Jan Max Wettlaufer

Hartung/Bues/Halbleib (Hrsg.), Legal Tech


Markus Hartung/Micha-Manuel Bues/Gernot Halbleib (Hrsg.), Legal Tech, Die Digitalisierung des Rechtsmarkts, München (C.H.BECK/Vahlen) 2018, ISBN 978-3-406-71349-1, € 89,–

MMR-Aktuell 2018, 404600   „Seit einiger Zeit kann man sich vor Legal Tech kaum noch retten.“ So lautet der erste Satz des Vorworts der Herausgeber. Der typische Jurist sucht, wenn er nicht mehr weiterweiß, seine Rettung im Griff nach einem guten Buch. Das vorliegende Werk enthält eine übersichtlich aufbereitete Zusammenstellung von vornehmlich aus der Praxis stammenden Beiträgen und beweist, dass der Griff zu einem guten Buch, auch in Themen der Digitalisierung kein Fehler ist.

 

Im ersten Kapitel kommen die Herausgeber selbst ausführlich zu Wort. Den Beginn macht Hartung, indem er den oft nur schlagwortartig verwendeten Begriff „Legal Tech“ definiert und die durch ihn erfassten Erscheinungsformen kategorisiert. Nach Bues ist eine klare Strategie Voraussetzung für die erfolgreiche Digitalisierung. Hieran knüpft Halbleib an, wenn er aufzeigt, wie nach seiner Ansicht Kanzleien eine Strategie entwickeln können, um durch den Einsatz von Technologie die Anwaltstätigkeit produktiver zu machen und sich darüber hinaus komplett neue Geschäftsmodelle zu erschließen.

 

Es folgen Beschreibungen der jeweiligen „Legal Tech-Szene“ in Deutschland, den USA und im Vereinigten Königreich. Den größten Teil des Buchs nehmen Praktiker ein, die teilweise allgemein den Umgang ihrer Kanzlei bzw. ihres Unternehmens mit dem neuen Phänomen Legal Tech, aber teilweise auch konkrete Legal Tech-Anwendungen schildern. Besonders interessant ist die „Clearspire Story“, in der Cohen den spektakulären Start und das spektakuläre Scheitern einer Legal Tech-Kanzlei schildert. Kurz werden zudem sonstige „Akteure am Rechtsmarkt“, nämlich die Justiz in Form der Möglichkeit von Online-Streitbeilegungsmechanismen sowie Verlage, Universitäten und Berufskammern (Damelet/Smatt Pinelli/Blanc beschreiben den „Paris Bar Incubator“), in den Blick genommen. Zudem zeigt Hartung auf, wo sich Konflikte zwischen neuen digitalen Geschäftsmodellen und dem deutschen anwaltlichen Berufsrecht andeuten. Er selbst sieht Anpassungsbedarf vorrangig auf Seiten der Regulierung: Fortschritt lasse sich nicht verbieten (S. 252). Manche der Buchbeiträge lesen sich in Teilen wie einer Image-Broschüre (etwa: „[…] haben wir eine Vorstellung davon herausdestilliert, was eine Anwaltskanzlei der Zukunft auszeichnet.“, Wenzler über Baker McKenzie auf S. 79) oder einer Produktbeschreibung („Klickt man auf einen Vertrag, […] erscheint auf der linken Seite der Benutzeroberfläche die Zusammenfassung […].“, Krause/Hecker in ihrer Beschreibung der Software KIRA, S. 87) entnommen. Andere Beiträge wirken dagegen geradezu anekdotisch (etwa der Beitrag von Solmecke). Gemeinsam ist aber allen Beiträgen, dass sie getragen sind von dem Interesse, die persönlichen Erfahrungen mit Legal Tech einem größeren Publikum zugänglich und verständlich zu machen. Und auch wenn aus dem Ansatz verschiedene Praktiker jeweils ihren Zugang zum Thema Legal Tech schildern zu lassen, teilweise inhaltliche Wiederholungen folgen, gewinnt der Leser gerade durch diesen Rundumschlag einen überaus guten Einblick, was den Rechtsmarkt gerade in Sachen Digitalisierung bewegt.

 

Im letzten Kapitel des Buchs sollen die relevanten Eigenschaften und Funktionsweisen von „neuen Technologien“ erklärt werden: In den Blick genommen werden der „Rechtsautomat“, die automatisierte Dokumentenerstellung, der Begriff der Künstlichen Intelligenz sowie Blockchain und Smart Contracts. Nach Bues ist die entscheidende Frage nicht, wie viele Arbeitsplätze oder Aufgaben die Künstliche Intelligenz ersetzten wird, sondern wie sie die anwaltliche Arbeit verändern wird. Exemplarisch kritisiert er insoweit den Entwurf des Artikels „Can Robots be Lawyers?“ aus dem Jahr 2015 der US-amerikanischen Professoren Remus und Levy (der finale Artikel ist Mitte 2017 veröffentlicht worden: 30 Geo. J. Legal Ethics 501). Die Frage, wie sich die anwaltliche Arbeit verändern wird, ist jedoch mit der Frage, in welchem Umfang welche konkreten Aufgaben ersetzt werden, eng verknüpft. Insoweit bieten Remus/Levy einen wichtigen Beitrag, da sie ihre Vorhersagen nicht auf persönliche Eindrücke und eigenen Erfahrungen, sondern auf eine methodisch-systematische Sammlung von Daten zu stützen.

 

Den Abschluss des Buchs bildet Hartung mit vier Thesen für die Zukunft. Er betont, dass natürlich niemand wissen kann, wohin genau die Reise gehen wird. Trotzdem versetzt das Buch den Juristen in die Lage, mitreden zu können, mit denen, die sich Gedanken machen darüber, was die Technologisierung mit uns, unserer Arbeit und dem Recht macht. Und es liefert einen ausgezeichneten Ansatz, sich selbst seine eigenen Gedanken darüber zu machen.

 

Jan Max Wettlaufer ist Doktorand der Universität Zürich und Stipendiat des Basler Doktoratsprogramms „Recht im Wandel“.