Köln: CENTRAL/DIS Cologne Summer Academy on International Commercial Arbitration


I. Die Fragestellung. Wie kann ein Student, ein Rechtsreferendar oder ein junger Rechtsanwalt ein Verfahren kennen lernen, das für die Schlichtung von Streitigkeiten in 90% aller internationalen Handelsverträge vorgesehen wird, wenn dieses Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit abläuft? Noch dazu, da es in den Lehrplänen der Hochschulen fast keine Rolle spielt?

II. Die Veranstaltung, die Teilnehmer. Um diese Fragen zu beantworten, boten das Center for Transnational Law (CENTRAL) und die Deutsche Institution für Schiedsgerichtsbarkeit e. V. (DIS) mit Unterstützung der August-Maria-Berges-Stiftung für Arbitrales Recht vom 31. 8. bis 4. 9. 2003 an der Universität zu Köln eine Sommerakademie zur internationalen Wirtschaftsschiedsgerichtsbarkeit in englischer Sprache an. 46 Teilnehmer aus aller Welt, aus Mexiko, Indien, der Mongolei, Australien und Griechenland, kamen – auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen. Viele kamen aus dem Gebiet des „Civil Law“, aber einige auch aus Rechtsordnungen, die zum „Common Law“-Gebiet gehören. Sie waren zu ungefähr gleichen Teilen Studenten, Referendare, Doktoranden und junge Praktiker aus namhaften Kanzleien. Einige von ihnen hatten bereits erste Erfahrungen im Recht der Schiedsgerichtsbarkeit beim Willem C. Vis Moot Court in Wien oder in der Praxis gesammelt, andere beschäftigten sich zum ersten Mal ausgiebig mit Schiedsgerichtsbarkeit.

III. Das Konzept. Das Konzept der Akademie basierte auf dem interaktiven Lehransatz, den Professor Dr. Klaus Peter Berger, LL.M., der Executive Director des CENTRAL und Direktor des Instituts für Bankrecht an der Universität zu Köln, in seinem Buch „Arbitration Interactive“ vorgestellt hat. Ebenso wie die Leser des Buches studierten die Teilnehmer der Akademie ein fiktives Schiedsverfahren zwischen einer niederländischen Importeurin als Klägerin und einer Exporteurin aus Zürich als Beklagte, die ein Schiedsverfahren nach den Regeln der DIS betreiben. Von Beginn bis Ende der Akademie traten die Teilnehmer in zwei Gruppen entweder für die Klägerin oder für die Beklagte auf. So hatten sie vier Tage lang die Gelegenheit, den Verlauf des Schiedsverfahrens aus der Perspektive einer der Beteiligten zu verfolgen und sogar mitzugestalten. Auf eine Präsentation eines Dozenten, in der er die rechtlichen Grundlagen eines Themas erläuterte, folgten Gruppensitzungen, deren Ergebnisse der Dozent schließlich mit allen Teilnehmern besprach. Zuletzt konnten die Teilnehmer gemeinsam den entsprechenden Teil des Schiedsverfahrens aus dem gespielten Schiedsverfahren auf der DVD-ROM zu „Arbitration Interactive“ betrachten.

IV. Der Ablauf. Die Akademie begann am 31. 8. 2003 mit einem Empfang in den Räumlichkeiten der DIS in Köln, bei dem die Teilnehmer und die Sponsoren der Veranstaltung sich in lockerer Runde kennen lernten. Die erste inhaltliche Sitzung am darauf folgenden Tag leiteten gemeinsam Berger und Stefan Georg Hoffmann, Editorial Manager von „Arbitration Interactive“. Berger, anerkannter Schiedsrechtsexperte und Schiedsrichter, gab eine sehr inhaltsreiche und humorvolle Einleitung in das Schiedsrecht allgemein (u. a. über die Frage, was ein Schiedsverfahren ist, über die Hierarchie der anwendbaren Normen, die Anforderungen an einen Schiedsrichter), die Gestaltung von Schiedsklauseln und das Abfassen von Schriftsätzen in der Schiedsgerichtsbarkeit. Berger und Hoffmann führten die Gruppensitzungen, in denen die Teilnehmer jeweils aus der Klägerinnen- und Beklagtenperspektive den der Akademie zu Grunde liegenden Fall analysierten. Die Teilnehmer suchten unter ihrer Anleitung in den Gruppen die „good and bad facts“ des Falles heraus und entwarfen eine Strategie für „ihre“ Mandantin.

