Joachim Jahn

Auf dem letzten Platz


Um die Zufriedenheit von Jurastudenten steht es verheerend. Diverse Studien zeigen: Im Ver­gleich mit allen anderen relevanten Studiengängen stellen sie bei einer Vielzahl von Frage­stellungen einen Negativrekord auf. Frank Bleckmann, Richter am LG Freiburg, Leiter einer Referendars-AG im Zivilrecht und Dozent, hat Verbesserungsvorschläge entwickelt.

In einem bundesweiten „Studierendensurvey“, den die Uni Konstanz im Jahr 2017 für das Bundesministerium für Bildung und Forschung durchgeführt hat, belegen die Rechtswissenschaften in einer Rangreihe zur Stu­dienqualität den letzten Platz. So sind Jurastudenten besonders häufig nicht durch Interesse am Fach, sondern „extrinsisch“ motiviert: 79 % von ihnen legen vor allem Wert auf ein gutes Examen. Zum Vergleich: Bei Medizinern sind es nur 46 %; aber auch bei Wirtschaftswissenschaftlern steht die „intrinsische“ Motivation im Vordergrund. Übrigens gilt die vorrangige Orientierung auf die Zensuren keineswegs nur für Studierende oder (erst recht) für Studienabbrecher der Juristerei, sondern auch für erfolgreiche Absolventen.

Einzelkämpfer am Werk

Weitere Hiobsbotschaften: Selbst wer das Examen in der Tasche hat, würde sich nur in 49 % der Fälle wieder für dieses Fach entscheiden – 31 % sagen sogar, das täten sie auf keinen Fall. Bei Kriterien wie Arbeitsintensität, Überforderung und Belastung erreichen angehende Juristen ebenfalls Spitzenwerte. Zu allem Überfluss leiden sie doppelt so oft wie in jeder anderen Disziplin ­unter Konkurrenzdruck, beurteilen ihre Beziehung zu den Lehrenden mit weitem Abstand am schlechtesten und beklagen Überfüllung. Sie melden sich in Veranstaltungen selten zu Wort, vermissen Kontakte zu Kommilitonen und fühlen sich als „Einzelkämpfer“. Selbst der Anteil von Studierenden mit Depressionen, Angststörungen und Drogenmissbrauch ist (so jedenfalls laut ­Erhebungen im Ausland) auffällig hoch.

Der Freiburger Richter Frank Bleckmann, der auch Referendars-AGs leitet und an Hochschulen lehrt, hat diese und weitere Untersuchungen für einen Sammelband ausgewertet, der kürzlich im Nomos Verlag erschienen ist (Jörn Griebel, „Vom juristischen Lernen“). Sein Fazit: „Die Lage ist düster – und das schon seit langem.“ Die juristischen Fakultäten hätten keinerlei ­Interesse an Selbsterkenntnis oder Selbstkritik, schreibt der stellvertretende Vorsitzende einer Zivilkammer und Sprecher der Neuen Richtervereinigung in Baden-­Württemberg. Doch Bleckmann hat sich in Glücksforschung, Pädagogik, Gesundheitswissenschaften und Arbeitspsychologie vertieft, in Kognitionspsychologie und Verhaltensökonomie. Er verharrt nicht in Anklage, sondern hat auch Vorschläge parat, was Hochschul­lehrer besser machen sollten. Der Schlüssel zu einer erfolgreicheren und freudvolleren Ausbildung liegt für Bleckmann darin, die Motivation der Nachwuchsjuristen zu steigern. Dafür nennt er Ansatzpunkte, die im aktuellen Lernbetrieb eher ungewöhnlich erscheinen: „Gefühle als das andere Judiz“, „Gerechtigkeit als Thema“ sowie die Arbeit mit Biographien.

Ein Lob den Emotionen

„Das Judiz ist eine praktische Fähigkeit“, tritt der Richterdozent möglichen Einwänden von Rechtsdogmatikern gegen die Betonung des Rechtsgefühls entgegen. Bei einem guten Judiz halte die intuitive Antwort der juristischen Rekonstruktion und praktischen Fallprüfung stand – „im Sinne der herrschenden Meinung, zuvörderst der Rechtsprechung“. Es gelte als persönliche Qualität eines Juristen und führe zu professioneller Anerkennung. Es könne aber auch eine „Störgröße“ sein, die Kraft gebe, gerade gegen eine „hM“ zu argumentieren. Ohne emotionale Beteiligung fehle alles, was Juristen zu mehr als bloßen Rechtstechnikern mache.

Auch beim Gerechtigkeitsgefühl sollen die Hochschüler gepackt werden. Die Liste der Beispiele ist lang: das Antidiskriminierungsrecht, der Schutz von Mietern, ­Arbeitnehmern und Minderjährigen – all das lege ungerechte Machtverhältnisse offen oder enthalte moralische Dilemmata. Ebenso Themen wie Ökologie, Menschenrechte oder der VW-Abgasskandal. Bei der Beschäftigung damit habe die Glaubwürdigkeit der Lehrenden Einfluss auf den Lernerfolg. Und weil es für Juristen keinen Eid des Hippokrates gibt, will der Ausbildungsreformer schließlich anhand von Lebensläufen für Berufsethik begeistern. So sollten die Fähigkeiten zum Nein-Sagen oder zum Whistleblowing gestärkt werden. Beispiele sind für Bleckmann Forschungen über NS-Juristen, etwa im Reichsjustizministerium („Die Akte Rosenburg“). So hofft er zumindest auf eine Umsetzung des Koalitionsvertrags im Bund, wonach im Jurastudium das Bewusstsein für Justizunrecht geschärft werden soll.