Viktoria Stubbe

„Die Normativität nachhaltiger Digitalität”


MMR-Aktuell 2022, 450805   Die Tagung „Die Normativität nachhaltiger Digitalität” vom 5.5.-6.5.2022 in Kassel befasste sich mit dem Spannungsfeld zwischen nachhaltiger Entwicklung und Digitalisierung. Zur weltweiten Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung haben die Vereinten Nationen 17 Ziele (SDGs) formuliert. Insbesondere die Digitalisierung stellt neue Herausforderungen an die Erreichung der Ziele, kann aber durch ihren transformationalen Charakter auch neue Möglichkeiten eröffnen. Konflikte und Synergien zwischen den SDGs im Allgemeinen und vor allem in Bezug auf die Digitalisierung sind jedoch kaum erforscht. 

Diesem Spannungsfeld widmete sich die Tagung aus einer normativen Perspektive, die auf die Möglichkeiten und Herausforderungen einer nachhaltigen Digitalität zielte. Sie wurde von Gerrit Hornung und Jörn Lamla organisiert für die Projektgruppe „Nachhaltige Intelligenz – Intelligente Nachhaltigkeit“ des hessischen Zentrums verantwortungsbewusste Digitalisierung (ZEVEDI). Ein maßgebliches Thema war, welche unhinterfragten Annahmen in den SDG verborgen sind und welche Vorstellungen der Gestaltbarkeit der Gesellschaft sie mittransportieren.

In seiner Keynote umriss der Politikwissenschaftler Claus Leggewie, Universität Gießen, das Thema „Digitalisierung und Nachhaltigkeit – ein schwieriges Verhältnis“. Als früheres Mitglied des Wissenschaftliches Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) konnte er auf dessen Hauptgutachten „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“ (2019) aufbauen.

Kulturpessimistisch betrachtet, weise die Digitalisierung durch den hohen Verbrauch von Ressourcen eine negative ökologische Bilanz auf. Das Internet sei mit dem neoliberalen Versprechen des Marktplatzes der Ideen verbunden, werde aber als Ort der Desinformation und Propaganda genutzt.

Im Anthropozän sei es die Aufgabe digitalisierter Gesellschaften, einen neuen Humanismus zu fördern und der Aushöhlung der Demokratie entgegen zu wirken. Das Internet sei vorrangig nicht für politische Zwecke geschaffen worden. Heute nutzten junge Politiker jedoch Plattformen wie Social Media, um neue Wähler zu erreichen und Politikinteresse überhaupt zu wecken. Die politische Diskussion bleibe aber flüchtig und fragmentiert. Es entstehe kein Austausch von Argumenten, sondern eine Darstellung und Bestätigung der eigenen Meinung. Die pluralistische Meinungsbildung sei geschädigt. Der social divide werde durch den digital divide verstärkt. Zwar gebe es auch vielfältigen politischen Einsatz, etwa Nachrichtenüberblicke durch tweets oder Mitwirkung durch likes. Doch die Demokratisierung durch Digitalisierung sei hinter dem, was möglich gewesen wäre, zurückgeblieben.

Die Gesellschaft habe sich, so Leggewie, durch die Digitalisierung bereits verändert. Eine Forderung, nach dem Ausstieg aus dem Internet sei damit jedoch nicht verbunden. Viel eher habe die Gesellschaft „Digitalität“ bereits erlernt und als soziale Handlungsform aufgenommen.  Doch die Frage, wie eine digitale Gesellschaft aussehen könne, die die Zukunft des Homosapiens an sich im Blick hat, sei noch offen. Bei digitalen Innovationen sei die Stärkung des Selbstbewusstseins des Homosapiens zu fordern. Nur durch eine ethische Weiterentwicklung des Menschen und der Entgrenzung der Beziehung Mensch-Maschine könne eine nachhaltige Zukunft gefördert werden. Im Zentrum des normativen Kompasses zur Entwicklung stehe die Würde des Menschen, aber auch ein planetares Denken zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen.

Das nächste Panel leitete Christa Liedtke, Abteilungsleiterin Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, mit einem Vortrag zur Frage „Schafft nachhaltige Digitalita?t eine intelligente Dematerialisierung zwischen Produktion und Konsum?” ein.

Liedtke regte mit ihrem Beitrag dazu an, bestehende Strukturen innerhalb der Materialströme zu hinterfragen. Bislang gebe es kein einziges Produkt auf dem Markt, das nachhaltig ist. Dies liege vor allem daran, dass Materialien nicht in den Kreislauf zurückfließen. Im Sinne des SDG 12 (Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen) müssten Produzenten und Konsumenten deutlich stärker in die Verantwortung genommen werden.

