NJW

 


Auf Abstand

 

Für alle, die es noch nicht gemerkt haben: Wir erleben gerade turbulente Zeiten. Und wie es scheint, werden die von Tag zu Tag turbulenter. Manch’ einer munkelt bereits von verrückten oder irren Zeiten, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Denn man will ja das Volk, das erst die Verschiebung der Fußball-EM um ein Jahr verkraften musste und sich momentan noch nicht einmal mehr mit Shoppen selbstsedieren kann, nicht noch zusätzlich beunruhigen. Das dachte sich sicherlich auch unsere ehemalige Verteidigungsministerin in ihrem Brüsseler Büro, als sie Mitte der 12. Kalenderwoche einräumte, die Politik habe Corona am Anfang unterschätzt. Auf so ein Statement von einer promovierten Medizinerin haben die zutiefst verunsicherten EU-Bürger gewartet; da verliert das Virus doch gleich seinen Schrecken und wir blicken wieder voller Zuversicht in eine Zukunft ohne Corona und Covid-19. Denn wir wissen: Brüssel schafft das! Andere sehen „die Krise“ als Charaktertest fürs Volk. Da ist viel Wahres dran. Ob wir diesen Test allerdings bestehen, darf bezweifelt werden. Wer diese Zweifel nicht hegt, schaut nach Lektüre dieser Zeitschrift mal bei einem Lebensmittel- oder Drogeriemarkt vorbei – alles andere hat ja zu – und wird ganz schnell feststellen: Das Land der Dichter und Denker, von Johann Sebastian Bach, Thomas Mann und Angela Merkel trotzt der Krise mit Dosentomaten und Klopapier. Wann werden wir endlich begreifen, dass das Virus, das sich damit stoppen lässt, erst noch erfunden werden muss? Vielleicht versuchen wir es zur Abwechslung mal mit ein bisschen gesundem Menschenverstand. Wen das überfordert oder wer ganz generell diesem Phänomen skeptisch gegenübersteht – Gründe für diese Skepsis gibt es ja zurzeit genug –, der sollte wenigstens die Empfehlung des Robert Koch-Instituts beherzigen und einfach ein bisschen mehr Abstand als sonst zu Dritten halten – ein Rat, der übrigens auch für alle gilt, gegen die ein Kontaktaufnahmeverbot verhängt wurde. Und damit sind wir endlich bei der Entscheidung von dieser Woche (OLG Zweibrücken, Beschl. v. 12.4.2019 – 6 WF 44/19). Hat ausnahmsweise mal etwas länger gedauert. Aber wir erleben halt gerade irre Zeiten.

In dem Fall hatte die Mutter eines siebenjährigen Kindes zusammen mit ihrem neuen Lebensabschnittspartner ein Kontaktaufnahmeverbot gegen den Kindsvater erwirkt. Eines schönen Tages begegnete der mit dem Kontaktverbot belegte Kindsvater – wie der Zufall es wollte – dem neuen Familienglück, zu dem er nun leider nicht mehr gehörte, auf der Straße. Wer wollte es ihm verargen, dass er bei dem Anblick in Wallung geriet? Doch bevor er losschlagen wollte, fiel ihm quasi im letzten Moment das Kontaktaufnahmeverbot ein. Eine überschlägige Prüfung ergab recht schnell, dass losgelöst von etwaigen strafrechtlichen Erwägungen seine Faust im Gesicht des Nebenbuhlers ziemlich sicher einen Verstoß gegen dieses Verbot darstellen würde. Also, schnell auf die andere Straßenseite und zum Abschied freundlich winken, allerdings mit dem gestreckten Mittelfinger, gemein hin bekannt als „Stinkefinger“. Dem OLG Zweibrücken reichte das für eine Kontaktaufnahme mittels körperlicher Gestik. Weil aber dieser Verstoß weder schwerwiegend noch wiederholt war, war er dem Gericht auch nicht mehr als 100 Euro wert.  

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