Dr. Wolfgang Kleinwächter

14. ICANN-Tagung in Bukarest


Die 14. Tagung des ICANN-Board fand vom 24.-28.6.2002 in Bukarest statt. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Reform von ICANN. Weitere Themen waren die Zukunft der .org-Registry, der Bericht des Komitees zu internationalisierten Domainnamen (iDNS) und der sog. "Waiting List Service" (WLS).

Reform von ICANN

Wenige Tage vor der Konferenz hatte ICANN's "Evolution and Reform Committee" (ERC) in einem "Blueprint for Reform" betitelten Dokument die Eckpunkte für eine reformierte ICANN zur Diskussion gestellt. Die reformierte ICANN soll sich demnach stärker auf ihr technisches Kerngeschäft (Core Mission) konzentrieren, wobei erstmalig eingeräumt wird, dass die Erfüllung dieser Aufgabe unweigerlich in den Bereich der öffentlichen Politik eingreift. Als eine Konsequenz daraus schlägt das ERC die Installierung eines "Verbindungsoffiziers" vor, den das "Governmental Advisory Committee" (GAC) als eine nicht-stimmberechtigte "Liaison" in das ICANN-Direktorium entsenden soll. Nach dem Blueprint-Papier soll sich das ICANN-Board von 19 auf 15 Direktoren verkleinern, aber mehrere nicht-stimmberechtigte "Liaisons" einschließen. Die bisherige "Domain Name Supporting Organization" (DNSO) soll in zwei SOs, je eine für generische Top-Level-Domain-Names (GNSO) und eine für Länder-Domains (CSNO) aufgespalten werden. Während die "Address Supporting Organization" (ASO) erhalten bleiben soll, soll die bisherige "Protocol Supporting Organization" (PSO) in ein "Technical Advisory Committee" (TAC) umgewandelt werden und nur noch mit einer nicht-stimmberechtigten "Liaison" im Direktorium vertreten sein. Auch das "Root Server Advisory Comittee" (RSAC) und das "Security Advisory Commitee" (SAC) sollen je einen nicht-stimmberechtigten Vertreter in das Direktorium entsenden. Von den 15 stimmberechtigten Direktoren sollen sechs von den SOs (je SO zwei Direktoren) und acht von einem neu zu bildenden "Nominierungskomitee" gewählt bzw. delegiert werden. Der 15. Direktor bleibt der CEO. Das Nominierungskomitee wiederum soll sich aus 19 Persönlichkeiten zusammensetzen, die von den verschiedenen Constituencies der SOs bzw. anderer relevanter Gruppen, einschl. der individuellen Internetnutzer nominiert werden. Die Verantwortung für die Politik in Bezug auf Domainnamen und Internetadressen soll primär bei den SOs liegen. Das ICANN-Direktorium soll diese Beschlüsse lediglich "absegnen" und damit dem Prinzip der "bottom up policy development", wie es in den originären ICANN-Bylaws verankert ist, wieder mehr mit Leben erfüllen. Globale Onlinewahlen für Direktoren soll es jedoch nicht mehr geben.

Überraschend für viele Beobachter trafen die Leitlinien des "Blueprint-Papiers" auf breite Zustimmung. Zwar gab es eine Vielzahl von Ergänzungs- und Präzisierungsvorschlägen, im Grundsatz aber stimmte die Mehrheit der in Bukarest anwesenden Verteter der "Global Internet Community" dem Reformvorschlag zu. Zu den substanziellen Erweiterungsvorschlägen gehörte die Idee, zusätzlich ein "At-Large Advisory Committee" (ALAC), zu bilden, das analog dem GAC, dem TAC, dem SAC und dem RSAC mit Beratungsfunktionen für das Direktorium und einer nicht-stimmberechtigten "Liaison" im Board ausgestattet wäre. Damit würde man den Empfehlungen der Bildt-Kommission, die eine "At Large Supporting Organization" (ALSO) vorgeschlagen hatte, zwar nicht ganz gerecht werden, würde aber einen Kanal schaffen, um die Interessen von individuellen Internetnutzern in der ICANN-Struktur zu verankern. Das Direktorium verabschiedete die Resolution zum "Blueprint for Reform" mit den genannten Ergänzungen einstimmig. Bis zur nächsten ICANN-Tagung in Shanghai (Oktober 2002) sollen die Reformvorschläge im Detail beschlussfähig ausgearbeitet werden.

