Joachim Jahn

Algorithmen verstehen


Unermüdlich spricht die Anwaltschaft über Legal Tech und was das für ihre Branche bedeutet. Auch haben immer mehr Rechtsfragen mit dem Internet und der digitalen Ökonomie zu tun. Die Universität Bayreuth hat jetzt ein Zusatzstudium eingerichtet, damit angehende Juristen wenigstens die technischen Grundlagen verstehen – vom autonomen Fahren über künstliche Intelligenz bis zur Energiewende.


„In den aktuellen Debatten wird viel heiße Luft produziert“, seufzt der Bayreuther Juraprofessor Michael Grünberger. Unter Juristen wimmele es von „Buzzwörtern“, über die Informatiker nur den Kopf schütteln könnten. Mit dem Zusatzstudium „Informatik und Digi­talisierung für Juristinnen und Juristen“ (DiGiZ) will der Lehrstuhlinhaber für Bürgerliches Recht, Wirtschafts- und Technikrecht dagegenhalten. Er leitet diesen Studiengang – ein gemeinsames Projekt der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät seiner Hochschule mit der dortigen Fakultät für Mathematik, Physik und Informatik.

Technikverständnis hilft

„Bei solchen Themen ist es hilfreich, wenn Juristen auch Grundkenntnisse etwa von Informatik haben“, lockt Grünberger. Die Vorlesungen, die im kommenden Wintersemester beginnen, seien für sie maßgeschneidert. So könnten sie später die Prozesse, die hinter den Veränderungen in ihrer Arbeitswelt steckten, besser verstehen. „Wer dabei dialog- und sprechfähig ist, kann hinterher besser beraten, entscheiden und regulieren.“ Die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen sei wegen der unterschiedlichen Denkweisen immer eine Herausforderung. Das weiß der Rechtswissenschaftler aus eigener Erfahrung.

Damit die neue Generation der Studierenden begreift, was eigentlich passiert, will die Hochschule ihnen nun Grundkenntnisse insbesondere in Informatik vermitteln. „Das ist die zentrale Voraussetzung, um Systeme sicher zu gestalten.“ Zu den Pflichtmodulen zählen die Programmiersprachen Python und Prolog, denn die Teilnehmer sollen in die Lage versetzt werden, selbstständig kleine Softwareprojekte umzusetzen. Wie sonst soll man Algorithmen verstehen, die oft im Verdacht der (absichtlichen oder unabsichtlichen) Diskriminierung etwa bestimmter Kundengruppen stehen? Auch IT-Sicherheit steht auf dem verbindlichen Teil des Stun­denplans. Durch die Beschäftigung beispielsweise mit Kryptographie, Signaturen und Authentifizierung (also Passwörtern, Sicherheitstoken, Biometrie und Authentifizierungsprotokollen) sollen die angehenden Juristen lernen, Gefahrensituationen zu erkennen – und ge­eignete Lösungsansätze vorzuschlagen. „Multimediale Systeme“ und – natürlich – der Datenschutz gehören zum teilweise freiwilligen Teil des Lehrstoffs.

Kanzleien signalisieren Bedarf

Thomas Klindt, Rechtsanwalt in München in der Kanzlei Noerr und Honorarprofessor in Bayreuth, betätigt sich offiziell als Werbebotschafter. „Ob es um Out­sourcing-Verträge im Cloud-Computing geht, um KI-­basierte Entscheidungsfindung bei Arbeitnehmer­beförderungen oder bei Versicherungsabschlüssen, ob wir von Algorithmus-getriebenen und damit ‚zufälligen‘ Kartellbildungen reden oder von der Produkthaftung bei autonomen Systemen mit Deep-Learning-Algo­rithmen: Immer wieder ist es so, dass die rechtliche Beratung den digitalen und informatorischen Sachverhalt verstehen muss“, schreibt er auf der Homepage der Uni: „Sonst geht sie an der Herausforderung vorbei.“ Voll­juristen mit einer Zusatzausbildung aus MINT-Fächern würden von Großkanzleien, Unternehmen, aber auch Ministerien und Sicherheitsbehörden händeringend gesucht. Verheißungsvoll schließt er: „Ich bin schon auf die ersten Kanzleibewerbungen mit diesem Abschluss gespannt …“

Bonus beim „Freischuss“

Wer aber nimmt die Mühen einer solchen Zusatzausbil­dung auf sich? Laut Initiator Grünberger sind es nicht nur Hochschüler, die gezielt auf spätere Berufschancen blicken. Sondern auch solche, die schon in der Schule eine Neigung zu Mathe oder Physik hatten, dies aber nicht zum Hauptstudium machen wollten. Bayreuth, das nicht gerade als Freizeitmetropole gilt, zieht nach seinen Worten ohnehin traditionell ganz überwiegend Studierende von außerhalb der Region an, die eine Leis­tungsbereitschaft auch bei wirtschafts- oder techniknahen Inhalten mitbringen. Ein kleiner Bonus für Teilnehmer an dem neuen Zusatzstudiengang: Absolventen bekommen beim „Freischuss“ fürs erste Examen eine Verlängerung.

Prof. Dr. Joachim Jahn ist Mitglied der NJW-Schriftleitung