Dr. Wolfgang Kleinwächter

24. ICANN-Tagung in Vancouver


Die 24. ICANN-Tagung Anfang Dezember 2005 im kanadischen Vancouver fand vor dem Hintergrund des kurz zuvor beendeten 2. Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS II) statt. WSIS II hat das Umfeld für ICANN nicht unerheblich verändert.

Zwar bekam ICANN, deren Legitimität durch das Unterordnungsverhältnis zur US-Regierung von vielen in Zweifel gezogen wurde, durch den Tunis-Gipfel eine de facto-Anerkennung. Zukünftig aber muss sich ICANN an den WSIS-Maßstäben - Offenheit, Transparenz, Demokratie und Multistakeholderism - messen lassen. Und mit dem neuen "Internet Governance Forum" (IGF) hat ICANN einen Wachhund an die Seite bekommen, der darauf achten wird, dass die Kernressourcen des Internet - Domainnamen, IP-Adressen und Root-Server - tatsächlich im Interesse der globalen Internetgemeinschaft verwaltet werden. In Vancouver war daher zu spüren, dass ICANN sich darauf einstellt, den neuen Kriterien gerecht zu werden.

An erster Stelle steht das sichtbare Bemühen von ICANN, das Verhältnis zu den Regierungen neu zu gestalten. Der bei WSIS diskutierte Vorschlag der Schaffung eines "UN-Internet-Regierungsrats" fiel in Tunis zwar durch, aber viele Regierungen sind nach wie vor der Meinung, dass sie bei der globalen Verwaltung des Internet mehr zu sagen haben sollten, als lediglich Ratschläge an eine private Gesellschaft mit Sitz in den USA zu geben. ICANN-Vorsitzender Vint Cerf hatte daher noch vor dem Tunis-Gipfel die Regierungen zu einem gesonderten Dialog eingeladen, um darüber zu reden, wie man künftig am effektivsten zusammenarbeiten kann. Cerf bot den Regierungen an, ihre Präsenz im ICANN-Direktorium zu vergrößern - bislang ist das "Governmental Advisory Committee" (GAC) nur mit seinem Vorsitzenden als nichtstimmberechtigtes Mitglied vertreten - und in Zukunft die Kosten für das GAC-Sekretariat, die momentan auf freiwilliger Basis von der EU-Kommission getragen werden, aus dem ICANN-Budget zu begleichen. Zwar sahen einige GAC-Mitglieder insb. in dem Finanzierungsvorschlag ein Angebot mit einem Pferdefuß, der die Unabhängigkeit des GAC untergraben könnte, zumindest aber einigte man sich in Vancouver darauf, eine gemeinsame Arbeitsgruppe zu bilden, die bis zur nächsten ICANN-Tagung in Wellington herausfinden soll, wie das Verhältnis zukünftig zu gestalten sei.

Deutlich wurde dieser neue kooperative Geist im Zusammenhang mit der geplanten Einführung der Top-Level-Domain (sTLD) .xxx. Nachdem das GAC und einige Regierungen, darunter die USA und Schweden, Einwände gegen die neue sTLD erhoben haben, wurde das Thema von der Tagesordnung gestrichen und eine weitere Diskussionsrunde mit den Regierungen vereinbart.

Auch bei einem anderen kontroversen Thema - der Erneuerung des Vertrags zwischen ICANN und VeriSign über die .com Registry - zeigte das ICANN-Direktorium eine bislang wenig gekannte Flexibilität. Die massive Kritik, die nahezu alle ICANN-Constituencies an dem neuen Vertrag übten, wurde vom ICANN-Board akzeptiert und auch hier wurde eine weitere Diskussionsrunde vereinbart. Die Kritik betraf insb. die zeitlich unbegrenzte Delegierung von .com an VeriSign, das Recht zu einer jährlichen Preiserhöhung von bis zu 7% und einen Blankoscheck für Datamining. VeriSign verwaltet auch die .net-Registry und ist ICANNs größter Beitragszahler.

Bestätigt wurden hingegen die Verträge mit den neuen sTLDs .cat, .travel, .jobs und .mobi. Neben .xxx sind auch .post, .tel und .asia noch in der Warteschlange.

Auch im Umgang mit den Länderdomains und den Nutzerorganisationen demonstrierte das ICANN-Direktorium in Vancouver eine neue Flexibilität. Für beide Constituencies gab es nicht unwesentliche Änderungen in den ICANN-Bylaws. Hinsichtlich der ccTLDs wurde der sog. "Policy Development Process" (PDP) weiter präzisiert. Die neuen Regularien verunmöglichen weitgehend, dass eine von der CNSO an das ICANN-Direktorium gegebene Empfehlung vom Board einseitig ignoriert oder verändert werden kann. Erleichtert wurde weiterhin das Akkreditierungsverfahren für Nutzerorganisationen für das "At Large Advisory Committee" (ALAC).

Erstmalig gab es auch zwei offizielle Treffen zwischen ALAC und dem ICANN-Direktorium sowie zwischen ALAC und dem GAC. Auf diese Weise erhielt das bei WSIS in Tunis bekräftigte Prinzip des Multistakeholderism weiteren Auftrieb.

Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Diskussion zu internationalisierten Domainnamen (iDNS) und dem neuen Internet-Address-Protokoll IPv6. Die Implementierung von iDNs ist offensichtlich komplizierter als erwartet und es gibt nur langsam Fortschritte. Hingegen verbessern sich die Perspektiven für einen Übergang von IPv4 zu IPv6. Die nächste ICANN-Tagung findet im März 2006 in Wellington statt.

Prof. Dr. Wolfgang Kleinwächter, Aarhus/Leipzig.


MMR 2006, Heft 3, XXII