Ein ERASMUS-Semester an der Juristischen Fakultät der Universität Coimbra/Portugal


Über die Vorteile und den Nutzen eines Studienaufenthaltes im Ausland braucht nicht mehr viel gesagt zu werden. Auch der Aufenthalt an einer in der deutschen Jurastudenten-Szene nicht so bekannten Universität ist sehr bereichernd.

Ich habe ein Semester an der Juristischen Fakultät der Universität Coimbra in Portugal verbracht. Die Juristische Fakultät gehört zu den ältesten Fakultäten der schon 1290 von König D. Diniz gegründeten Universität. Coimbra zählt somit zu den ältesten Unis Europas.

Die Stadt liegt im Landesinnern ca. 100 km von Porto, ca. 200 km von Lissabon und 35 km von der Küste, dem Strand von Figueira da Foz, entfernt. Die Stadt ist mit einer Einwohnerzahl von 130 000 nicht zu groß und übersichtlich. Es ist eine südeuropäische Studentenstadt, die viele Sehenswürdigkeiten hat. Von einem jetzt ausgegrabenen unterirdischen römischen Forum, mittelalterlichen Kirchen über barocke Bauten, wie die Juristische Fakultät, bis zu Gebäuden aus der Jahrhundertwende hat die Stadt einiges zu bieten.

Die Juristische Fakultät befindet sich in dem Gebäude der alten Universität aus dem 18. Jahrhundert, die auf einem kleinen Berg errichtet wurde. Von dort aus hat man einen schönen Blick auf den Fluß Mondego und auf die Serra. Die Vorlesungssäle sind aus dem 18. Jahrhundert und werden auch noch in vollem Umfang genutzt. Die Universität bietet neben der Erasmus-Partnerschaft einen „European Master in Human Rights and Democratization“ u. a. in Zusammenarbeit mit den Universitäten Wien, Deusto, Padua, Bochum, Maastricht und der katholischen Universität Leuven. Weiterhin bietet die Fakultät Intensivprogramme „Europäische Rechtsvergleichung“ und „Medizinrecht unter rechtsvergleichenden und europäischen Gesichtspunkten“ an.

Die Vorbereitung auf die portugiesische Sprache sollte mindestens die Grundkenntnisse beinhalten, wenn man nicht – das war unter den ERASMUS-Studenten nicht selten der Fall – eine improvisatorische Pionierleistung vollbringen möchte und in hohem Maß soziale Kompetenz mitbringt. Vorlesungen sowie Prüfungen werden auf Portugiesisch abgehalten. Der Vorlesungsturnus ist jährlich, wobei in der Regel zwei Prüfungsphasen angesetzt sind. Erasmus-Studenten werden von den Professoren zuvorkommend und freundlich behandelt, so daß der Prüfungstermin oft nach Absprache mit den Dozenten vereinbart wird. Um eine mündliche Prüfung kommt man nicht herum, sie ist sozusagen das „Minimum“. Die schriftliche Prüfung findet in Form einer Hausarbeit statt, deren Thema aus der Vorlesung gestellt wird und die durch eine mündliche Prüfung ergänzt wird. Die Frage, ob man nur eine mündliche Prüfung oder zusätzlich eine schriftliche ablegt, sollte nach dem eigenen Interesse bzw. den Anerkennungsrichtlinien der Uni für im Ausland erbrachte Leistungen entschieden werden.

Als ein geeignetes Rechtsgebiet bietet sich beispielsweise das Direito Internacional Privado (IPR) an. Auf die Teilnahme an den Vorlesungen wird sehr viel Wert gelegt, zumal die Ausbildungsliteratur nicht so vielfältig ist, wie man es in Deutschland gewohnt ist. Für alle Fragen ist Dr. Beleza als Erasmus-Koordinator der Fakultät ein freundlicher, hilfsbereiter Ansprechpartner.

Als Erasmus-Student wendet man sich am besten vor und bei der Ankunft in Coimbra an den Servico de Relacoes Internacionais (Akademisches Auslandsamt). Hier wird man über die bürokratischen Angelegenheiten, wie Meldung beim Ausländer- und Gesundheitsamt, sowie über den Intensiv-Sprachkurs informiert, der in der Regel ungefähr einen Monat vor Vorlesungsanfang beginnt.

Was die Wohnungssuche angeht, ist Hartnäckigkeit und Selbständigkeit gefragt. Während des ersten Monats in Coimbra gibt das Sozialwerk die Möglichkeit, in einem Studentenwohnheim zu einem Mietpreis von 16 000 Escudos (ca. DM 160,–) zu wohnen. Diese Zeit sollte man nutzen, um sich ein Zimmer oder eine Wohnung zu suchen; dabei sollte man nicht allzu hohe Komfortansprüche haben. Die Wohnkultur ist breit gefächert. Studenten finden entweder in WG’s, Einzelzimmern, Wohnungen oder sogar bei Familien und sehr fürsorglichen Rentnerehepaaren eine Bleibe. Die Mietpreise sind erschwinglich. Preiswert ist auch die Mensa; 280 Escudos (ca. DM 2,80) kostet das Stammessen, frühstücken kann man für 100 Escudos und in den vielen Cafes kann man ebenfalls zu angemessenen Preisen essen.

Die Associacao Académica (Organisierte Studentenschaft) bietet ein abwechslungsreiches Freizeit- und Sportprogramm an, wie z. B. Folkloretanzstunden, Baseball, Kochkurse und Rudern. Das erst um Mitternacht beginnende Nachtleben ist sehr belebt; es gibt viele Diskotheken und Cafes. In Coimbra breitet sich die gesamte lusofone Sprachwelt vor einem aus. Man kommt leicht ins Gespräch mit Brasilianern, Mosambikanern, Exilanten aus Ost-Timor, Angolanern, Studenten aus Macao und vielen anderen.Das über 700jährige Bestehen der Universität hat die studentischen Traditionen nicht in Vergessenheit geraten lassen. Zweimal im Jahr finden große, bunte Umzüge der Studenten durch Coimbra statt. Bekannt ist die Queima des Fitas, ein Ereignis, an dem die Studenten aus dem 4. Jahr die Fakultätsfarbbänder verbrennen. Anschließend werden eine Woche lang Konzerte angeboten, die Garraiada (studentischer Stierkampf) und die Serenata (Fadomusik) bilden Höhepunkte dieses studentischen Brauchs.

Wer an einem Aufenthalt in Portugal interessiert ist, kann sich beim DAAD, den ERASMUS-Koordinatoren der eigenen Universität oder bei der Portugiesischen Botschaft erkundigen.

stud. iur. Andreas Dornseifer, Bonn


JuS 9/1999