Mittelständische Wirtschaft im Krisenmodus: Risikoevaluierung wird immer wichtiger


 

Die lange Zeit erstaunlich moderaten Krisenauswirkungen im Mittelstand haben im Herbst 2022 an Schärfe stark zugenommen. Mit welchen Strategien die Unternehmen nach zwei Pandemie-Jahren versuchen, den neuen Krisensituationen zu begegnen und parallel den allgemeinem Transformationsdruck zu bewältigen, ist Gegenstand einer IfM-Studie, die am 15.11.2022 präsentiert wurde. Einer wenig später am 17.11.2022 vorgestellten Horváth-Studie ist zu entnehmen, dass die große Mehrheit der Top-Führungskräfte (93%) mit noch mehr Handlungsdruck in 2023/2024 rechnet.

 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Entwarnung kann also trotz aller Erfolge im Rahmen der Bewältigung der Pandemie-Auswirkungen und sonstiger Bemühungen nicht gegeben werden. So wurde in der Horváth-Studie darüber informiert, dass die anhaltenden Probleme aus den aktuellen Umbrüchen dafür sorgen werden, das Management auch 2023 noch mit der Bewältigung in Atem zu halten. Und dabei dürfte es nicht bleiben: 93% der Top-Führungskräfte gehen davon aus, dass 2023 und 2024 mindestens eine weitere Krise „on top“ kommt. Nach den Ergebnissen der IfM-Studie (Institut für Mittelstandsforschung, Bonn) brach im ersten Corona-Jahr das Umsatzwachstum im Mittelstand ein, wobei es deutliche Branchenunterschiede gab. Von der Erholung in 2021 profitierten die kleinsten und kleinen Unternehmen weniger als die mittleren und großen Unternehmen.

Der zunehmende Fachkräftemangel bleibt nach den Ergebnissen der IfM-Studie das Top-Thema bei den mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmern. Für einen Teil von ihnen ist es sogar zur existenziellen Frage geworden. Als zweitgrößte Herausforderung nennen die Unternehmen das Thema „Klima/Nachhaltigkeit“. Die Unternehmen registrieren dabei nicht nur die hiermit verbundenen Risiken, sondern sehen darin durchaus auch eine Chance, ihre Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln, neue Produkte und Dienstleistungen hervorzubringen. Infolge der Corona-Pandemie und des Kriegs in der Ukraine rücken die Themen „Energieversorgung und -sicherheit, Inflation und Krisen“ in das Bewusstsein der Unternehmen. Trotz der pandemiebedingten Belastungen und Einschränkungen nennen hingegen nur verhältnismäßig wenige Unternehmen das Thema „Unternehmensfinanzierung“ als herausfordernd für die Zukunft.

 

 

Lösung

In dem geschilderten Umfeld gilt Risikoevaluation (Risikobewertung) als Schlüssel zur Gewährleistung der notwendigen Resilienz (Widerstandsfähigkeit) für Unternehmen. Trotz aller Unwägbarkeiten lohnt sich die Vorbereitung auf verschiedene Krisenszenarien. Stefan Tobias, Partner bei der Managementberatung Horváth, empfiehlt, „auf dem Weg zur Resilienz Risiken bestmöglich zu evaluieren und viele Szenarien durchzuspielen. Dafür muss die Datenbasis stimmen“. Daher kommt es darauf an, welche Szenarien im Rahmen der Risikoevaluierung vorrangig betrachtet werden sollten.

Im Unterschied zu der IfM-Studie gehen die von Horváth Befragten am ehesten von einer Finanzkrise aus. 45% halten dieses Szenario für wahrscheinlich. In Konzernen mit einem Jahresumsatz ab 5 Mrd. € und mindestens 5.000 Mitarbeitenden rangiert jedoch eine andere Art von Krise an erster Stelle der wahrscheinlichsten Szenarien: 61% gehen davon aus, dass der Klimawandel bereits kurzfristig deutlich drastischere Folgen für die Wirtschaft haben wird, als bislang angenommen, etwa Nahrungsmittelknappheit aufgrund von Extremwetterlagen. Über alle Unternehmensgrößen hinweg gehen 43% von einer durch den Klimawandel bedingten Krise aus.

An dritter Stelle der als wahrscheinlich angenommenen neuen Krisen steht ein Cyberkrieg: 37% der befragten Führungskräfte erwarten für 2023 und 2024, dass Cyberkriminalität eine Dimension annehmen wird, die Teile der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens komplett lahmlegen oder zumindest in große Schwierigkeiten bringen wird. Bei Industrieunternehmen rangiert dieses Szenario sogar auf Top 2. Mit einer neuen Viruspandemie, die parallel zu Covid-19 grassieren wird, rechnet etwas mehr als jede dritte Führungskraft (35%). In Konzernen mit mindestens 5.000 Mitarbeitenden wird dieses Risiko allerdings deutlich höher eingeschätzt (46%). An fünfter Stelle möglicher Krisenszenarien stehen neue geopolitische Konflikte. Weiter halten 30% der Befragten es für realistisch, dass sich – zusätzlich zu bestehenden Konflikten – weitere internationale Beziehungen drastisch verschlechtern könnten. Vor allem Handelsunternehmen fürchten dieses Szenario (50%).

Teilweise vergleichbare Ergebnisse liefert die IfM-Studie: So rangiert auch für die hier befragten mittelständischen Unternehmen das Thema „Klimawandel/Nachhaltigkeit“ auf Platz zwei. Damit zeige sich, so die Studienleiterinnen Siegrun Brink und Annette Icks vom IfM in Bonn, dass der Mittelstand bestrebt ist, mit nachhaltigem und zukunftsorientiertem Denken Verantwortung zu übernehmen.

