Australien: Hoher Wohlfühlfaktor down under – Wahlstation in der Kanzlei Peter D. Lange in Sydney


Sydney, Austragungsort der Olympischen Spiele im Jahr 2000, gehört zu den schönsten Städten der Welt. In Umfragen wird der Stadt regelmäßig ein hoher Wohlfühlfaktor zugesprochen. Kein schlechter Ort also, um einen Einblick in das angloamerikanische Rechtssystem zu erhalten!

Schon zu Beginn meines Referendariats hatte ich den Entschluss gefasst, die dreimonatige Wahlstation im Ausland und im Bereich Strafrecht zu absolvieren. Auf der Suche nach einer geeigneten Ausbildungsstelle fand ich eine Anzeige von Rechtsanwalt Peter D. Lange aus Sydney, in der er qualifizierten Rechtsreferendaren die Möglichkeit anbot, die Wahlstation in seiner Kanzlei abzuleisten. Ich bewarb mich Ende 2007 für meine Station im Sommer 2008 und erhielt nach einiger Zeit eine Zusage von Herrn Lange.

Er ist seit zehn Jahren als Strafverteidiger in Australien und Großbritannien tätig und arbeitet nebenbei auch in New York und München, wo er an der Ludwig-Maximilians-Universität als Assistent beschäftigt war. Herr Lange spricht fließend Deutsch, Arbeitssprache in der Kanzlei ist jedoch Englisch.

In der Kanzlei, die ausschließlich im Bereich Strafrechts tätig ist, arbeiten mehrere Barristers (Prozessanwälte) und Solicitors (Anwälte) in Bürogemeinschaft. Insgesamt waren dort 15 Personen beschäftigt, die seit geraumer Zeit nahezu ausschließlich mit zwei Großverfahren in Sydney befasst waren. In einem dieser Verfahren geht es um neun Angeklagte, die in Australien eine islamistische Terrorzelle gegründet und diverse Anschläge, unter anderem auf ein Kraftwerk, geplant haben sollen. Der Prozess begann im Frühjahr 2008, kurz bevor ich nach Sydney kam, und wird vermutlich erst Ende 2009 abgeschlossen sein. In einem weiteren Prozess ist ein australischer Staatsbürger angeklagt, ein Buch verfasst und verbreitet zu haben, das zu terroristischen Taten gegen Australien auffordert und so Terroristen bei der Planung und Durchführung von Anschlägen unterstützt haben soll.

Der Arbeitsalltag

Eine Wahlstation in Australien klingt in manchen Ohren wahrscheinlich nach einer „Tauchstation“, was jedoch zumindest in der Kanzlei Lange nicht den Tatsachen entspricht. Ich hatte in der Kanzlei einen eigenen Schreibtisch, mein Zimmer befand sich neben dem Büro meines Ausbilders. Die tägliche Arbeitszeit dauerte etwa von 9 bis 18 Uhr, eine zusätzliche Vergütung wurde nicht gezahlt. Allerdings wurde ich von Herrn Lange nahezu täglich zum Essen oder nach der Arbeit zu einem Drink eingeladen. Dies war eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag und hat das Arbeitsklima insgesamt positiv beeinflusst. Ich werde wohl nie den (nicht ganz ernst gemeinten) Satz meines Ausbilders vergessen, der mich beim Aktenstudium fragte, wie weit ich mit der Bearbeitung sei, und ich antwortete, dass ich diese noch nicht vollständig gelesen habe: „Du sollst hier nicht lesen, sondern arbeiten!“

Diese bestand anfangs vornehmlich aus Recherchen in den zahlreichen und exzellent ausgestatteten Büchereien der Stadt, der Universität und der Anwaltsvereinigung. Daneben hatte ich weitere Tätigkeiten selbstständig zu erledigen. So betreute ich einen australischen Mandanten, der sich wegen Betrugs in Auslieferungshaft befand. In diesem Fall führte ich die Korrespondenz mit einem Strafverteidiger aus Düsseldorf und stellte Recherchen zum Auslieferungsrecht in Deutschland und Australien an. Ich suchte den Mandanten in der Justizvollzugsanstalt auf und traf mich mehrmals mit seiner Ehefrau, um sie über den Verfahrensstand bzw. die Verteidigungsstrategie zu unterrichten.

Fast täglich ging ich mit meinem Ausbilder zu Gerichtsverhandlungen oder Konferenzen und Besprechungen mit anderen Verteidigern. So bekam ich einen guten Überblick über das gesamte australische Strafrecht. Unter anderem nahm ich an Revisionsverhandlungen gegen einen Drogenhändler und einen Terroristen teil, der wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt worden war. Außerdem arbeitete ich in einem Ermittlungsverfahren mit, in dem es um den Besitz von kinderpornographischen Dateien ging.

Die meiste Zeit jedoch nahm das schon erwähnte Großverfahren in Anspruch. Die neun Angeklagten sind bereits seit 2005 in Haft, die Ermittlungen dauerten aber bis zum Frühjahr 2008 an. Das Gericht ist für dieses Verfahren nach Parramatta, einen Vorort von Sydney, umgezogen, da es in Sydney selbst keine Räumlichkeiten gab, in denen die Angeklagten mit ihren 40 (!) Verteidigern hätten untergebracht werden können. Jede Woche wurde an zwei oder drei Tagen unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen verhandelt, wobei das Verfahren sich noch im pre-trial, das heißt dem Vorverfahren ohne die Anwesenheit der Jury, befand. In diesem Verfahrensstadium werden Verfahrens- und Beweisfragen zwischen den Beteiligten erörtert und vom Gericht festgelegt. Neben der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft war auch der australische Geheimdienst mit eigenen Rechtsanwälten an dem Verfahren beteiligt, um die Sicherheitsinteressen des Landes zu wahren. Vornehmlich ging es um Beweisverwertungsverbote und Verfassungsfragen im Bereich der polizeilichen Ermittlungen gegen die Angeklagten. Auch die Mitglieder der Jury waren bereits aus 5000 Kandidaten ausgewählt worden. Sie mussten sich auf ein weiteres Prozessjahr einstellen, da die Beweisaufnahme die Vernehmung von mehr als hundert Zeugen vorschrieb.