Hierzu könnten circular strategies herangezogen werden. Diese Strategie wolle zunächst den Aspekt „rethink & reconfiguration“ in den Ablauf mit einbinden. Auch der Gedanke des „restore, reduce und avoid“ müsse als zentraler Punkt in den Kreislauf der Materialströme mit einfließen. Nicht zuletzt seien „recycle und reinvent“ entscheidend, um die Materialien nicht zu verlieren, sondern die zirkulären Verläufe zu schließen. Sie betonte, dass alle Aspekte in jedem Schritt eines Materialkreislaufs beachtet werden müssten. Erst dann könne nach der circular strategy nachhaltiger produziert und konsumiert werden. Anzusetzen sei beim Designen eines Produkts. Bereits bei diesem ersten Schritt müssten alle weiteren Kreislaufschritte mitbedacht werden, bis hin zum wiedereinfließen in die Produktion selbst.

Für eine Umsetzung der Strategie fokussiere der aktuelle Forschungsstand jedoch sehr stark allein auf die technischen Voraussetzungen der Materialkreisläufe. Viel eher müsse, so Liedtke, die Kompetenzentwicklung und die Frage, wie der Mensch leben will, erforscht werden. Diese entscheidende Frage in die Materialströme einzubeziehen, könne nur durch eine sozial-ökologische Forschung erreicht werden. Liedtke appellierte, hier einen Schwerpunkt zu setzen. Im Kontext dieser Forschung stehe der Konflikt zwischen soziotechnischer Optimierung und Technikoptimierung. So sei es einerseits aus Produktionsperspektive das Ziel, effizient zu produzieren. Die soziotechnische Perspektive lege den Fokus auf eine nachhaltige und ressourcenleichtere Produktion und Nutzung. Eine Lösung dieses Konflikts sei noch nicht ersichtlich. Jedoch könnten hier digitale Innovationen helfen, Materialkreisläufe gezielter zu beeinflussen. Digitale Innovationen auf Seiten der Produktion als auch auf Seiten der soziotechnologischen Perspektive könnten daher positive Wirkungen entfalten.

In einem Kommentar brachte Birgit Blättel-Mink, Goethe-Universität Frankfurt/M., ein, dass der Fokus nicht nur auf das SDG 12 zu nachhaltigen Konsum- und Produktionsweisen, sondern auf mehrere SDGs zu richten sei. Es sei fraglich, ob diese Zielkonflikte durch Digitalisierung lösbar seien, da der globale Norden und nationale Strategien dominierten. Die Digitalisierung müsse als Treiber technischer Gestaltung auf Suffizienzförderung ausgerichtet sein.


Das dritte Panel zum Thema „Rechtliche Innovationsverantwortung fu?r Nachhaltigkeit der und durch KI?” begann mit einem Vortrag von Alexander Roßnagel, Hessischer Beauftragter fu?r Datenschutz und Informationsfreiheit. Er führte aus, dass sich Innovationen in Richtung KI in Marktsituationen entwickelten und von grundrechtlichen Freiheiten geschützt seien. Der Staat habe die Möglichkeit und Verpflichtung, steuernd einzugreifen. Sowohl für das Ob als auch das Wie seien Gestaltungsspielräume und viele Instrumente zu beachten. KI sei bezogen auf SDGs nachhaltig, wenn sie keine negativen, sondern positive Auswirkungen habe. Regelungen zur KI seien jedoch erst noch im Entstehen. Der Entwurf eines EU-Gesetzes über KI (COM(2021) 206) enthalte Regeln für den Umgang mit Risiken von KI, wobei aber Risiken für die nachhaltige Entwicklung nicht einbezogen seien. Das für die einzelnen SDGs existierende bereichsspezifische Recht regele Nachhaltigkeitsaspekte nur mittelbar und mit großen Lücken.

Nötig für gesellschaftliche Transformationsprozesse seien Regeln für Systemtransformationen gegenüber kollektiven Auswirkungen von Risiken. Der Charakter rechtlicher Regelungen sei indes auf einzelne Probleme, einzelne Entscheider und Auswirkungen sowie einzelne gegenwärtige Gefahren ausgerichtet. Daher bestehe rechtlicher Innovationsbedarf. Roßnagel forderte daher, auch Kollektivrechtsgüter zu schützen und zukünftige Risiken durch Vorsorge einzubeziehen. Beispielhaft wies er auf die Klima-Entscheidung des BVerfG vom März 2021 hin. Demgegenüber widersprüchlich seien rechtliche Entwicklungen wie frei nutzbare Datenräume in der europäischen und deutschen Datenstrategie, individuelle Einwilligungen als zentralem Regulierungsinstrument, die Fixierung des Datenschutzrechts auf einen definierten konkreten Zweck sowie das absehbare Problem, dass anonymisierte Daten keine nachhaltige Lösung seien, weil Fortschritte der KI eine Re-Identifizierung wahrscheinlicher werden lasse. An den drei Beispielen Gesichtserkennung in der Öffentlichkeit, prädikative Analytik und smarter persönlicher Assistent führte er Probleme durch KI sowie Regelungsmöglichkeiten vor.

