USA: Its (not) lonely at the top – LL.M.-Studium an der University of Pennsylvania in Philadelphia/Pennsylvania


Gründe für einen einjährigen Auslandsaufenthalt in Form eines LL.M.-Studiums finden sich genügend: Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten, Vertiefung eigener Interessen an dem Recht des Gastgeberlandes, Verbesserung der Chancen für die Wahlstation des Referendariats bzw. auf dem Arbeitsmarkt, Bildung von Freundschaften und Kontakten zu Menschen aus allen erdenklichen Kulturkreisen oder einfach nur ein Jahr lang mal etwas Neues zu erleben... Mich führte das Schicksal für ein Jahr nach Philadelphia an die University of Pennsylvania School of Law.

I. Die University of Pennsylvania School of Law

Die im Jahre 1740 durch Benjamin Franklin gegründete University of Pennsylvania zählt in den USA zu den Spitzenuniversitäten und gehört der Ivy League an, einem Kreis namhafter altehrwürdiger Universitäten. Die Anfänge der Law School selbst gehen auf das Jahr 1790 zurück. Im seriösen US-News-Ranking ist die Law School regelmäßig unter den ersten zehn Plätzen zu finden (derzeit 7.). Als ein wichtiges Unterscheidungskriterium zu anderen Elite-Universitäten wird die kollegiale Atmosphäre zwischen den Studenten untereinander und zu der Fakultät hervorgehoben. Durch den ihr vorauseilenden guten Ruf ist die Universität insbesondere für Studenten attraktiv, die ein Studium auf höchstem Niveau anstreben, ohne sich dabei unnötigen Reibungsverlusten durch Konkurrenzkämpfe auszusetzen. Groß geschrieben wird auch der Dienst für die Gesellschaft. So handelt es sich bei der University of Pennsylvania um die erste Law School, an der jeder amerikanische Student während seines Studiums eine gewisse Anzahl von Stunden im Bereich public service leisten muss.

Das Zentrum der Law School, die gleich neben dem Haupt-Campus liegt, bildet ein herrlicher, mit Bäumen bewachsener Innenhof. An dessen Westseite befindet sich die Tannenbaum Hall mit einer Lounge, einer Cafeteria und zahlreichen Hörsälen bzw. Seminarräumen. Über der Tannenbaum Hall liegt die im Jahre 1994 für 27 Millionen US-Dollar fertiggestellte Biddle Library, die mit 690.000 Bänden zu den größten juristischen Bibliotheken des Landes gehört und an multimedialer Ausstattung, Komfort und Eleganz ihres Gleichen sucht. Östlich des Innenhofes befindet sich das top-restaurierte Hauptgebäude der Law School mit einer weiteren Lounge, zahlreichen Hörsälen, Konferenz- und Seminarräumen und den Büros für die Professorenschaft. An der Nord- und Südseite des Innenhofes schließen sich Hörsäle und die Räumlichkeiten der Verwaltung an.

Zur Zeit sind ungefähr 800 J. D.-Studenten und mehr als 90 LL.M.-Studenten an der Law School immatrikuliert. Unter den mehr als 50 Professoren finden sich angesehene Rechtsexperten wie Goeffrey Hazard, Friedrich Kübler (ehemals Universität Frankfurt a. M.), Edward Rock, William Tyson und Michael Wachter. Für akademische Abwechslung sorgen ferner zahlreiche Gastvorträge prominenter Wissenschaftler, Politiker und Geschäftsleute sowie der im Gesellschaftsrecht versierten Richterschaft des benachbarten Delaware Court of Chancery bzw. des Delaware Supreme Court. Unter den vielen Einrichtungen der Law School sei noch das carreer planning office erwähnt, in dem sich eine Fachkraft ausschließlich darum bemüht, für LL.M.-Studenten Bewerbungsseminare und Trainingsinterviews zu organisieren sowie Praktika und Stellenangebote zu vermitteln. Von hier aus werden auch die Bewerbung zu dem als Wahlstations- bzw. Jobbörse bekannten New York University Job Fair organisiert. Die Law School ist behindertengerecht ausgestattet.