Der zweite Tag stand im Zeichen der Rhetorik. Unter der Anleitung von Rechtsanwalt Constantine Partasides, einem der renommiertesten unter den jungen Schiedsrechtsexperten weltweit, Anwalt bei Freshfields Bruckhaus & Deringer in Paris, entwickelten die Teilnehmer in den beiden Gruppen Strategien für die Plädoyers über die Zuständigkeit und die Aspekte des materiellen Rechtes. Einige Teilnehmer durften anschließend für die Klägerinnen- bzw. für die Beklagtenseite vor dem aus Teilnehmern zusammengesetzten Schiedsgericht plädieren. Partasides beobachtete die Vorträge sehr genau und gab jedem Teilnehmer nach dem Plädoyer in seiner freundlichen, aber sehr scharfsinnigen Weise Lob und machte Verbesserungsvorschläge. Begeistert von der mitreißenden Art des Dozenten, steigerten sich die Teilnehmer in ihre Rollen hinein. Die theoretischen Abschnitte dieses Tages beschäftigten sich u. a. mit der Frage, wie ein Schiedsverfahren in Gang gebracht wird und was die Aufgaben der Parteien und einer Schiedsinstitution dabei sind.

Den dritten Akademietag leitete Professor J. Martin Hunter, Professor of Dispute Resolution an der Universität von Nottingham, Barrister in London und einer der renommiertesten internationalen Praktiker und Schiedsrichter. Er erklärte zu Beginn sehr anschaulich, wie in internationalen Schiedsverfahren z. B. auf der Basis der Rules on the Taking of Evidence in International Commercial Arbitration der International Bar Association („IBA Rules“) von 1999 Beweise erhoben werden. Mit vielen spannenden Anekdoten aus seiner vierzigjährigen Praxis als Schiedsrichter belegte er die zahlreichen Probleme, die sich aus dem Aufeinandertreffen verschiedener Rechtsordnungen und (Rechts-)Kulturen in Schiedsverfahren ergeben können, wie zum Beispiel im Zusammenhang mit der im amerikanischen Rechtskreis ebenso beliebten wie gefürchteten „discovery“.

In Gruppen bereiteten die Teilnehmer eine Zeugenbefragung vor. Wie am Tag zuvor traten dann jeweils vier Teilnehmer aus beiden Gruppen vor dem Schiedsgericht auf. Sie durften unter der Leitung des Schiedsgerichts jeweils einen Zeugen der Kläger- und der Beklagtenseite in „cross-examination“ und „examination-in-chief“ über Einzelheiten des zu Grunde liegenden Falles befragen. Hunter trug mit seiner freundlichen Kritik und seinem Lob in seiner entspannten Art dazu bei, dass alle Teilnehmer auch diesen Teil als eine große Bereicherung empfanden.

Den letzten Tag der Akademie gestaltete der Rechtsanwalt beim BGH Hilmar Raeschke-Kessler, LL.M. Raeschke-Kessler, der selbst an zahlreichen internationalen Schiedsverfahren als Schiedsrichter teilgenommen hat, brachte den Teilnehmern die verschiedenen Arten der Schiedssprüche, die verschiedenen Gründe für die Anfechtung von Schiedssprüchen und die Einzelheiten über die Vollstreckung von Schiedssprüchen auf der Grundlage der New York Convention von 1958 nahe. In souveräner Manier und ausgestattet mit neuesten Materialien, die er den Teilnehmern aushändigte, widmete er sich allen Fragen, die in diesem Stadium des Verfahrens eine Rolle spielen können.

V. Fazit. Diese Sommerakademie war wie ihre Vorläufer zum internationalen Wirtschaftsrecht in Münster ein voller Erfolg. Alle Teilnehmer waren sehr angetan von der interaktiven Lehrmethode, die für eine perfekte Mischung von Theorie und Praxis sorgte. Wer sich mit der Theorie von Schiedsverfahren ausgekannt hatte, lernte hier die Praxis kennen, ohne die man kein Verfahren verstehen kann. Wer als Student nur mit wenig Wissen gekommen war, konnte sich dieses und erste Erfahrungen hier erarbeiten und außerdem eine Menge an Motivation für seine Studien mitnehmen. Er fand darüber hinaus eine Gelegenheit, Menschen aus anderen Rechtsordnungen und aus anderen Kulturen kennen zu lernen, wie sie sich sonst nur selten ergeben. Das theoretische wie auch das praktische Wissen, die Brillanz und die Erfahrung der Referenten, ihre „Nähe“ zu den Teilnehmern und der Spaß, den sie unter den Teilnehmern verbreiteten, lassen die Akademie fast schon unbezahlbar wertvoll erscheinen. Besonders interessant sind im Übrigen der sehr umfangreiche Materialordner und das interaktive Lehrbuch „Arbitration Interactive“, von dem jeder Teilnehmer ein Exemplar kostenlos erhielt.

Wer sich für diese Akademie oder überhaupt für das Programm des CENTRAL und der DIS interessiert, kann sich unter www.transnational-law.de oder www.dis-arb.de informieren.

Friso Heukamp, Frankfurt am Main


JuS 11/2003