IDW warnt vor Überforderung durch Nachhaltigkeitsberichterstattung


 

In einem am 10.10.2022 veröffentlichten Appell bekundet das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW) seine Aufgeschlossenheit bezüglich der notwendigen Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft, weist aber auch auf einige kritische Aspekte hin, die für eine gelungene Nachhaltigkeitsberichterstattung wichtig sind und der Gefahr von „Greenwashing“ vorbeugen sollen. Insbesondere die auf Mittelständler scheinbar ungebremst zurollenden Anforderungen seien zu granular und im Zeitplan zu ambitioniert.

 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Um auf aktuelle kritische Aspekte beim Prozess der Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft aufmerksam zu machen, hat das IDW mit Datum vom 7.10.2022 einen offenen Brief an deutsche und internationale politische Entscheider sowie Standardsetter geschrieben; er wurde am 10.10.2022 unter IDW Aktuell veröffentlicht. Das Schreiben wurde unter dem Titel „Nur eine verlässliche und akzeptierte Nachhaltigkeitsberichterstattung schafft das notwendige Vertrauen in die angestrebte Transformation“ herausgegeben; Unterzeichner ist neben dem IDW-Vorsitzenden der Fachleiter Rechnungslegung, WP/StB Prof. Dr. Bernd Stibi.Vier Kernpunkte betreffen folgende Sachverhalte:

  1. Zu den kritischen Aspekten, die für eine gelungene Nachhaltigkeitsberichterstattung wichtig sind und der Gefahr von „Greenwashing“ vorbeugen sollen, zählt zunächst, dass die Klassifizierungen, welche Tätigkeiten der Finanz- und Realwirtschaft als nachhaltig anzusehen sind, praktikabel, widerspruchsfrei und vergleichbar vorgenommen werden müssen.
  2. Das IDW weist darauf hin, dass – angesichts der Erweiterung der Berichtspflichten auf Mittelständler durch die Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD – Corporate Sustainability Reporting Directive) – die Entwürfe der europäischen Berichtsstandards zu granular, d.h. zu kleinteilig bzw. zu detailverliebt, sind.
  3. Der Zeitplan zur Umsetzung für die Unternehmen wird als zu ambitioniert kritisiert.
  4. Aus Sicht des Berufsstands der Wirtschaftsprüfer ist wichtig, dass in den Reportingstandards das Soll-Objekt angemessen und präzise beschrieben wird, damit die Prüfung anschließend gut gelingt.

Aus den insoweit abgegebenen IDW-Empfehlungen werden nachfolgend die den Mittelstand betreffenden Passagen hervorgehoben.

 

 

 

Prof. Dr. Bernd Stibi

 

 

Lösung

Die neue Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) sieht erheblich erweiterte Berichtspflichten vor und gilt durch die Einbeziehung des Mittelstands zudem für einen deutlich erweiterten Anwenderkreis. Für die (erstmals) betroffenen Unternehmen gilt zudem die Taxonomie-Verordnung. Kern der CSRD ist die Ermächtigung der EU-Kommission, die eher allgemeinen Regelungen der CSRD durch europäische Nachhaltigkeitsberichtsstandards (ESRS – European Sustainability Reporting Standards) zu konkretisieren. Die dazu von der EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group; Europäische Beratungsgruppe zur Rechnungslegung) bislang vorgelegten 13 Entwürfe weisen eine hohe Granularität auf und zwingen die Unternehmen zur Erhebung einer Vielzahl von Detailangaben. Für Stibi bestehen berechtigte Zweifel, ob unter Kosten- und Nutzenaspekten „das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird“.

Zudem ist zu bedenken, dass neue Berichterstattungspflichten in die Reportingsysteme der Unternehmen integriert werden müssen, was naturgemäß einen erheblichen Zeitbedarf auslöst. Dies gilt erst recht, wenn Unternehmen betroffen sind, die bisher zu keinerlei wesentlicher Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet waren. Angesichts des vorgesehenen Zeitplans der CSRD bestehen aus Sicht des IDW erhebliche Zweifel, ob die notwendigen Vorarbeiten rechtzeitig geleistet werden können.