Ihren Kommentar gliederte Indra Spiecker genannt Do?hmann, Goethe-Universita?t Frankfurt/M., anhand der zunächst einfachen Fragen des wer, warum, was und wie. Dazu stellte sie weitreichende Überlegungen an, etwa zu den klaren Interessen von Herstellung und Vertrieb gegenüber diffusen, nicht homogenen Kollektivinteressen. Das Recht müsse offener unterschiedliche Zeithorizonte einbeziehen, insbesondere die langfristigen kollektiven Auswirkungen. Spiecker stellt dabei heraus, dass das deutsche Rechtssystem, das auf den Schutz des Individuums ausgerichtet sei, sich mehr auf kollektive Rechtsgüter konzentrieren müsse. Es könne jedoch nur einen kleinen Ausschnitt der Transformation und der Innovationen spezifisch regeln. Externe Effekte würden zu zögerlich angegangen. Die Individualkonzeption des Rechts sei zu überdenken.


Das letzte Panel leitete ein Vortrag von Anne Ixmeier, LMU München, ein zum Thema „Gestaltungsprinzipien für Informationssysteme bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung”. Digitale Technologien träfen auf ethische, soziale und ökologische Bedenken. Diesen Folgen stellte sie Gestaltungsprinzipien der nachhaltigen Entwicklung in Bezug auf Ressourcen gegenüber, die in vereinfachter Variante hießen: „reduce, reuse, recycle“. Insbesondere stellte sie in der Wirtschaftsinformatik diskutierte Designansätze für Green Information Systems vor: „Green IT“, „Green IS“ und „Green by IS“.

„Green IT“ (Green Information Technology) lege den Schwerpunkt auf Eigenschaften der Technologie an sich. Im Sinne der Green IT müsste daher hinterfragt werden, wie Produkte nachhaltiger gestaltet werden könnten. Insbesondere der Materialeinsatz stelle hierbei eine Herausforderung dar. Der energieeffizientere Betrieb von Produkten stehe im Zentrum der „Green IS“ (Green Information Systems). So könnten etwa Geschäftsabläufe und Prozesse weitaus effizienter gestaltet werden. Des Weiteren könnten Verhaltensänderungen durch Anwendungen hervorgerufen und unterstützt werden. Ein Monitoring der individuellen Verhaltensweisen könne dabei durch „Green by IS“ (Green by Information Systems) unterstützt werden.

Eine Kombination dieser Ansätze müsse bereits beim Produktdesign angestrebt werden. Die Pre-Use Phase sei entscheidend, da sie die Grundlage der In-Use Phase und der Post-Use-Phase bilde. Während sich die In-Use-Phase grds. auf das „wie” der Verwendung eines Produkts beziehe, setze sich die Post-Use-Phase vor allem mit der Frage auseinander, wie Materialien wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden könnten. Derzeit sieht Ixmeier jedoch das Problem, dass zu viele Stakeholder involviert seien. Digitale Systeme müssten herangezogen werden, um mehr Informationen zu Produkte in allen drei Phasen zur Verfügung zu stellen. Erst dann könne auch eine Rückführung an die einzelnen Stakeholder ermöglicht werden. Digitale Innovationen könnten so genutzt werden, dass statt der Zentrierung auf das Produkt mehr der Nutzen für Gesellschaft und Verbraucher im Blick seien.

In seinem Kommentar ging Matthias Söllner, Universität Kassel, auf Informationssysteme als Motor für Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung ein. Es sei auf eine hybride Intelligenz, also auf das Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz, abzustellen. Für die Zusammenarbeit von Mensch und künstlicher Intelligenz stellte er den Ansatz des Collaboration Engineering dar. Damit einhergehend sei die Forderung zu verstehen, dass KI vom Menschen lernen solle, um mit deren Daten besser die Algorithmen einzustellen. Andererseits könne aber auch der Mensch von KI lernen, zB um bessere Arbeitsabläufe zu erarbeiten. KI müsse in der Zukunft als „Teammitglied“ verstanden werden.


Die Tagung lässt sich abschließend nicht nur als Präsentation der aktuellen Forschungsstände der einzelnen Beteiligten einordnen. Die Diskussionen der einzelnen Beiträge regten über die eigene Forschung hinweg zu neuen Denkanstößen an. Es zeigte sich beim Thema „digitale Nachhaltigkeit”, dass die transdisziplinäre Arbeit des ZEVEDI-Projekts die jeweilige Forschung in neue Richtungen lenken kann.

 

Viktoria Stubbe, LLB Sozialrecht, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Dr. Christian Schrader mit der Professur Recht der Technikentwicklung an der Hochschule Fulda.