Joachim Jahn

Büffeln in der Gruppe


Das Jurastudium ist entgegen einer verbreiteten Volksmeinung weit mehr als Auswendiglernen. Doch wie schaffen es die Hochschüler, den Stoff zu durchdringen und sich auch ­gedanklich anzueignen? Private Arbeitsgruppen sind ein probates Mittel, meint die Rechtsanwältin und Lehrbeauftragte Barbara Lange, die in Bayern in beiden Staatsexamina prüft. Die Universitäten sollten das ihrer Ansicht nach viel mehr fördern.

 

„Studienanfängern fehlt häufig der Mut zur Gründung einer Arbeitsgruppe“, hat Lange festgestellt. Deshalb sollten die Hochschulen ihnen den Einstieg erleichtern, findet sie: Dadurch würden die betroffenen Nachwuchsjuristen schließlich nicht „zum Jagen getragen“. Außerdem: „Die Fähigkeit, in Teams zu ­arbeiten, ist in einer immer komplexeren Welt un­abdingbar“, hat die Rechtsanwältin in einem jetzt im Nomos Verlag erschienenen Sammelband geschrieben (Jörn Griebel, „Vom juristischen Lernen“): „Die bewusste Förderung dieser Fähigkeit ist Ausdruck professioneller Lehre an einer Fakultät und schadet dem wissenschaftlichen Anspruch an ein Hochschulstudium nicht.“ Eine bloße Aufforderung zur Gründung privater Arbeitsgruppen reiche bei den meisten Studierenden hingegen nicht aus.

Keine bloßen Kaffeekränzchen

Die Examensprüferin befindet sich durchaus im Einklang mit vielerlei Stimmen aus Erziehungswissenschaften, Lernpsychologie und Rechtsdidaktik, wenn sie das hohe Lied auf Selbstlerngruppen singt. Sie trügen zu einer positiven Einstellung zum Lernen bei, verbesserten das kritische Denken, erhöhten im Vergleich zum „Einzellerner“ die Ausdauer und führten zu einer „Problemlösung auf höherer Stufe“. Klar: „Ein schlechter Lerner wird durch die Arbeitsgruppe nicht automatisch zu einem guten Lerner“, räumt Lange ein. Doch wendet sie sich gegen das „allgegenwärtige Bild der zum Kaffeekränzchen mutierten“ ­privaten Lerngruppe – auch wenn es natürlich vielerlei Unterschiede gebe, etwa zwischen „Peer Learning“ und „Peer Tutoring“, zwischen Gruppen im Grund- und Hauptstudium oder zur Examensvorbereitung, zwischen dauerhaften Gruppen oder solchen, die beispielsweise für die Anfertigung einer bestimmten Hausarbeit gegründet würden. Und sie warnt davor, diese Einrichtungen als Ersatz fürs individuelle Lernen anzusehen statt bloß als Ergänzung und Unterstützung: „Der Begriff Lerngruppe wird von Studierenden missverstanden, wenn damit die Vorstellung verbunden wird, dass dort der Ersterwerb von Wissen stattfinden könne.“

Hochschulen sollen Anstöße geben

Langes Tipp zum Auftakt: Die Gruppenmitglieder müssten eigenständig und übereinstimmend die „neun W-Fragen der Rechtsdidaktik“ beantworten: „Wer soll wozu, von wem, was, wann, mit wem, wie, womit und wo lernen?“ Die Ähnlichkeit mit der vertrauten Einstiegsfrage bei der juristischen Fall­bearbeitung im Zivilrecht: „Wer will was von wem woraus?“ wird die Anwältin sicher gerne in Kauf genommen haben.

Aber wie können die Hochschulen Anstöße zum selbstbestimmten Lernen geben? Die Vorschlagsliste ist lang. Das fängt schon beim Organisatorischen an. So könnten Lernräume verlässlich bereitgestellt und reserviert werden, am besten mit baulicher Anbindung zur Bibliothek und damit einem direktem Zugang zu Literatur. Ausgestattet mit Whiteboard, Flipchart, Smartboard oder Pinnwand – vielleicht sogar mit ­einem einschlägigen Handapparat. Marketingtipp: Die Unis könnten dies auf ihren Webseiten als Workbays, Coworking-Spaces oder Lernzentren deklarieren.

Partnerbörsen zum Lernen

Und wie finden Interessierte geeignete Lernpartner, wenn sich das nicht im Hörsaal, Seminarraum oder beim Pausenkaffee fast von alleine ergibt? Examensprüferin Lange verweist darauf, dass es mancherorts dafür virtuelle Plattformen gebe – etwa eine ständige „Lerngruppenbörse“ an der Uni Freiburg oder das Projekt JurExiT, das ehemalige und aktuelle Jurastudierende von Humboldt-Universität und Freier Universität in Berlin als Alternative zu kommerziellen Repetitoren gegründet haben. Voller Optimismus verkündet sie: „Der institutionelle Anstoß privater Arbeitsgruppen kann einen erheblichen Motivationsschub bewirken und die Einstellung zum Studium insgesamt ver­ändern.“ Nicht genug seien hingegen „der Auflockerung dienende väterliche oder mütterliche Ratschläge“ von Dozenten inmitten rechtsdogmatischer Veranstaltungen, die wenig verinnerlicht würden.