Das IDW appelliert daher dringend, dass die vorgeschlagenen ESRS überarbeitet werden, was auch die zahlreichen Stellungnahmen zu der Konsultation zeigen. Hierzu müsse der EFRAG die notwendige Zeit gewährt werden. Zunächst sollte die Fülle der geforderten Details überprüft werden: Nicht jede Einzelangabe, die ggf. für einzelne Adressaten interessant sein mag, ist unter Kosten- und Nutzen-Aspekten gerechtfertigt. Überbordende Angaben befördern darüber hinaus – so warnt Stibi – ein bloßes „Compliance-Denken“ („Box-Ticking“) und stehen dem anzustrebenden „Integrated Thinking“ entgegen.

Sollten keine Erleichterungen bei der zeitlichen Erstanwendung der CSRD mehr vorgenommen werden, regt das IDW als Lösung an, die Angaben für Erstanwender in einem ersten Schritt auf wenige zentrale KPI (Key Performance Indicators bzw. wesentliche Leistungskennzahlen) zu reduzieren bzw. Berichtsinhalte zu priorisieren. Mit einer solchen abgewogenen, schrittweisen Vorgehensweise sollen nicht etwa die Ziele eines transparenten Reportings infrage gestellt werden. Es müsse aber verhindert werden, dass überbordende Anforderungen verbunden mit zu hoch gesteckten Erwartungen den Gesamterfolg gefährden, da sich Vertrauensverluste der Stakeholder (z.B. Investoren, Lieferanten, Kunden, Mitarbeitende) später nur schwer korrigieren lassen. Nach Stibi sind „machbare Angaben, die halten, was sie versprechen, und im Zeitablauf weiter ausgebaut werden, der bessere Weg“.

 

 

Praxishinweise:

  • Hintergrund der fortschreitenden Regulierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung ist der sog. Green Deal der EU. Damit werden drei wesentliche Ansatzpunkte verfolgt, die zu einer nachhaltigen Transformation der Wirtschaft führen sollen: die Erweiterung und Präzisierung der Vorgaben für die Unternehmensberichterstattung („Sustainability Reporting“), die verstärkte Nutzung des Kapitalmarkts („Sustainable Finance“) und die Vorgaben für die Unternehmensführung („Sustainable Corporate Governance“). Für globale Unternehmen bedarf es aus IDW-Sicht eines einheitlichen globalen (Mindest-)Rahmens für die Nachhaltigkeitsberichterstattung, um unnötigen Aufwand und eine für die Adressaten wenig transparente doppelte Berichterstattung zu vermeiden. Die ESRS dürfen daher keine Widersprüche zum ISRS (International Standard on Related Services; Standard zur Durchführung von vereinbarten Untersuchungshandlungen) des ISSB (International Sustainability Standards Board; Gremium zur Erarbeitung von Standards für Nachhaltigkeitsberichte) aufweisen.
  • Mit Stibi ist auch darauf zu verweisen, dass die Wirtschaft mit der Finanzberichterstattung über jahrzehntelange Erfahrungen verfügt: Es existiert ein gewachsenes System, das die Besonderheiten von Unternehmen (Kapitalmarktnähe, Rechtsform, Größe, Branche etc.) berücksichtigt und breite Akzeptanz genießt. Auf globaler, europäischer und nationaler Ebene sei daher anzuraten, die in der Entwicklung der Finanzberichterstattung gewonnenen Erkenntnisse auch für die Entwicklung der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu nutzen.
  • Zur breiten Akzeptanz zählt auch (das sei hier dem IDW-Appell ergänzend hinzugefügt) die Einbindung der Expertise aus den Bereichen Bilanzbuchhaltung und Controlling. Das betrifft nicht nur die Mitwirkung bei der Erstellung der die Nachhaltigkeitsberichte füllenden Angaben. Denn auch die Prüfung solcher Informationen kann laut EU-Vorgaben nicht nur durch Wirtschaftsprüfer, sondern durch sog. unabhängige Dritte (jetzt durch die CSRD erstmals verpflichtend) vorgenommen werden (vgl. dazu bereits verschiedentlich Hinweise im BC-Newsletter, so z.B. hier).

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 11/2022