II. Das LL.M.-Studium

Für deutsche Bewerber mit abgeschlossenem Hochschulstudium kommt primär ein zweisemestriges LL.M.-Programm in Betracht, welches zum Erwerb des LL.M. führt. Hierfür ist der erfolgreiche Abschluss einer bestimmten Anzahl von Kursen, Seminaren oder schriftlichen Arbeiten erforderlich, die, je nach Arbeitsaufwand, mit einem bis zu vier credits bewertet werden. Als LL.M.-Student besteht die Wahl zwischen dem senior writing track, dem course track und dem eher selten gewählten thesis track. Zur Vervollständigung des senior writing track werden mindestens 20 credits sowie ein expository paper im Umfang von 35 Seiten benötigt, der course track verlangt mindestens 23 credits. Pro Semester können maximal 15 credits erworben werden. Bei entsprechender Vereinbarung kann im zweiten Semester der thesis track gewählt werden, für den neben 13 credits eine thesis unter Anleitung eines Professors verfasst werden muss, die sich qualitativ und vom Umfang zur Veröffentlichung in einem Law Review, den universitätseigenen Rechtszeitschriften, eignen sollte. Bei entsprechender Vereinbarung kann mit der thesis ein Teil eines rechtsvergleichenden Dissertationsvorhabens abgedeckt werden.

Für Teilnehmer des LL.M.-Programms beginnt das Studium bereits Ende Juli mit einem vierwöchigen Einführungskurs in das amerikanische Recht (Introduction into the American Leagal System) und in die Methodik der amerikanischen Quellenforschung (Introduction into U.S.-Legal Research). Mittels dieses (freiwilligen) Programms können vier credits erworben werden.

Mit Beginn des Herbstsemesters steht den LL.M.-Studenten die volle Auswahl der angebotenen Kurse zur Verfügung. Es besteht sowohl Zugang zu den typischen Grundkursen (Civil Procedure, Constitutional Law, Contracts, Criminal Law, Property, Torts) als auch eine teilweise bevorzugte Zulassung zu den übrigen Kursen. Das Angebot der Law School erstreckte sich pro Semester regelmäßig auf mehr als 75 Kurse, Seminare und praxisorientierte clinics (in denen Studenten unter Anleitung mit Mandanten konfrontiert werden und deren Rechtsberatung übernehmen), die alle traditionellen Rechtsbereiche und viele darüber hinausgehende Interessengebiete hinreichend abdeckten. Ein Schwerpunkt im Kursangebot liegt auf dem Bereich des Gesellschafts- bzw. Wirtschaftsrechts, welcher sich u. a. auf Vorlesungen über Corporations, Mergers and Acquisitions, Securities Regulations, Corporate Finance oder International Finance erstreckt. Andere Kurse wie Negotiation and Persuation, Business Acquisition Process oder die zahlreichen clinics sind eher praxisorientiert und erfordern eine aktive Mitarbeit und Verantwortungsübernahme der Studenten. Letztendlich erfasst das Kursprogramm auch Spezialbereiche wie Sports Law, Law and the Holocaust oder Sexual Orientation and the Law. (Interessenten sollten sich auf jeden Fall im Voraus über das aktuelle Kursangebot informieren). Das Ende eines jeden Semesters bildet eine zweiwöchige Examensphase, in der alle Kurse entweder durch eine Klausur oder mit einer Hausarbeit abgeschlossen werden.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an den Programmen anderer Graduate Schools der University of Pennsylvania, u. a. an der Annaberg School for Communication oder an der im Bereich Business weltweit führenden Wharton School. Die ausgewählten Kurse sollten einen rechtlichen Bezug aufweisen und werden auf das LL.M.-Studium angerechnet. Auf diesem Wege kann ab dem Semester 2002/03 erstmals ein Zusatzzertifikat der Wharton School erworben werden.

