Belgien: „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ – Der LL.M. für Rechtstheorie in Brüssel


Wer sich als Jurist der Rechtstheorie und der Rechtsphilosophie widmet, der entscheidet sich dafür, nicht nur das juristische Handwerk erlernen zu wollen, sondern auch juristische Grundsatzfragen und Grundprobleme zu studieren.

I. Die European Academy of Legal Theory. Die European Academy of Legal Theory in Brüssel bietet seit 1992 das in Europa einzigartige Programm eines Master´s Degree in Legal Theory (LL.M) bzw. eines Mastère en théorie du droit (D.E.A.) an. Der zweisprachige Masterstudiengang ist darauf ausgerichtet, jungen Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftlern die sozialen, ethischen, methodischen und politischen Grundlagen des Rechts vor dem Hintergrund der europäischen Integration und der Internationalisierung des Rechts zu vermitteln. Unterrichtssprachen sind Englisch und Französisch, wobei für die Prüfungen eine der beiden Sprachen ausgewählt werden kann. Das Programm zeichnet sich besonders durch seine Internationalität und seine Interdisziplinarität aus, da die Akademie über ein internationales Netzwerk von Professoren der Rechtswissenschaft, der Philosophie und der Soziologie aus insgesamt 13 Ländern verfügt. Dabei profitieren die Masterstudenten ebenso von der Vielfalt der unterschiedlichen rechtstheoretischen, rechtsphilosophischen und rechtssoziologischen Denktraditionen, die ihnen die Professoren in Kursen und Seminaren vermitteln, wie von der Internationalität der Studenten, die ihre unterschiedlichen Perspektiven in den Unterricht einbringen. Die Zahl der Studenten liegt in der Regel zwischen 20 und 30, wodurch eine sehr individuelle und intensive Betreuung der einzelnen Studenten durch die Professoren gewährleistet ist.

Die Begründer des Masterprogramms, die Professoren Mark van Hoecke und Francois Ost gehen von der Devise aus, dass einerseits die Praxis ohne Theorie blind ist, die Theorie ohne Praxis andererseits nutzlos bleibt. Daher wird viel Wert darauf gelegt, bei der kritischen Auseinandersetzung die Theorie mit der Rechtsanwendung und der Rechtspraxis zu verknüpfen. Darüber hinaus ermöglicht es die Nähe der Akademie zu den Institutionen der Europäischen Union, die rechtstheoretisch gewonnenen Kenntnisse über die europäische Integration mit Einblicken in die Praxis anzureichern.

II. Das Masterprogramm. Wer sich bereits während des Studiums mit Rechtstheorie oder Rechtsphilosophie beschäftigt hat, dem bietet der Masterstudiengang die Gelegenheit, sein Wissen zu vertiefen und sich, z. B. auch im Hinblick auf eine zukünftige Promotion, zu spezialisieren. Doch das Programm eignet sich auch für diejenigen, die nur geringe oder gar keine rechtstheoretischen Vorkenntnisse mitbringen. Im September, einen Monat vor Beginn des Masterprogramms, findet an der European Academy of Legal Theory eine rechtstheoretische Sommerschool statt. In einem dreiwöchigen Introductory Course in Legal Theory wird neben einer Einführung in die Grundlagen der Rechtstheorie und der Rechtsphilosophie ein reichhaltiges Angebot an Vorträgen zu Spezialthemen wie „Law and Literature“, „Alternative Dispute Resolution“ oder „Feminist Legal Theory in Transcultural Perspective“, angeboten. Für zukünftige Masterstudenten ist die Teilnahme an diesem Introductory Course for Legal Theory kostenlos. Parallel zu dem Sommerkurs bieten die Facultés Universitaires Saint-Louis vierwöchige Sprachkurse für Englisch sowie Französisch an. Die Sprachkurse sind leider nicht kostenfrei, lohnen sich aber für den, der in einer der beiden Sprachen nicht sattelfest ist. Die Anmeldung für die Sprachkurse erfolgt zusammen mit der Einschreibung für das Masterprogramm.

Das Masterstudium beginnt in der ersten Oktoberwoche und erstreckt sich über drei Trimester bis Ende August. Alle Veranstaltungen finden in den ersten beiden Trimestern statt, im letzten Trimester ist eine Masterarbeit zu schreiben. Insgesamt sind drei „General Courses“, sieben „Optional Courses“ und sieben „Seminars“ zu besuchen. Jeder Student wählt vor Studienbeginn seine Kurse aus dem vielfältigen Studienangebot der Akademie aus. Es besteht auch die Möglichkeit, Kurse an den belgischen Partneruniversitäten in Leuven und Gent zu besuchen. Die Stundenpläne werden so zusammengestellt, dass es keine Überschneidungen gibt und jeder Student die von ihm gewählten Kurse besuchen kann. Den Masterstudenten wird so ermöglicht, ihr Masterstudium selbst zu gestalten und eigene Schwerpunkt zu setzen.