Differenzen im GAC

Erstmalig in der Geschichte von ICANN war das "Governmental Advisory Committee" (GAC), das stets parallel zum ICANN-Direktorium tagt, nicht in der Lage, mit einem konsensualen Dokument seine Beratung abzuschließen. Während die Mehrheit der GAC-Mitglieder dem "Blueprint" im Grundsatz zustimmten, beharrten einige europäische Regierungen, darunter die deutsche Bundesregierung, und die Internationale Fernmeldeunion (ITU) auf abweichenden Meinungen. Zwar waren sich die anwesenden GAC-Mitglieder darin einig, dass eine "public-private partnership" zwischen der privaten ICANN und den nationalen Regierungen eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Erfüllung der Aufgaben von ICANN ist, Uneinigkeit herrschte aber darüber, wie dies in praktische Mechanismen umgesetzt werden soll. Nach den bisherigen Bylaws kann das GAC lediglich nicht-bindende Empfehlungen an das ICANN-Direktorium geben. Während sich jedoch die Mehrheit der GAC-Mitglieder damit begnügte zu betonen, dass das GAC das "prinzipielle Forum" für die internationale Diskussion von "public policy issues" ist, die im Zusammenhang mit der Aufgabenerfüllung von ICANN und dem Domain-Name-System auftreten, drängten Frankreich und Deutschland auf einen konkreten Interaktionsmechanismus, der dem GAC in einer Reihe von Fragen ein Veto-Recht einräumen und das ICANN-Direktorium verpflichten würde, im Falle einer Nichtbeachtung einer GAC-Empfehlungen dies ggü. dem GAC zu begründen. Deutschland und Frankreich hielten in ihrem als Annex an das GAC-Kommunique beigefügten Statement auch fest, dass die vom ERC abgelehnte Option der Schaffung einer neuen zwischenstaatlichen Organisation (evtl. im UN-System) eine durchaus denkbare Alternative für das globale Management des Domain-Name-Systems ist. Die ITU wiederum distanzierte sich weitgehend vom GAC-Kommunique und seinem prinzipiellen Einverständnis zum "Blueprint". ITU-Mitglieder wie China, Russland und zahlreiche Entwicklungsländer, die bislang kaum am der Arbeit des GAC teilgenommen haben, drängen seit geraumer Zeit darauf, dass die ITU bei ihrer bevorstehenden Vollversammlung in Marakesh (Oktober 2002) einen Beschluss fasst, der die nationale Souveränität der Regierungen im Zusammenhang mit dem Internetdomainnamen- und Adressensystem bekräftigt. Diese Entwicklung stößt auf eine klare Ablehnung der US-Regierung. Zwar räumt mittlerweile auch die US-Regierung ein, dass Regierungen, insb. mit Blick auf die ccTLDs, eine größere Rolle spielen könnten und auch sollten, eine "Verstaatlichung" von ICANN aber wird nach wie vor grds. abgelehnt. Die im US-Kongress vorherrschende Meinung ist jedoch, dass allein die US-Regierung berechtigt sein sollte, in die Verwaltung der Kernressourcen des Internet, einschl. der Kontrolle über den A-Root-Server, einzugreifen. Dies trägt indes unweigerlich ein internationales Konfliktpotenzial in sich.

.org Registry

Nach dem im April 2001 geschlossenen Vertrag zwischen ICANN, VeriSign und dem US-Handelsministerium muss VeriSign, die bislang die Registry for die gTLDs .com, .net und .org betreiben, die Registry für .org bis zum 31.12.2002 abgeben. Unter .org sind rund 5 Mio. Domainnamen registriert. Nachdem eine Arbeitsgruppe der DNSO Leitlinien für eine Re-Delegierung der .org-Registry ausgearbeitet hatte, wurde im Frühjahr 2002 eine Ausschreibung veröffentlicht, auf die sich elf Bewerber meldeten, die jetzt in Bukarest ihre Projekte vorstellten. Der ursprüngliche Gedanke, die .org-Registry primär für nicht-kommerzielle Nutzer auszubauen und als Gegengewicht zu .com zu platzieren, ist in dem bisherigen Prozess jedoch weitgehend in den Hintergrund gerückt. Zwar betonten alle elf Kandidaten, darunter auch mehrere europäische Konsortien wie SWITCH/NOMINET, dass sie Vorzugsbedingungen für nicht-kommerzielle Nutzer einräumen wollen, das Direktorium ließ jedoch durchblicken, dass es Kriterien wie Effizienz, Stabilität und Wirtschaftlichkeit Vorrang bei der Entscheidung geben wird. Erwartet wird, dass noch vor der Shanghai-Tagung das Direktorium in einer Telefonkonferenz den neuen Betreiber der .org-Registry benennt.

Internationalisierte Domainnamen (iDNS)

ICANN-Direktor Kato präsentierte den Abschlussbericht des ICANN-Komitees zu internationalisierten Domainnamen. Die auf dem Non-ASCII-Code basierten Top-Level-Domainnamen tragen das Risiko einer "kosmischen Konfusion" in sich. Kato machte einerseits deutlich, dass der Domainnamenmarkt nach Non-ASCII-Code-Domains fragt. Andererseits konnte er nach wie vor nicht die technische Bedenken ausräumen, die von Experten wie John Klensin seit Jahren artikuliert werden. Erneut wandte sich das ICANN-Direktorium an die entsprechende Arbeitsgruppe der IETF, die notwendige Standardisierungsarbeit zu beschleunigen und bat die Kato-Kommission, bis zum Shanghai-Treffen der ICANN weiterzuarbeiten.

Waiting List Service (WLS)

Der sog. "Waiting List Service" (WLS), den Unternehmen wie Snapnames in Kooperation mit VeriSign seit einiger Zeit anbieten, wird zunehmend zu einem Problem, mit dem sich nun auch ausführlich das ICANN-Direktorium beschäftigte. Dabei geht es darum, was mit attraktiven Domainnamen passiert, deren Registrierungsverträge vom Registranten nicht rechtzeitig erneuert werden. Mit WLS können sich Namenskandidaten gegen eine relativ hohe Gebühr das Zugriffsrecht auf Namen sichern für den Fall, dass der Registrant die Verlängerung seines Vertrags verabsäumt hat. Die Streitfragen betreffen dabei die Zeitdauer zwischen Ablauf des Vertrags und Freigabe des Namens, die Kosten für die Vorregistrierung und die konkreten technischen Modalitäten der Warteperioden. Der Names Council der DNSO wurde aufgefordert, bis Ende Juli 2002 dem Direktorium handhabbare und abschließende Empfehlungen zum sog. WLS-Dienst vorzulegen.

Die nächste Tagung des ICANN-Direktoriums findet ebenfalls Ende Oktober in Shanghai statt.

Prof. Dr. Wolfgang Kleinwächter, University of Aarhus/Leipzig.


MMR 2002, Heft 8, XXI