Thomas Hoeren

Moser/Scheuermann/Drücke, Handbuch der Musikwirtschaft


Rolf Moser/Andreas Scheuermann/Florian Drücke (Hrsg.) Handbuch der Musikwirtschaft, 9. Aufl., München (C.H.BECK) 2018, ISBN 978-3-406-72028-4, € 179,–

MMR-Aktuell 2019, 413936   Ratlos steht man vor dem majestätischen Werk. Schon seit mehr als 20 Jahren steht das Handbuch der Musikwirtschaft monolithisch in der Wissenschaftslandschaft, ein Grundlagenwerk. Und doch beschleicht einen beim Lesen ein furchtbares Gefühl. Hier verewigt sich eine Szene selbst. Und daher ist das Handbuch eher eine Informationsblase einer selbstreferenziellen Branche, die gegen kritische Anfragen immun scheint und nur auf sich selbst hört. Wer Kritisches zur GEMA sucht oder Rechtsprobleme von Newcomern wissen will, findet in diesem Buch dazu nichts. Als Fremdkörper wird allenfalls die BGH-Entscheidung zur VG Wort und den Verlegern wahrgenommen, die offensichtlich ein Schock in der Szene ausgelöst hat und daher an mehreren Stellen des Bands herabgewürdigt wird. Die Sichtweise von Independent Labels und deren Versuche, sich mit Hilfe etwa von Blockchain abseits der großen Player ein eigenes Geschäftsfeld zu erarbeiten, wird einfach ausgeblendet, und das gründlich. Wenn man das weiß, weiß man, wie man das Handbuch lesen muss, nämlich gegen den Strich. Als Echo der Musikwirtschaft ist dieses Opus einfach beeindruckend und erschütternd zugleich.

Das Werk gliedert sich nach den Akteuren, vor allem im ersten Teil. Beschrieben werden sehr eingehend der Aufbau der Musikindustrie und die wirtschaftliche Entwicklung der Branche (S. 48). Dann folgt eine Darstellung zu den Musikverlagen und zum Notendruck (S. 101), gefolgt von Hinweisen zu den Musikclubs (S. 173) und zu den Bereichen Fernsehen, Radio und Video (S. 193). Im Teil 2 finden sich Hinweise zu den Verwertungsgesellschaften (S. 227), vor allem zu dem Bereich GEMA (S. 259). Es folgt der Bereich der Musikverbände (S. 359). Ein breiter Abschnitt schließt den Band im Bereich Recht (S. 515) und Verträge (Seite 652) ab.

Am gelungensten finde ich den Teil „Recht“. Sehr nüchtern und ohne Pathos beschreibt zunächst der Nestor des Musikurheberrechts Paul Hertin die gesetzlichen Grundlagen des Musik-Business (S. 515). Zu Recht stellt er fest, dass die ursprünglich vom BGH vertretene Auffassung, das ausschließliche Recht des Tonträgerherstellers sei bei der Übernahme kleinster Tonfetzen verletzt, nach der Rspr. des BVerfG „in dieser rigiden Anwendung nicht mehr verbindlich“ sei (S. 536). I.Ü. erwähnt er die Bedeutung des Übertragungszweckprinzips für den Schutz der Musikurheber gegen Buy-out (S. 589). Breite Erwähnung finden auch die Verbesserungsversuche im Urhebervertragsrecht, etwa zu § 40a (S. 540). Auch kritisiert wird der Verlegeranteil an GEMA-Einnahmen, da die Herstellung von Notenmaterial wirtschaftlich keine nennenswerte Rolle mehr spiele (S. 542). Lesenswert ist auch der Abschnitt von Schulze und Müller zu zentralen Entscheidungen des BGH für das Musikrecht seit 2000 (S. 545). Auch wenn die Verfasser sich auf die Referate der einzelnen Entscheidungsgründe beschränken und Literaturmeinungen eher missachten, ist die Übersicht dennoch für den Praktiker sehr hilfreich, um einen Eindruck von der Fülle der (oft zweifelhaften) BGH-Entscheidungen zu bekommen. Ausführungen ansonsten zu der Reform des Urhebervertragsrechts finden sich nicht; stattdessen wird „die Einheit der Musikbranche und das Gefühl der Verbundenheit der Kreativen mit ihren auswertenden Partnern der Musikindustrie“ heraufbeschworen (S. 638). Andere kleinere Kapitel lohnen jedenfalls dann der Lektüre, wenn sie sich mit nahezu unbekannten Fragen beschäftigen, wie etwa die Künstlersozialversicherung (S. 646) oder einzelne besondere Vertragstypen wie die Videoclip-Produktion oder den Filmmusiklizenzvertrag (S. 855 und 926).

I.E. liegt eine einzigartige Lektüre hinter dem Verfasser, der die Anschaffung des umfangreichen Handbuchs für jeden empfiehlt, der die Denkweise der Musikwirtschaft und deren Rechtsberater näher verstehen will.

Professor Dr. Thomas Hoeren ist Direktor der zivilrechtlichen Abteilung des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Mitherausgeber der MMR.