NJW

 


Klassenfoto

 

Auch wenn es schon eine Zeitlang her ist, liebe Leser, aber können Sie sich noch an das rituelle Klassenfoto zu Beginn, am Ende oder während eines jeden Schuljahrs erinnern? Manch einer ist deshalb heute noch schwersttraumatisiert, weshalb nicht wenige diese Fotos am liebsten in irgendeinem Giftschrank wissen möchten – und den wiederum an der tiefsten Stelle der Ostsee. Zum Glück ist das mit dem Wünschen ja so eine Sache, denn sonst würden in der einen oder anderen Fahrrinne zwischen Travemünde und Trelleborg mittlerweile selbst Paddelboote auf Grund laufen. Aber vielleicht beruhigt es alle Schüler unter unseren Lesern – die Ehemaligen eingeschlossen – dass auch Lehrer mit so manchem Klassenfoto hadern. Deshalb hat es schon die eine oder andere Ablichtung dieser Art auf einen Richtertisch geschafft, etwa auf einen beim VG Koblenz (Urt. v. 6.9.2019 – 5 K 101/19.KO).

Geklagt hatte ein Studienrat an einem rheinland-pfälzischen Gymnasium, der sich im Rahmen eines Fototermins mit zwei Schulklassen ablichten ließ bzw. lassen musste. Denn die Schulleitung meinte, es sei doch hübsch, alljährlich ein Schuljahrbuch mit den Fotos sämtlicher Klassen bzw. Kurse und deren jeweiliger Lehrkraft herauszugeben. Dann könnte man es selbst Jahrzehnte später immer mal wieder in die Hand nehmen und beim Betrachten der Fotos wahlweise in Erinnerungen schwelgen oder von einer Ohnmacht in die nächste fallen. Kaum war das streitgegenständliche Druckerzeugnis erschienen, machte der spätere Kläger Ärger. Die Fotos, auf denen er abgebildet sei, müssten aus dem Jahrbuch verschwinden, forderte er. Oder zumindest seien sie so zu schwärzen, auf dass niemand ihn erkennen könne. Über die Gründe, die ihn zu dieser Forderung veranlasst haben, können wir nur spekulieren. Vielleicht hatte er beim Durchblättern festgestellt, dass ihm von höherer Stelle doch kein Editorial-Gesicht mit auf den Lebensweg gegeben worden war. Oder er hatte es vorm Fototermin nicht mehr zum Frisör geschafft, Hemd, Krawatte, Hose und Socken waren farblich in sich nicht stimmig, oder, oder, oder. Es gibt so viele Gründe, die einen Mann dazu veranlassen können, vehement die Beseitigung eines Fotos zu fordern.

Wem dazu beim besten Willen gar nichts einfallen will, der kann’s ja mal mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht versuchen – Grundrechte wirken, zumindest meistens. In unserem Fall aber nicht. Der Dienstherr berief sich auf eine konkludente Einwilligung des Klägers; schließlich habe ihn niemand gezwungen, für die beiden Fotos zu posieren. Weil sich dagegen aber vortragen ließe, dass einem Studienrat schlechterdings nichts anderes übrig bleibe, als bei einem solchen Fototermin mitzumachen, fuhr das VG Koblenz sicherheitshalber ganz andere Geschütze auf, um die Klage abzuschmettern, und ordnete die zwei Klassenfotos als – Achtung, anschnallen – Dokumente aus dem Bereich der Zeitgeschichte ein. Wenn Sie Ihre Klassenfotos, auf denen Sie aussehen, wie Sie niemals aussehen wollten, nun mit völlig anderen Augen sehen, dann hätte das VG Koblenz mit seinem Richterspruch so viel mehr erreicht, als nur einen Fall entschieden.

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