Ein Vergleich mit dem letzten Zukunftspanel Mittelstand offenbart demnach aber, dass der Fachkräftemangel die zentrale unternehmerische Herausforderung bleibt. Mit dem Schlagwort „Fachkräfte“ verbinden die Unternehmen sowohl den Mangel als auch damit einhergehende Probleme. Entsprechend erfüllt das Thema „Gewinnung ausreichend qualifizierter und geeigneter Fach- und Arbeitskräfte“ die Unternehmen mit Sorge. Verstärkt werden die Engpässe im Fachkräftebereich durch den demografischen Wandel. Es werden aber auch Strategien zur Bindung von Beschäftigten angesprochen. So sehen die Unternehmerinnen und Unternehmer die eigene Attraktivität sowie die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten als künftige Herausforderungen an. Zugleich formulieren sie den Wunsch an die Politik, die Qualitätsverbesserung des deutschen Bildungssystems nicht aus den Augen zu verlieren.

Der auffälligste Unterschied der beiden Studien liegt in dem unterschiedlich besetzten Platz eins der Risiken: Finanzkrise in der Horváth-Studie bzw. Fachkräftemangel im IfM-Panel. Das dürfte damit zu erklären sein, dass die Befragten in der erstgenannten Studie aus größeren Unternehmen stammen, die internationale Einflüsse auf den Kapitalmärkten mehr im Blick haben als die IfM-Mittelständler. Dass bei Restrukturierungen die Bereitstellung von Finanzmitteln derzeit jedenfalls noch kein hochrangiges Problem ist, konnte kürzlich auch in einer Oliver-Wyman-Studie festgestellt werden, über die anlässlich des 11. ISR (Internationales Symposion Restrukturierung) Ende Oktober 2022 in Kufstein berichtet wurde. Nach den hier zusammengefassten Aussagen des Referenten Dr. Lutz Jäde (siehe zum ISR-Programm auch unter https://restrukturierung.fh-kufstein.ac.at/jahreskonferenz/Rueckblicke) sieht es schlecht aus für die Bauindustrie, daneben auch für Energieversorger wegen zu hoher Einkaufspreise. Autozulieferer verlangen höhere Preise, die die Hersteller nur begrenzt ablehnen können, sodass deren Profite sinken werden. Ebenso trifft es den Einzelhandel. Der Tourismus muss mit Einschränkungen leben, weil gespart wird. Weiterhin werden große Branchenunterschiede das Bild prägen. Disruptionen sowie insbesondere das Megathema „Nachhaltigkeit“ und ein neues Kaufverhalten dürfen – so mahnte Jäde – nicht aus dem Blick geraten.

Dennoch sei als Lichtblick zu verzeichnen, dass Finanzierungen auch weiterhin möglich sein werden: Eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Kapital wurde von keinem der Befragten erwartet.

 

 

Praxishinweise:

  • Bereits zum vierten Mal konnten Unternehmen im Rahmen des Zukunftspanels Mittelstand angeben, welche Herausforderungen sie in der Zukunft erwarten. Insgesamt beteiligten sich 1.047 Unternehmen mit Sitz in Deutschland an der Befragung. Die Umfrage für das Zukunftspanel Mittelstand war in eine Unternehmensbefragung des IfM Bonn zum Thema „Klimawandel“ eingebettet. Auch wenn dieser Kontext generell zu berücksichtigen ist, zeigt die Vielfalt der genannten Herausforderungen zugleich, dass die Unternehmen sich nicht nur auf Aspekte der Klimawandels fokussieren, sondern auch andere Herausforderungen in den Blick nehmen. Verständlich ist, dass das Thema „Energieversorgung und -sicherheit“ die Unternehmen zunehmend besorgt (mehr dazu unter https://www.ifm-bonn.org/meta/news/meldung/krisenauswirkungen-im-mittelstand).
  • Für die aktuelle Horváth-Studie wurden 150 Top-Führungskräfte aus sechs europäischen Staaten befragt, davon 100 aus Deutschland. Die Befragten stammen aus Unternehmen mit mindestens 200 Mio. € Jahresumsatz, branchenübergreifend. Im Ländervergleich zeigt sich, dass deutsche Führungskräfte etwas unbesorgter als andere europäische Staaten sind, vor allem in Bezug auf eine mögliche weitere Viruspandemie. Nur 27% halten dieses Szenario hierzulande für wahrscheinlich – im Vergleich zu 50% in der übrigen Stichprobe.
  • Dass der Klimawandel bzw. die Nachhaltigkeit immer wichtiger werden, ist ein Ergebnis beider Studien. Dabei gehen die Unternehmen konstruktiv mit dem Thema um: Sie erkennen die Notwendigkeit, auf fossile Energieträger zu verzichten bzw. deren Einsatz zu verringern. Zugleich denken sie über eine CO2-neutrale Produktion nach und planen offensichtlich die vermehrte Nutzung regenerativer Energien. Auch E-Mobilität ist für viele Unternehmerinnen und Unternehmer ein Thema.
  • Obwohl das Problembewusstsein der Unternehmen für das Thema „Klimawandel“ also zugenommen hat, wird es innerhalb der Unternehmenslandschaft nicht im gleichen Maße als Herausforderung wahrgenommen. Auffällig ist dabei, dass jüngere Unternehmer offensichtlich ein höheres Problembewusstsein besitzen. Für rund vier von zehn Unternehmern, die jünger als 40 Jahre sind, ist der Klimawandel bereits heute die größte Herausforderung der Zukunft.

 

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 12/2022