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Als exklusiven Service für Sie wählt die NJW-Redaktion auf ihrer wöchentlichen Redaktionskonferenz Entscheidungen aus, denen sie das Prädikat „Entscheidung der Woche“ verleiht. Dabei handelt es sich um Judikate, die – noch vor dem Erscheinen im Heft – besonders hervorgehoben werden sollen, weil der übliche Erscheinungsrhythmus des Heftes weder etwa der Bedeutung der Erkenntnis noch beispielsweise der Dringlichkeit der Publikation gerecht würde. Bis wir eine zitierfähige Fundstelle liefern, stellen wir Ihnen unser Material – kostenlos – zur Verfügung. Die Entscheidung der Woche können Sie durch einen Klick auf das Downloadsymbol als pdf-Dokument aufrufen. Schauen Sie rein!



Erdbeeren aus Vechta

Mit dem Verbraucherschutz ist nicht zu spaßen. Und das ist auch gut so. Denn schließlich möchten wir uns keine Gedanken darüber machen, ob beispielsweise die 2 kg Dresdner Stollen, die wir eben in der Mittagspause zu einem Spottpreis auf dem Weihnachtsmarkt erworben und den unterzuckerten Kollegen als Nachtisch angeboten haben, tatsächlich aus der sächsischen Metropole kommen, oder nicht doch eher aus Taiwan. Und deshalb finden wir es auch ganz richtig, dass das OVG Münster (Beschl. v. 2.11.2017 – 4 B 891/17) jüngst gnadenlos mit einem Münsteraner Markthändler ins Gericht ging. Der hatte  nämlich seine Kunden im westfälischen Fahrradparadies mit einem ganz perfiden Trick über die Herkunft seiner Erdbeeren getäuscht.

Besagter Markthändler bot auf dem Münsteraner Wochenmarkt im Frühsommer unter anderem Erdbeeren aus dem Münsterland an. Und weil Produkte mit Lokalkolorit nun mal hipp sind, verkauften sich die Erdbeeren aus dem Münsterland wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Die Sache hatte allerdings einen Haken: Bei der Herkunft seiner Erdbeeren hatte der spätere Antragsteller ein bisschen geschummelt, was aber ohne profunde Erdkundekenntnisse nicht ohne Weiteres zu erkennen war. Denn in Deutschland gibt es nicht nur das Münsterland um Münster herum, sondern beispielsweise noch eins in Niedersachsen. Wer da hin will, muss lediglich die A1 von Münster aus knapp 100 km weiter Richtung Bremen befahren, vorbei am Kreuz Lotte, ein paar Autobahnbaustellen und der Friedensstadt Osnabrück. Dahinter ist dann nicht etwa die Welt zu Ende, sondern dann kommt erst mal das Artland, und ein paar Autobahnabfahrten später die Region um Vechta und Cloppenburg, gemeinhin bekannt als das Oldenburger Münsterland. Von daher spricht doch eigentlich nichts dagegen, Erdbeeren aus Vechta als Erdbeeren aus dem Münsterland zu verkaufen, oder? Das OVG Münster konnte dieser kleinen Ungenauigkeit herzlich wenig abgewinnen. Und deshalb steht nun fest: Wer Erdbeeren aus Vechta oder Cloppenburg auf dem Münsteraner Wochenmarkt mit der verkaufsfördernden Herkunftsbezeichnung „Münsterländer“ verkauft und den Zusatz „Oldenburg“ unter den Tisch fallen lässt, weil dafür möglicherweise die Tinte im Filzstift nicht mehr ganz gereicht hat, ist derart unzuverlässig, dass er auf dem Wochenmarkt im Schatten des Doms nichts mehr zu suchen hat – zumindest nicht als Obst- und Gemüsehändler.

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