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Als exklusiven Service für Sie wählt die NJW-Redaktion auf ihrer wöchentlichen Redaktionskonferenz Entscheidungen aus, denen sie das Prädikat „Entscheidung der Woche“ verleiht. Dabei handelt es sich um Judikate, die – noch vor dem Erscheinen im Heft – besonders hervorgehoben werden sollen, weil der übliche Erscheinungsrhythmus des Heftes weder etwa der Bedeutung der Erkenntnis noch beispielsweise der Dringlichkeit der Publikation gerecht würde. Bis wir eine zitierfähige Fundstelle liefern, stellen wir Ihnen unser Material – kostenlos – zur Verfügung. Die Entscheidung der Woche können Sie durch einen Klick auf das Downloadsymbol als pdf-Dokument aufrufen. Schauen Sie rein!



Grollender Audi

 

Sie können sich ja gar nicht vorstellen, liebe Leser, wie wichtig der richtige Sound eines Autos für die Kaufentscheidung ist. Wir sprechen hier nämlich von einer hoch emotionalen Angelegenheit. Deshalb tüfteln hochbezahlte Akustikexperten auch jahrelang daran, dass beispielsweise die Autotüre ja mit dem perfekten Plopp (nicht: Blubb) schließt. Und sie tüfteln nicht nur an den Fahrzeugen der so genannten Oberklasse, sondern auch und gerade an solchen der Economy-Class. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb mancher Golffahrer meint, dass sich sein Verkaufsschlager aus Wolfsburg wie ein Porsche anhört, allerdings nur dann, wenn man die Autotür ins Schloss schubst. Manchem reicht das ja; andere sind da anspruchsvoller. Deshalb überlässt die Autoindustrie auch beim Motor schon lange nichts mehr dem Zufall und bietet mittlerweile vom zornigen Dieselknurren über heiseres Bellen inklusive lässig eingestreuter Fake-Fehlzündungen bis zum sonoren Blubbern ein breit aufgestelltes Klanginferno. Hauptsache, der Kunde kauft die Karre und macht sich schon mal Gedanken darüber, wen er alles mit den leistungsstarken Soundmodulatoren zwischen den vier markigen Auspuffrohren so richtig ärgern kann. Abgaswerte und Verbrauch sind dann garantiert ähnlich wichtig wie die SPD bei der Regierungsbildung in NRW, versprochen! Aber bevor es zu politisch wird, beschäftigen wir uns lieber mit der Entscheidung von dieser Woche, bei der sich alles um einen grollenden Audi dreht (LG Münster, Urt. v. 15.11. 2016 – 15 O 152/15).

Der spätere Kläger erwarb vom späteren Beklagten einen Audi Q3. Dessen Motor grollte und grummelte bei einer Geschwindigkeit von etwa 70 bis 80 km/h wie ein schlecht gelaunter Hofhund, allerdings nur, wenn man aus dieser Geschwindigkeit im siebten Gang leicht beschleunigte. Wie kann man nur?, wird sich nun der ein oder andere Vielfahrer an dieser Stelle fragen. Gute Frage, finden wir, allerdings wurde die nie gestellt. Stattdessen forderte der Fahrzeughalter den Verkäufer zur Mängelbeseitigung auf, die aber nicht gelang. Der Halter wollte deshalb den Kaufvertrag rückabwickeln. Das wiederum lehnte der Verkäufer ab, worauf die Sache beim LG Münster landete. Und das nutzte die Gelegenheit, um mal mit dem Audi eine flotte Runde ums Gerichtsgebäude zu drehen. Dabei grollte der Wagen in dem genannten Fahrbereich zuverlässig vor sich hin. Das Problem: Die Richter hatten daran nichts auszusetzen. Vielmehr meinten sie, dass das Grollen sich vom sonstigen Klangbild des Wagens so wenig unterscheide, dass technische Laien wie sie es gar nicht als störend empfinden würden. Unser Tipp an den unterlegenen Kläger: Vor dem Beschleunigen von 70 auf 80 km/h einfach mal einen Gang runterschalten, vielleicht hat es sich dann ja ausgegrollt. 

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