Oliver Michaelis

Gaede, Künstliche Intelligenz – Rechte und Strafen für Roboter?


Karsten Gaede, Künstliche Intelligenz – Rechte und Strafen für Roboter? Plädoyer für eine Regulierung künstlicher Intelligenz jenseits ihrer reinen Anwendung, Baden-Baden (Nomos) 2019, ISBN 978-3-8487-5880-7, € 29,–

MMR-Aktuell 2020, 424285   Gaede will mit dem vorliegenden Werk, welches seine erweiterte und vertiefte Antrittsvorlesung an der Bucerius Law School Hamburg vom 1.2.2019 darstellt, das gedankliche Ende der Kreation von Künstlicher Intelligenz (KI) hinterfragen und provokativ erfragen, ob es überhaupt sinnvoll und vertretbar ist, an KI weiter zu forschen.

Dazu gliedert er seine Darstellung in fünf Teile: In seinem Teil A (Einführung, S. 15-18) führt er über die Beispiele der KI-Optimisten, die sich durch die Künstliche Intelligenz ökonomische Vorteile erhoffen, und die KI-Pessimisten, die diametral dazu den Untergang oder die Versklavung der Menschheit im Kontext durch autonome Waffensysteme, in die Thematik ein.

Den Teil B (Künstliche Intelligenz – Data ante portas?, S. 19-30) nutzt Gaede, um einen Blick auf den aktuellen Stand der KI-Forschung zu geben. Dabei stellt er fest, dass z.B. die Google-Tochter DeepMind mit einer KI-Anwendung über einen der weltbesten Spieler des komplexen Brettspiels „Go“ einen Sieg errungen hat, oder dass Siri oder Alexa mittlerweile als intelligente Spracherkennungssoftware situative Reaktionen auf menschliche Ansprachen halten können. Oder das die Google Spracherkennungssoftware Translate für ihre Übersetzungen nicht mehr die zu übersetzenden Sätze Wort für Wort übersetzt, sondern versucht den Sinn des gesamten Satzes in der Ursprungssprache zu ermitteln, um dadurch die z.T. oftmals hölzernen Übersetzungen deutlich zu verbessern – was nachweislich auch funktioniert. Doch obwohl KI auch in der autonomen Fahrzeugsteuerung, in der Rechtswissenschaft (eJustice) oder in der medizinischen Forschung Einzug gehalten hat, so vermag im aktuellen Entwicklungsstand die KI  noch immer nicht seine Umwelt selbstständig zu erfassen und auf diese (wie ein Mensch) zu reagieren. Auch kann KI (bisher noch) keine Gefühle empfinden. Doch das „Human Brain Project“ der EU Kommission versucht das menschliche Gehirn vollständig abzubilden, um es zu rekonstruieren und mithin besser zu erforschen. Und an dem noch vorherrschenden Defizit von Empathie wird ebenfalls mit den emotional intelligenten Pflegerobotern geforscht, so dass möglicherweise in naher Zukunft KI auch um den Aspekt der Menschlichkeit erweitert werden kann.

Im Teil C (Speziesrechte für die starke künstliche Intelligenz, S. 31-55) hinterfragt der Autor, ob und wann intelligente Maschinen Rechte besitzen sollten, die dann irgendwie schon denen eines Menschen ähneln, sprich: welche Rechtsstellung könnte KI zukommen. Dabei diskutiert Gaede abwägend, ob wir Menschen der KI Menschenrechte zukommen lassen sollten oder eher nicht. Denn obwohl wir die Technik bisher eher instrumentell betrachten, so kann die „leblose“ Technik bisweilen mehr, als lebende Tiere, welche auch Rechte für sich beanspruchen können. Sollen wir der KI somit „Roboterrechte“ zugestehen, wie es Isaac Asimov bereits 1942 in seiner Kurzgeschichte „Runaround“ mit den „Grundregeln des Roboterdienstes“ versuchte? Auch wirft er die Frage in Bezug auf die „moderne Sklaverei“ auf. Ein Zustand, der eintreten könnte, wenn wir Menschen vernunftbegabte maschinelle Wesen in unsere Abhängigkeit setzen, um unsere menschlichen Bedürfnisse durch Maschinen und intelligente Roboter zu befriedigen (in Form von Sexrobotern oder Altenpflegerobotern).

In Teil D (Strafbefugnisse und -prämissen, S. 57-84) geht der Autor der zunehmend wichtigeren Frage nach, ob und wie wir Menschen Künstliche Intelligenz überhaupt bestrafen können bzw. dürfen und ob wir den sich gerade entwickelnden Prozess ihrer Schaffung so grundsätzlich mit Strafe bewehren könnten. Nachdem Gaede kurz angerissen hat, was überhaupt Strafe ist, wie sie wirken und durchsetzbar sein sollte, versucht er diese Erkenntnisse auf die KI zu übertragen. Was einfach klingt – Roboter zu bestrafen – kann durchaus problematisch sein. Denn was ist dabei das geeignete und angemessene Strafübel? Führt das zeitweise Ausschalten der Maschine zu einer Verhaltensänderung, was ja ein Zweck des Strafens sein soll? Über die Möglichkeit der Umprogrammierbarkeit der Maschine gelangt Gaede zu dem Problem der Durchsetzbarkeit der Strafe. Dabei schneidet er die Fragen an, ob wir Menschen grundsätzlich in der Lage sind, (unsere überlegenden) Maschinen effektiv zu „bestrafen“, oder ob wir dies auch nur unter Zuhilfenahme von anderen Maschinen erreichen können bzw. ob eine intelligente Maschine eine mögliche Bestrafung nicht antizipieren und somit die Strafdurchsetzung verhindern könnte.

Gaede gibt mit seiner vorliegenden Darstellung einen höchst spannenden und vielfach zum Nach- bzw. Weiterdenken anregende Überblick über die sich aktuell stellenden Fragen im Zusammenhang mit KI. Denn durch die immer weiter fortschreitende Entwicklung im KI-Bereich stellt sich (zu Recht) auch zwangsläufig die Frage nach grundsätzlichen Regulierungsbedarf mit seiner strafrechtlichen Absicherung an die zukünftige Entwicklung sowie der dann konkreten Regulierung. Denn wenn Maschinen intelligenter und überlegender als die humanoiden Lebensformen werden, könnte dann nicht auch die Gefahr einer Unterwerfung der Menschen unter die Maschinen bestehen, so wie es die Terminator-Filme bereits seit 1984 visualisieren?

Deutlich wird daher durch Gaedes Arbeit, dass es höchste Zeit wird, sich mit diesen spannenden und weitreichenden Fragen zunehmend vertieft auseinanderzusetzen.

 

Oliver Michaelis ist Jurist in Düsseldorf und zudem Teilnehmer am LL.M.-Programm „Wirtschaftsstraf-recht“ an der Universität Osnabrück.