Zunehmende Zahlungsausfälle gefährden Liquiditätsziele


 

Das Zahlungsverhalten in Deutschland hat sich deutlich verschlechtert. Im 1. Halbjahr 2022 verzeichneten Lieferanten und Kreditgeber im B2B-Geschäft (Business-to-Business – Leistungsaustausch findet ausschließlich zwischen Unternehmen statt) einen durchschnittlichen Zahlungsverzug von 10,51 Tagen, nachdem es im 2. Halbjahr 2021 nur 9,97 Tage waren. Hinter dieser abstrakten Zahl versteckt sich das Problem, dass mit zunehmenden Zahlungsverzögerungen bei Kreditgebern und Gläubigern die Gefahr von Forderungsausfällen wächst.

 

 

Praxis-Info!

 

Hintergrund

Der zaghafte Konjunkturaufschwung nach dem Wegfall der meisten Corona-Beschränkungen im Frühjahr 2022 scheint beendet. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Creditreform Wirtschaftsforschung auf der Basis von rund 3,9 Mio. Rechnungsbelegen aus dem Creditreform Debitorenregister Deutschland (DRD). „Viele Unternehmen haben derzeit mit erheblichen Kostensteigerungen zu kämpfen, die Ertrag und Liquidität belasten“, kommentierte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung, die aktuellen Daten. Kreditnehmer würden ihren Zahlungsverpflichtungen zum Teil nur noch verspätet nachkommen. Die Gefahr eines Zahlungsausfalls sei in den letzten Monaten stark gestiegen. Verschlechtert habe sich das Zahlungsverhalten aktuell vor allem in den Industriesektoren.

Im Rahmen der Creditreform-Analyse des Zahlungsverhaltens im 1. Halbjahr 2022 wurde u.a. festgestellt:

  • Gläubiger kürzen Zahlungsziele erheblich im Durchschnitt von 30,7 Tagen auf 29,8 Tage;
  • der Durchschnittswert von verspätet bezahlten Rechnungen ist auf 2.107 € und damit wieder auf Vorkrisenniveau gestiegen, und
  • Kleinunternehmen verursachten 26% aller Außenstände – mit steigender Tendenz.

 

 

Lösung

Damit waren die Zahlungsziele in Deutschland so kurz wie seit Jahren nicht mehr. In dieser Entwicklung der verkürzten Zahlungsziele (vgl. Abb.) kommt offenbar der Wunsch der Lieferanten und Kreditgeber zum Ausdruck, schneller wieder Liquidität zu erhalten und die Gefahr von Zahlungsausfällen zu minimieren (mehr dazu siehe unter https://www.creditreform.de/aktuelles-wissen/pressemeldungen-fachbeitraege/news-details/show/creditreform-zahlungsindikator-deutschland-sommer-2022). Von zunehmenden Forderungsausfällen ist der Weg oft nicht weit zum Problem der (drohenden) Zahlungsunfähigkeit.

 

 

Abb.: Verkürzung der Zahlungsziele (Quelle: siehe vorstehenden Link)

 

 

Aus den mit Stand vom 16.8.2022 veröffentlichten Creditreform-Ergebnissen ist ferner abzulesen, dass den Kleinunternehmen nun eine höhere Bedeutung für das Forderungsmanagement zukommt. Denn Kleinunternehmen (bis 50 Beschäftigte) verursachten im 1. Halbjahr 2022 etwa ein Viertel (26,1%) des gesamten offenen Forderungsbestands in Deutschland. Dieser Anteil hat zuletzt spürbar zugenommen (2. Halbjahr 2021: 23,2%). Im Gegenzug nahm die Bedeutung von Großunternehmen (mehr als 250 Beschäftigte) ab. Im 1. Halbjahr 2022 verursachte diese Unternehmensgrößenklasse bei ihren Kreditgebern 60,5% aller Außenstände (2. Halbjahr 2021: 61,6%). Creditreform-Sprecher Hantzsch empfiehlt daher: „Das Kreditmanagement von Lieferanten und anderen Gläubigern muss sich auf die neuen Entwicklungen einstellen und bedarf gerade jetzt im Konjunkturabschwung einer stärkeren Aufmerksamkeit.“ Auch kleine Transaktionsvolumina sollten gegen Ausfälle abgesichert werden. Der Zahlungsverzug von kleinen Firmen erhöhte sich im 1. Halbjahr 2022 (von 11,92 Tagen) auf 12,08 Tage. Großkunden zahlten ihre Rechnungen im Durchschnitt 9,62 Tage verspätet (Vorjahr: 8,62 Tage).

 

 

 

 

Praxishinweise:

  • Neben dieser eher kurzfristigen Perspektive ist mit mittel- und langfristigem Blick festzustellen, dass Kreditgeber zur Vermeidung der Gefahr von Zahlungsausfällen zunehmend die Beachtung von ESG-Kriterien einfordern. Als Ergebnis eines in der Fachzeitschrift KSI (Krisen-, Sanierungs- und Insolvenzberatung) zur Veröffentlichung vorbereiteten Studienberichts ist zu sehen, dass die Kreditinstitute mehrheitlich ESG-Kriterien in der internen Risikoeinschätzung berücksichtigen sowie dem Thema „Nachhaltigkeit“ einen hohen Stellenwert zuschreiben (vgl. Verhofen/Schröder/Malter, KSI 2022, 228 ff., Heft 5, erscheint ca. am 10.9.2022).
  • Für Kreditinstitute selbst ist dieses Thema sehr entscheidend, da der gesellschaftliche sowie politische Druck auf die Banken weiter voranschreitet. Grund hierfür ist, dass Kreditinstitute einen direkten Einfluss darauf haben, welche Projekte sie unterstützen und welche nicht.
  • Da verwundert es nicht, dass mit der Studie auch die Erkenntnis belegbar ist, dass ESG-Kriterien im Kreditvergabeprozess in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Vor allem Umweltkriterien wurden in der Studie mit einer hohen Wichtigkeit eingestuft. Der Stellenwert des Themas dürfte mit den immer stärkeren Auswirkungen von Nachhaltigkeitsrisiken auf die finanzielle Lage von Unternehmen und Kreditinstituten zunehmen.

 

 

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 9/2022