Die „General Courses“ von insgesamt 120 Semesterwochenstunden sind gleichmäßig über die ersten beiden Trimester verteilt. Die Kurse „Théorie et philosophie du droit“, „Philosophie morale et politique“, „Theory of Comparative Law and of European Integration“ sowie „History of Jurisprudence“ dienen der Vermittlung von Grundlagenwissen. Es werden einerseits klassische Texte, beispielsweise von Hobbes, Locke, Rousseau und Rawls gelesen, andererseits neue Theorien vorgestellt wie die „Pyramide et réseau“ von Francois Ost. Die „General Courses“ werden jeweils am Ende eines Trimesters mit einer dreistündigen Klausur oder einer etwa zwanzigminütigen mündlichen Prüfung abgeschlossen. Jeder Student kann wählen, ob er die Prüfung in englischer oder französischer Sprache ablegen möchte.

Die „Optional Courses“ werden in der Regel als Blockveranstaltungen von je acht bis zehn Semesterwochenstunden angeboten. Sie dienen der Einführung in bestimmte Wissenschaftsgebiete, wie der Rechtssoziologie, der ökonomischen Analyse des Rechts, der Logik, der Rechtsanthropologie, der Semiotik, der Argumentationstheorie oder der europäischen Rechtsgeschichte. Die „Optional Courses“ werden mit einer Hausarbeit von zehn bis 15 Seiten wahlweise auf Englisch oder Französisch abgeschlossen. Dies ist neben dem Schreiben der Masterarbeit der zeitintensivste Teil des Masterprogramms, da man sich in relativ kurzer Zeit in ein neues Wissenschaftsgebiet einarbeiten muss.

Die „Seminars“ dienen der Diskussion verschiedener rechtstheoretischer, rechtsphilosophischer und rechtsvergleichender Themen wie „Philosophy of Rights“, „Théorie de la législation“, „Cultures juridiques non européenes“ oder auch „Law as a Way to Survive“. Wie die „Optional Courses“, werden die „Seminars“ im Block von insgesamt etwa zehn Stunden angeboten, allerdings ist hier keine schriftliche Leistung zu erbringen, sondern es wird die mündliche Beteilung am Kurs benotet.

Im dritten Trimester wird die Abschlussarbeit geschrieben. Sie muss eine Länge von 50 bis 100 Seiten haben und kann auf Englisch oder Französisch verfasst werden. Das Thema ist, dem wissenschaftlichen Anspruch des Programms gemäß, selbst auszuwählen und mit dem betreuenden Professor abzusprechen. Dabei können die Studenten von dem internationalen Netzwerk der Akademie profitieren, das ihnen ermöglicht, das dritte Trimester an einer der zwölf anderen Universitäten, darunter die University of Cambridge und das European University Institute (EUI) in Florenz, zu verbringen. Wer dieses Angebot nutzen will, sollte sich am besten schon zu Beginn des Masterprogramms darum kümmern, da die Organisation dieses Studienaufenthalts jedem Studenten selbst obliegt.

III. Finanzen. Die Studiengebühren liegen bei 1250 Euro und sind damit im Vergleich zu anderen europäischen oder internationalen Masterprogrammen verhältnismäßig niedrig. Die Akademie selbst vergibt keine Stipendien, in Ausnahmefällen kann allerdings die Miete für ein Zimmer im Studentenwohnheim erlassen werden. Es gibt zwei Studentenwohnheime, in denen insgesamt ca. 25 Zimmer zur Verfügung stehen. In dem größeren und moderneren Wohnheim „Méridien“ kostet ein Zimmer zwischen 200 und 250 Euro, im kleineren „Bentham House“ um die 190 Euro. Es ist ratsam, sich frühzeitig um ein Zimmer zu bewerben, da die Mieten in der europäischen Hauptstadt Brüssel sehr hoch sind: Schon kleine Apartments kosten mindestens 450 Euro. Die Lebenshaltungskosten sind dagegen in Brüssel nicht sehr hoch, mit insgesamt 600 Euro kommt man gut über die Runden.

IV. Informationen und Kontakt. Informationen über das Programm des Master’s Degree in Legal Theory (LL.M.) sind unter www.legaltheory.net zu finden oder können angefordert werden bei: Admission Master of Legal Theory, K. U. Brussel, Vrijheidslaan 17, B-1081 Brüssel.

Referendarin Juliane Ottmann


JuS 11/2003