Bei entsprechender Leistung können Absolventen des LL.M.-Studiums nach einem Jahr in das LL.C.M.- (Master of Comparative Law), das S.J.D.- (Doctor of Juridical Science) oder in das J.D.- (Juris Doctor) Programm übernommen werden.

III. Wohnen und Leben

In der Art der möglichen Unterkünfte zeigt sich die Vielfalt der fünftgrößten Stadt der USA. Ab 500 US-Dollar aufwärts kann man in dem Studentenwohnheim Sansom Place bzw. im International House in direkter Nachbarschaft der Law School unterkommen (Doubletten mit Bad bzw. Bad- und Küche). Um die Universität herum findet man WG-Zimmer ab 300 US-Dollar sowie Einzelappartments ab 750 US-Dollar. Deutlich mehr Lebensqualität wird einem geboten, wenn man mit ein paar Kommilitonen südlich der Innenstadt ein brown-house mietet. Wer gerne und viel feiert ist mit einer Wohnung in den Party- und Künstlerbezirken Old City bzw. in der South Street gut aufgehoben. Eine nicht geringe Anzahl von Studenten zieht es auch zum noblen Rittenhouse Square, dem schönsten Park im Herzen der Innenstadt.

Auch in puncto Lebensqualität muss sich Philadelphia nicht verstecken. So gilt die Stadt wegen ihrer zahlreichen Restaurants als ein Gourmet-Eldorado. Neben der Partymeile South Street finden sich in der Old City rund um die 2nd und 3rd Street zahlreiche In-Lokale und Clubs. Unter den vielen ansässigen und national anerkannten Sportvereinen sind die Philadelphia 76ers (Basketball) mit ihrem Superstar „Iverson“ hervorzuheben. Schöngeister kommen im Philadelphia Museum of Arts (Rocky Balboa lässt grüßen), im Rodin Museum oder im Philadelphia Orchestra im Kimmel-Center auf ihre Kosten. Aus kulturhistorischer Sicht beherbergt Philadelphia die Liberty Bell, ein nationales Freiheitssymbol, und die Independence Hall, in welcher der allgegenwärtige Benjamin Franklin die Amerikanische Verfassung aushandelte. Hervorzuheben ist die günstige geographische Lage Philadelphias. Im Radius von 200 km befinden sich u. a. New York, Washington D. C., Baltimore, Atlantic City und die Jersey Shore. Alle Ziele lassen sich bequem mit Bussen, der Eisenbahn oder dem Mietwagen erreichen.

Der Campus der University of Pennsylvania School of Law selbst befindet sich im Universitätsviertel (University City) westlich von der Innenstadt, zu welcher ausreichende Bus- und U-Bahn-Verbindungen sowie ein Shuttle-Service bestehen. Der Campus zählt architektonisch sicherlich zu den schönsten im Lande und das umliegende Viertel blüht langsam auf. Für ein bequemes Leben sorgen u. a. ein neues Kino, Supermärkte, sonstige Geschäfte sowie ein gerade fertig gestelltes Universitäts-Fitness-Studio, zwei Schwimmbäder, zahlreiche Tennisplätze und das Fairfield-Stadium mit 55.000 Sitzplätzen.

IV. Das New York Bar Exam

Wer nach Abschluss des LL.M.-Studiums Mitte Mai nicht zurück in den Beruf muss, hat die Möglichkeit, die Prüfung zum ámerikanischen Anwaltsexamen (bar exam), typischerweise des Staates New York, in Angriff zu nehmen. Der Weg hierzu führt über einen achtwöchigen Vorbereitungskurs eines kommerziellen Repetitors (bar bri), der Seminare in jeder größeren Universitätsstadt organisiert. Das bar exam besteht aus einer zweitägigen Prüfung, die im Staate New York unter Aufsicht des New York State Board of Law Examiners abgelegt werden muss. Die Prüfung dauert insgesamt zwölf Stunden und besteht aus fünf essays, einer schriftlichen Aktenanalyse und 250 multiple-choice Fragen. Prüfungsgegenstand ist sowohl das common law als auch das Recht des Staates New York. Bei Bestehen winkt die Zulassung zur Anwaltsschaft im Staate New York.

