Großbritannien: Eine interessante Alternative zum LL.M.: European Young Lawyers Scheme am College of Law in London


I. Einleitung. Bereits seit vielen Jahren besteht für deutsche Juristen die Möglichkeit, am College of Law in London (www.college-of-law.co.uk) einen sechsmonatigen Einblick in das englische Rechtssystem zu bekommen. Wer mehr am schottischen Recht interessiert ist, kann das European Young Lawyers Scheme (EYLS) auch in Edinburgh absolvieren. Da ich im Jahre 2003 Teilnehmer des Londoner Programms war, beschränke ich mich auf Ausführungen zum Londoner Programm.

Das Programm wird finanziert vom British Council (Studiengebühren) und dem DAAD (Lebenshaltungskosten). Es richtet sich an Juristen, die das erste Staatsexamen und mindestens einen Teil des Referendariats absolviert haben, und bietet den Teilnehmern einen Zweieinhalbmonats-Kurs im englischen Recht mit einer anschließenden praktischen Ausbildung bei einem Solicitor und einem Barrister an. Da das Programm einen hervorragenden, stark praxisbezogenen Ansatz hat, gibt es den Stipendiaten nicht nur die Möglichkeit, ihre Englischkenntnisse auszubauen, sondern bietet theoriegeplagten Assessoren zugleich einen willkommenen Einblick in die reale englische Berufswelt. Das EYLS führt daher zu Unrecht ein Schattendasein gegenüber den zahlreichen LL.M.-Programmen. Bevor ich auf das Programm im Einzelnen eingehe, stelle ich kurz die englische Solicitorausbildung dar, weil nur so der Wert des Programms verständlich wird.

II. Englische Solicitorausbildung. Wie in Deutschland besteht die Ausbildung in England aus einem akademischen Teil (an der Universität) und einem praktischen Teil (am College of Law, das ca. 80% der englischen Anwälte ausbildet, oder einer vergleichbaren Einrichtung). Interessant ist, dass man keinen Abschluss in englischem Recht haben muss, um Anwalt zu werden. Inhaber eines Non-Englisch-Law-Degrees – als solcher zählt auch ein anerkannter ausländischer Jura-Abschluss – müssen jedoch den einjährigen Conversion-Course (Graduate Diploma in Law – GDL) belegen, um danach mit ihren juristisch vorqualifizierten Kollegen den Legal Practice Course (LPC) am College zu besuchen. Der LPC wird meist von Anwaltsfirmen bezahlt; als Gegenleistung ist der Student verpflichtet, im Anschluss an sein Examen die zweijährige Traineezeit bei dieser Firma zu absolvieren. Nach der Traineezeit gilt man als „newly qualified“ („NQ“) und ist reif für den Anwaltsmarkt. Eine andere Möglichkeit, sich als Solicitor zu qualifizieren, besteht auf Grund der europäischen Richtlinie 5/98/EG für qualifizierte Juristen aus der EU. Sie können den Qualified Lawyers Transfer Test (QLTT), bestehend aus vier Examina im Common Law, Zivilprozessrecht, Sachenrecht und anwaltlichem Standesrecht, passieren und sich danach sofort als englischer Anwalt zulassen.

Diesen (erheblich schnelleren) Weg können Teilnehmer am EYLS einschlagen. Nach Ende des Kurses haben sie bereits die Examina im Common Law und im Zivilprozessrecht hinter sich. Wer daran interessiert ist, sich als englischer Anwalt zuzulassen, sollte sich das EYLS daher genauer anschauen.

III. Das Programm. 1. Ausbildung am College of Law (Januar bis März). Die ersten drei Monate wird man zurück in die Studienzeit versetzt. Man belegt Kurse im Common Law, Zivilprozessrecht und in einigen Wahlfächern, die vorher anhand der Nachfrage unter den Teilnehmern festgelegt werden, in unserem Fall Wirtschaftsrecht (u. a. Gesellschaftsrecht, internationales Handelsrecht, M & A). Der Unterricht findet an vier Wochentagen von 10 Uhr bis 16 Uhr statt und wird meist von Praktikern geleitet, die Erfahrungen als Barrister, Soliciter usw. haben. Dadurch haben die Kurse einen hohen praktischen Nutzen. Das erlernte Wissen wird sogleich in praktischen Übungen umgesetzt; beispielsweise muss man die Schriftwechsel im Rahmen einer due diligence simulieren oder in Rollenspielen die Errichtung von Personengesellschaften aushandeln. Jeden Tag haben wir ca. fünf bis sechs solcher Übungen durchgeführt, und man hatte dabei das Gefühl, praktisch nützliches Wissen zu erwerben – ein Gefühl, das in Universität und Referendariat eher Seltenheitswert hatte. Hierin sehe ich einen großen Vorteil gegenüber den LL.M.-Programmen, die der deutschen Universitätsausbildung viel ähnlicher sind und vorwiegend Theorie vermitteln. Das Kursniveau ist durchgehend hoch, weil die meisten Teilnehmer bereits in der Praxis gearbeitet haben und stets jemand dabei ist, der zum gerade aktuellen Thema mitreden kann.

