Wolfgang Bär

Bosch, Straftaten in virtuellen Welten


Sebastian Bosch, Straftaten in virtuellen Welten. Eine materiellrechtliche Untersuchung. Internet und Digitale Gesellschaft, Band 14, Berlin (Duncker&Humblot) 2018, ISBN 978-3-428-15585-9, € 89,90

 

MMR-Aktuell 2019, 418408   Das Internet ist in den letzten Jahren zum integralen Bestandteil unseres Alltags geworden. Das Einkaufen im Netz, die Informationssuche, das Streamen von Filmen und Videos ebenso wie das Online-Banking sind für viele schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Gleichzeitig nimmt auch die Kriminalität im Internet zu. Vor allem Hackerangriffe auf die IT-Netzwerke von Unternehmen oder staatlicher Stellen wie zuletzt der Fall von „Datenleak“ oder „Doxxing“ Anfang 2019 rücken dieses Thema in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung mit der Folge, dass sich die Medien und die Strafrechtswissenschaft ausführlich mit dieser Thematik befassen. In diesem weiten Bereich hat aber bisher die Frage einer Strafbarkeit in (spielerischen) virtuellen Welten kaum Beachtung gefunden, die der vorliegenden Dissertation zu Grunde liegt. Mit diesen dogmatisch interessanten Problemstellungen befasst sich die von Prof. Dr. Wolfgang Mitsch betreute und im Sommersemester 2017 von der Juristischen Fakultät der Universität Potsdam angenommene Arbeit von Sebastian Bosch.

Die Arbeit gliedert sich in fünf, vom Umfang her sehr unterschiedliche, Teile. Zunächst geht der Verfasser im Teil 1 auf die Definition von virtuellen Welten und deren Geschichte ein, wobei auch die technischen Grundlagen erläutert und die Gesichtspunkte – wie Interaktivität, Persistenz, Verfügbarkeit, Anonymität und Freiheit – herausgearbeitet werden, die solche Angebote im Internet besonders attraktiv machen. Im Folgenden wird exemplarisch dafür auf die bekanntesten Angebote von „World of Warcraft“ und „Second Life“ näher eingegangen. Daran schließen sich im Teil 2 Ausführungen zur Einordnung und Definition der virtuellen Kriminalität einschließlich derer Formen an, die an Hand konkreter Beispiele weiter vertieft werden, etwa beim Umgang mit dem Dragon-Saber bei World of Warcraft. Die dabei festgesellten klassischen Begehungsweisen von Straftaten werfen die zentrale Frage auf, ob es in den virtuellen Welten auch zur Anwendbarkeit strafrechtlicher Normen kommt und wenn ja, welche strafrechtlichen Anknüpfungsprinzipien einen Rückgriff auf das deutsche Strafrecht begründen können. Dies wird im Teil 3 näher untersucht. Hier gelangt der Verfasser zum Ergebnis, dass auch in der virtuellen Welt deutsches Strafrecht nur dann zur Anwendung kommt, wenn sich entsprechend §§  3 ff. StGB der Handlungs- oder Erfolgsort im Inland befindet oder wenn Täter bzw. Opfer deutsche Staatsbürger waren und die Tat am Tatort mit Strafe bedroht ist.

Im eigentlichen Schwerpunkt der Arbeit untersucht der Autor i Teil 4 (S. 106-230) detailliert, welche konkreten Tatbestände des deutschen StGB in den virtuellen Welten verwirklicht sein können. Dies führt zum Ergebnis, dass speziell mittels der eingesetzten Avatare neben dem klassischen Betrug nach § 263 StGB, der Beleidigung (§ 185 StGB), dem Zugänglichmachen von pornografischen Schriften mittels Telemedien (§ 184d StGB) sogar in Einzelfällen eine Untreue nach § 266 StGB durch reine In-World-Handlungen in Betracht kommen kann. Dabei werden bei der Untersuchung in vielen Fällen bereits Tatbestandseinschränkungen vorgenommen, die zu einer Privilegierung von strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen innerhalb virtueller Welten führen, da es sich um ein Umfeld handelt, das einen besonders behutsamen Umgang im Hinblick auf die Anwendung strafrechtlicher Normen erfordert. Im letzten Teil der Dissertation untersucht der Verfasser schließlich eine weitergehende strafrechtliche Privilegierung virtueller Welten. Er fordert dabei anknüpfend an das Sportstrafrecht, dass Nutzer virtueller Welten dann straffrei bleiben müssen, wenn sie sich spielkonform verhalten und dabei einen Straftatbestand erfüllen sowie keine nicht-disponiblen Schutzgüter betroffen sind.

Zusammenfassend lässt sich daher festhalten, dass virtuelle Welten kommunikative Orte sind, bei denen gerade die freie Kommunikation ihre besondere Attraktivität begründet. Dadurch werden diese Angebote aber gleichzeitig zum Einfallstor für jede Form sozialschädlichen Verhaltens, das auf dieser Kommunikation basiert. Das Verhalten innerhalb einer virtuellen Welt kann daher zu strafrechtlichen Konsequenzen in der realen Welt führen. Letztlich ist dem Verfasser i.E. zuzustimmen, dass hier eine strafrechtliche Sonderbehandlung auf Grund der Besonderheiten virtueller Welten indiziert ist. Zudem wird bei etwaigen Straftaten eine Strafverfolgung in der Praxis kaum stattfinden. Gerade vor dem Hintergrund der im Vormarsch befindlichen Virtual Reality mit bisher noch kaum abzusehenden künftigen Entwicklungen, ist die vorliegende Arbeit mit ihren interessanten Ansätzen daher alldenjenigen zu empfehlen, die sich mit dieser Spezialmaterie der virtuellen Welten zu befassen haben.

 

Dr. Wolfgang Bär ist Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe.