirksame Ausweisungsverfügung erlassen hat, die mit einem Einreise- und Aufenthaltsverbot verknüpft ist. Überbrückungsleistungen sind Leistungen zur Sicherung des laufenden Lebensunterhalts, die niedriger sind als die regulären Leistungen der Sozialhilfe. Sie sind zeitlich befristet bis zu einer möglichen Ausreise ua für den von § 23 III 1 Nr. 2 SGB XII erfassten Personenkreis (Rechtsgrundlage § 23 III 3 bis 6 SGB XII). Die vom LSG Berlin-Brandenburg zugelassene Revision zum BSG ist inzwischen eingelegt worden (Az. B 8 SO 7/19 R).

LSG Berlin-Brandenburg, Urt. v. 11.7.2019 – L 15 SO 181/18


Pressemitteilung des LSG Berlin-Brandenburg v. 30.9.2019