Am Ende des Kurses absolviert man Prüfungen im Common Law, im Zivilprozessrecht und in seinem Wahlfach. Später im Laufe des Programms muss man außerdem eine kleine Hausarbeit („assignment“) schreiben, welche in die Endnote einfließt. Für diese Prüfungen verleiht das College ein „Diploma in English Commercial Law“.

2. Belfast und Dublin. Mitte Februar lädt der British Council zur einwöchigen Studienfahrt nach Belfast ein, sicherlich der soziale Höhepunkt des Programms. Gemeinsam in einem schönen Hotel untergebracht, lernt sich die Gruppe untereinander besser kennen und trifft auch auf die Teilnehmer aus Edinburgh. In Belfast stehen eine Stadtbesichtigung auf dem Programm sowie der Besuch einer Whiskey-Destillerei und die Besichtigung des „giant´s causeway“, einem nordirischen Naturwunder. Täglich gibt es außerdem Vorträge an der Universität, am Gerichtshof und bei Behörden, wo den Teilnehmern Geschichte und Bedeutung des Nordirland-Konflikts nähergebracht werden. Der Zeitplan ist recht voll, dennoch bleibt genug Zeit, um den Jacuzzi im Hotel oder das Belfaster Pub- und Clubleben ausgiebig zu erkunden. Nicht selten geht die Initiative von Belfaster Junganwälten aus, die man tagsüber kennen gelernt hat und diejenigen, die es möchten, ins Nachtleben einführen. Höhepunkt der ganzen Woche jedoch ist eine Einladung der Vereinigung junger Anwälte in das „Belfast Castle“, die mit einem Sektempfang bei Jazzmusik beginnt und nach einem Abendessen in eine Disco-Nacht übergeht. Nach dem Ende der Woche bot es sich an, für das sich anschließende Wochenende nach Dublin zu fahren. Dies rundete die gemeinsame Reise ab, musste aber in eigener Verantwortung organisiert werden.

3. Praktische Ausbildung (placements). a) Solicitor´s placement (April bis Juni). Der praktische Teil des Programms beginnt mit einem dreimonatigen Praktikum bei einer law firm oder einem Unternehmen. Man wird dort etwa wie ein Trainee eingestuft und bekommt die Möglichkeit, praktisch zu arbeiten. Welchen Gewinn man aus dem placement zieht, hängt sicherlich von jedem selbst ab. Einige bevorzugten kurze Arbeitszeiten, die ihnen viel Zeit zum Erleben von London ließen, andere waren so fest in eine Kanzlei eingebunden, dass sie lange arbeiteten. Letztlich ist die Ausbildung ungefähr mit der Anwaltsstation im Referendariat vergleichbar. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das College bei der Suche nach Praktika behilflich ist, jedoch teilweise große Schwierigkeiten hatte, angemessene Plätze für alle Teilnehmer zu finden. Daher war in einer guten Lage, wer sich bereits zuvor durch eigene Kontakte einen Platz gesichert hatte. Ich empfehle dringend, wenn möglich, diesen Weg zu gehen.

b) Barrister´s placement (Juli). Die letzten zwei Wochen lassen das Programm mit einem Barrister´s placement (sog. mini-pupillage) ausklingen. Die Teilnehmer werden dabei einem Barrister zugewiesen, der sie mit zu seinen Gerichtsterminen nimmt. Viele von uns bekamen so die Möglichkeit, Zugang zu Gerichtssälen zu erhalten, der uns sonst verwehrt geblieben wäre. Die Barrister ließen uns im Allgemeinen ein hohes Maß an Freiheit, so dass in den letzten zwei Wochen noch einmal das Londoner Leben voll ausgekostet werden konnte.

IV. Fazit. Jetzt, nach Ende des Programms, habe ich das Gefühl, zur Abrundung meiner Ausbildung genau das Richtige getan zu haben. Ich ziehe im Rückblick das EYLS dem LL.M. aus mehreren Gründen vor: u. a. wegen der praktischen Ausrichtung (Praxiskurse und Praktika) sowie wegen der kleinen Gruppe von Mitstudenten aus vielen europäischen Ländern, die zu einer Gemeinschaft zusammenwächst. Das EYLS ist ein rundherum gelungenes Programm und muss jedem, der nach seiner Ausbildung noch einmal ins Ausland möchte, ans Herz gelegt werden. Und noch ein Grund spricht für das Programm: Bisher war die Resonanz auf die Ausschreibungen des DAAD begrenzt. Daher sind die Chancen, ein Stipendium zu erhalten, deutlich größer als anderswo. Informationen zur Bewerbung um das Stipendium finden sich unter www.britishcouncil.de/d/society/eyls.htm. Für Hinweise und Anregungen stehe ich gerne zur Verfügung.

Rechtsanwalt Dr. Armin Trafkowski, Linklaters Oppenhoff & Rädler, Köln


JuS 10/2003