Joachim Jahn

Das Ende der Sauklaue


Krämpfe in der Hand, Sehnenscheidenentzündungen, eine unleserliche Klaue und die Angst, dass der Prüfer unbewusst aus dem schlechten Schriftbild auf mangelnde Kompetenz schließt – Klausuren in der juristischen Ausbildung sind eine Qual. Sachsen-Anhalt sorgt nun als erstes Bundesland für den Anschluss an die moderne Berufswirklichkeit: Das Zweite Staatsexamen dürfen die Kandidaten künftig am Laptop schreiben.

 

Landesjustizministerin Anne-Marie Keding (CDU) hat es nach zwei Probeläufen soeben genehmigt, und im Ersten Examen soll es bald auch dazu kommen. Möglich gemacht hat das eine Kooperation mit der Martin-­Luther-Universität Halle-Wittenberg: In manchen anderen Stu­diengängen sind dort digitale Prüfungen längst üblich, so dass die nötige Erfahrung und Infrastruktur vorhanden sind. Ralf Burgdorf, Präsident des Landesjustizprüfungsamts in Magdeburg, jubelt geradezu: „Wie bei der ‚Ariane‘ zünden wir jetzt die erste Stufe.“ Den un­geduldigen Chefprüfer, dessen eigene Handschrift auch nicht die Leserlichste ist, ärgert seit jeher, dass Juristen als ewige „Bewahrer“ bei solchen Innovationen hinter anderen Disziplinen hinterher hinkten.

Sachsen-Anhalt prescht vor

Im kommenden April geht es los. Gespräche mit den derzeitigen Referendaren haben ergeben: Mindestens 80 % von ihnen wollen das Angebot nutzen. Gezwungen zu seinem Glück wird jedoch niemand. Burg­dorf macht keinen Hehl daraus, dass sein Bundesland bei der Einführung einen Startvorteil hat: nur eine Jura-­Uni, bloß vier Landgerichte – daher wenig Kandidaten und niedrige Kosten. Umgekehrt erhofft er sich von diesem „Alleinstellungsmerkmal“ vorerst einen Wettbewerbsvorteil: Wie überall werden auch in dem neuen Bundesland Nachwuchsjuristen für Justiz, Verwaltung und Anwaltschaft knapp. Und statt nach Dessau oder Stendal zieht es Rechtsreferendare eher nach Hamburg, Berlin oder Niedersachsen. Nun aber fragen bereits die ersten Studenten an, wann auch sie im Examen in die Tasten greifen können.

Andere Bundesländer sind in den Vorbereitungen teilweise ebenfalls längst aktiv, etwa Baden-Württemberg. Auch in Bayern und Nordrhein-Westfalen gab es Pilotprojekte in Zusammenarbeit mit der Uni Siegen und der Firma IQUL, die Prüfungssoftware entwickelt (NJW-aktuell H. 39/2016, 12 f.). Aber dort hat man sich noch zu keiner Entscheidung über Konzept und Einführung durchringen können. In Hamburg starten SPD und Grüne gerade eine Initiative: In der Bürgerschaft haben sie einen Antrag an den Senat für ein „Staatsexamen 2.0“ eingebracht. Die Landesregierung soll die Einführung IT-gestützter Klausuren in den juristischen Examina vorantreiben – schließlich unterstütze Legal Tech schon ganz selbstverständlich die ­Arbeit von Juristen in sämtlichen Berufssparten, heißt es zur Begründung. Die Justizprüfungsämter haben sich im Mai gleichfalls einhellig für die Umstellung ausgesprochen.

Das Gleichheitsgebot fest im Blick

Doch LJPA-Präsident Burgdorf bleibt bescheiden. „Wir bleiben erstmal auf der ersten Stufe stehen“, räumt er ein. Aber damit vermeide man technische und juris­tische Probleme, die anderswo diskutiert werden. So wird die Korrektur noch immer traditionell vorgenommen: Die Prüfer bekommen einen Ausdruck der Klausuren statt eines direkten Zugriffs aufs Intranet der sachsen-anhaltinischen Justiz und deren Server. Auch sonst wird alles vermieden, was zu Zweifeln an der Gleichbehandlung sämtlicher Prüflinge – zumal jener Minderheit, die weiter Stift und Papier benutzen wollen – führen könnte. So darf niemand seinen eigenen Computer mitbringen. Genutzt werden muss ein spezielles Rechtschreibprogramm, das dem bekannten Word ähnelt, aber nicht mal eine Rechtschreibkorrektur be­inhaltet. Copy and Paste dagegen ist erlaubt, schließlich will man sich nicht alle Annehmlichkeiten heutiger Textverarbeitung verbieten; wer klassisch arbeitet, muss dann eben mit Pfeilen, Fußnoten und losen Er­gänzungszetteln herumwurschteln. Die Tastaturen sind nach ­ihrer Geräuscharmut ausgewählt, damit niemand sich am Klickern und Klappern stören kann.

Gesetzessammlungen und Kommentare wie Schön­felder und Palandt stehen weiter auf den Tischen; ein Datenbankzugriff ist bisher nicht geplant. Was bei anderen Disziplinen nicht nötig war, hat Burgdorf hin­gegen für die Juraprüfungen veranlasst: den Kauf von Bildschirmfolien. „Zu oft erleben wir“, berichtet der Chefprüfer, „dass Kandidaten aus Missgunst bei uns Konkurrenten anschwärzen, gespickt zu haben.“