Ich hatte examensbedingt keine Zeit, mich vor dem Beginn der Wahlstation auf das australische Strafrechtssystem vorzubereiten, und hatte daher am Anfang Probleme mit der Fachsprache und den doch recht ungewohnten Verfahrensweisen vor Gericht. Dies legte sich jedoch schon nach kurzer Zeit auf Grund der Arbeit an den konkreten Fällen und den Erläuterungen meines Ausbilders. Zum Einarbeiten in die Rechtssprache kann ich das Deutsch-Englische Rechtswörterbuch von Gerhard Köbler sowie die „Einführung in die angloamerikanische Rechtssprache“ von Shannon Byrd empfehlen. Zum Verständnis juristischer Texte genügen jedoch auch die einschlägigen Internetwörterbücher wie www.leo.org oder www.dict.cc. Im Übrigen gibt es von Andrew J. Cannon einen aktuelles Buch über das australische Rechtssystem aus dem Jahr 2008 (,,Lessons from the Australien Constitution. An Introduction to the Australian Legal system“).

Sydney als Wunschziel

Über eines muss man sich im Klaren sein, wenn man sich für Sydney als Wahlstation entscheidet: Sydney ist teuer. Insbesondere ein Zimmer bekommt man, auch außerhalb der Saison, nicht unter 150 Euro in der Woche. Je nachdem, wie weit man innerhalb oder außerhalb der Stadt wohnen möchte, bieten die Vororte günstigere Möglichkeiten. Allerdings hat man dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln mitunter sehr lange Strecken zurückzulegen. Außerdem sind auch die Standards, was das Wohnen angeht, doch etwas unter dem aus Deutschland gewohnten Niveau. Sehr zu empfehlen für die Wohnungssuche ist die Website www.gumtree.com.au, auf der neben Unterkünften auch jede Menge gebrauchte Möbel und Elektrogeräte angeboten werden, die man benötigt, um sich in unmöblierten Unterkünften einzurichten. Ich fand nach ein paar Tagen der Suche ein nettes Appartement in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt, von wo aus ich zu Fuß in wenigen Minuten in der Kanzlei war. Der Lebensstandard in Australien ist mit westeuropäischen Ländern vergleichbar, auch die Lebenshaltungskosten sind ähnlich.

Neben der Arbeit sind selbstverständlich auch die vielfältigen Freizeitaktivitäten nicht zu vernachlässigen. Sydney verfügt über ein reichhaltiges Angebot an Bars und Pubs. Viele davon befinden sich innerhalb des Geschäftsviertels CBD (central business district), wo zahlreiche After Work Parties stattfinden. Aber auch in den Vororten von Sydney gibt es eine Vielzahl internationaler Bars und Clubs, genauso wie in King’s Cross. Dieser Stadtteil, der noch vor einigen Jahren als Rotlichtgegend verrufen war, liegt nur zwei U-Bahn-Stationen von der Innenstadt entfernt und hat sich mittlerweile zum internationalen Backpacker-Zentrum der Stadt entwickelt.

Ansonsten ist das Freizeitangebot in Sydney stark vom Wasser und den traumhaften Stränden geprägt. Am bekanntesten und schönsten sind Manly und Bondi Beach. Überhaupt haben Wassersportarten wie Segeln und Surfen in Sydney einen sehr hohen Stellenwert. Schon vor Sonnenaufgang sind unzählige Jogger im städtischen Hydepark unterwegs, um noch vor der Arbeit ein Läufchen hinzulegen. Abends steht oftmals noch ein Besuch am Strand auf dem Programm. Am Wochenende sind Ausflüge in die nähere Umgebung empfehlenswert. Insbesondere eine Tour in die Blue Mountains oder in einen Tierpark sollte man sich nicht entgehen lassen, um auch einmal das Vergnügen zu haben, Kängurus und Koalas zu streicheln. Innerstaatliche Flüge sind sehr billig, und man kann übers Wochenende für weniger als 50 Euro nach Melbourne (881 km entfernt) oder Brisbane (931 km) fliegen. Wer sich darüber hinaus auf eigene Faust in den Linksverkehr stürzen und die Gegend erkunden will, findet überall preiswerte Mietwagenangebote. Europäische Führerscheine sind in Australien ein Jahr lang gültig.

Fazit

Die Station war äußerst spannend, wozu natürlich auch der außergewöhnliche Strafprozess beigetragen hat. Ich konnte in der Station einen guten Einblick in das angloamerikanische Rechtssystem sowie das common law gewinnen. Zudem habe ich sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht viel über die Unterschiede der Rechtssysteme gelernt. Es lohnt sich also, den weiten Weg und die nicht zu unterschätzenden Kosten auf sich zu nehmen und seine Wahlstation am anderen Ende der Welt zu verbringen. Ich habe die Zeit in Sydney als eine große Bereicherung für mein späteres Berufsleben empfunden und kann diese Erfahrung nur empfehlen.

Assessor Alexander Tulatz


JuS-Magazin 4/2009, S. 22