V. Bewerbung und Kosten

Die Bewerbung kann allgemein als die größte Hürde eines LL.M.-Studiums angesehen werden, so dass die Anfertigung der angeforderten Dokumente mit aller höchster Sorgfalt erfolgen sollte. Bei der Präsentation der eigenen Leistungen und Fähigkeiten gilt uneingeschränkt: nicht kleckern, klotzen! Die Bewerbungsunterlagen der University of Pennsylvania entsprechen denen der meisten anderen Universitäten. Formale Zulassungsvoraussetzungen sind das 1. Staatsexamen, zwei Gutachten von Hochschullehrern (sehr gerne mehr), eine Übersicht der erbrachten Studienleistungen (transcripts), ein persönliches Statement über die Gründe für die Bewerbung und ein möglichst hoher TOEFL-score (ohne nähere Angaben; er sollte aber über 250 liegen). Bewerbungen für das Herbstsemester können bis zum 1. März eingereicht werden. Da die Annahme on a rolling basis erfolgt, bietet sich eine frühzeitige Bewerbung an. Die Bewerbungsgebühr beträgt 70 US-Dollar. Obwohl derzeit etwa 20 Bewerber auf einen Studienplatz kommen, stehen die Chancen einer Zulassung für deutsche Bewerber recht günstig. Neben den Bewerbungsunterlagen findet sich regelmäßig ein Antrag auf finanzielle Unterstützung, welcher ohne Nachteile für das Zulassungsverfahren genutzt werden kann.

Studieren in den USA ist nicht kostengünstig. Im akademischen Jahr 2001/2002 betrugen die Studiengebühren der University of Pennsylvania 29.722 US-Dollar, zuzüglich 2.500 US-Dollar für den Einführungskurs. Die zu erwartenden Lebenshaltungskosten werden von der Universität mit 13.578 US-Dollar angegeben, sie sind jedoch knapp kalkuliert. Wird nach dem LL.M.-Studium das New York Bar Exam angestrebt, ist mit weiteren Kosten in Höhe von ca. 5.000 US-Dollar zu rechnen.

VI. Deutsch-Amerikanische Juristen-Vereinigung

Sollte ein Leser noch Fragen über das LL.M.-Studium in den USA haben, so ist unbedingt der Besuch eines Wochenend-Informationsseminars der Deutsch-Amerikanischen Juristen-Vereinigung zu empfehlen. Auf diesen Veranstaltungen werden zahlreiche Vorträge rund um alle Aspekte des LL.M.-Studium sowie ausreichendes Informationsmaterial geboten. Ferner bietet sich die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit den hochkarätigen Referenten oder mit gleichgesinnten Studenten und Referendaren (www.dajv.de).

VII. Kontaktadresse der University of Pennsylvania School of Law

Bei Interesse an einem LL.M.-Studium an der University of Pennsylvania ist der zuständige Ansprechpartner der Director of Graduate Admissions, Denise McGarry. Bewerbungsunterlagen können schriftlich oder über das Internet angefordert werden. Es besteht auch die Möglichkeit zu einem persönlichen Besuchstermin (University of Pennsylvania School of Law, Admissions & Financial Aid Office, 3400 Sansom Street, Philadelphia, PA, 19104-6204, Telefon: (215) 898 7400, E-Mail: , Internet: www.law.upenn.edu).

Torsten Wehrhahn, LL.M., Erkelenz


JuS 11/2002