Neue EU-Vorschriften für Nachhaltigkeitsberichte


 

Der Rat der EU und das Europäische Parlament haben am 21.6.2022 eine vorläufige politische Einigung über die Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) erzielt. Der Vorschlag zielt darauf ab, Lücken in den geltenden Vorschriften über die Offenlegung nichtfinanzieller Informationen zu schließen, deren Qualität für eine angemessene Berücksichtigung insbesondere durch Kapitalmarktakteure bislang als unzureichend angesehen wird.

 

 

Praxis-Info!

 

Hintergrund

 

Die vorläufige politische Einigung zwischen EU-Rat und EU-Parlament soll bewirken, dass die Berichtsadressaten nun besser über die Auswirkungen von Unternehmen auf Menschenrechte und Umwelt informiert werden. Das bedeutet gemäß EU-Mitteilung vom 21.6.2021 (siehe dazu unter https://www.consilium.europa.eu/de) mehr Transparenz für Menschen, Konsumierende und Anlegende. Die von Unternehmen bereitgestellten Informationen sollen besser lesbar und einfacher werden. Die bisherigen Lücken beeinträchtigen den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft. Das sollen die neuen Berichtspflichten mit einem weit gezogenen Anwendungsbereich verhindern.

 

 

 

Lösung

(1) Neue Berichtspflichten: Mit der vorgesehenen Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) wird die Richtlinie über die Angabe nichtfinanzieller Informationen von 2014 geändert. Eingeführt werden detailliertere Berichtspflichten. Sichergestellt wird damit, dass große Unternehmen verpflichtet sind, Informationen zu Nachhaltigkeitsfragen wie Umweltrechten, sozialen Rechten, Menschenrechten und Governance-Faktoren zu veröffentlichen. Außerdem wird mit der CSRD eine Zertifizierungspflicht für die Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie ein besserer Zugang zu Informationen eingeführt, indem deren Veröffentlichung in einem gesonderten Abschnitt derLageberichte von Unternehmen vorgeschrieben wird.

(2) Anwendungsbereich: Die EU-Vorschriften über nichtfinanzielle Informationen werden zunächst für alle großen Unternehmen (Überschreitung von zwei der drei Größenmerkmale: Bilanzsumme > 20 Mio. €, Umsatzerlöse > 40 Mio. €, durchschnittliche Anzahl der Arbeitnehmer > 250) und alle an geregelten Finanzmärkten notierten Unternehmen gelten. Diese Unternehmen sind aber auch für die Bewertung der Informationen auf der Ebene ihrer Tochtergesellschaften verantwortlich, sodass es zu Ausstrahlungseffekten kommen wird. Für börsennotierte KMU sollen deren Besonderheiten berücksichtigt werden. KMU werden während eines Übergangszeitraums eine Ausnahmeregelung („Opt-out“) in Anspruch nehmen können, d.h., sie werden bis 2028 von der Anwendung der Richtlinie ausgenommen sein.

In Bezug auf nichteuropäische Unternehmen gilt die Pflicht zur Vorlage eines Nachhaltigkeitsberichts für alle Unternehmen, die in der EU einen Nettoumsatz von mehr als 150 Mio. € erzielen und mindestens eine Tochtergesellschaft oder Zweigniederlassung in der EU haben. Diese Unternehmen müssen einen Bericht über ihre sog. ESG-Auswirkungen vorlegen, d.h. über ökologische, soziale und Governance-Aspekte im Sinne der Richtlinie (ESG – Environmental/Umwelt, Social/Soziales, Governance/verantwortungsvolle Unternehmensführung und -überwachung).

(3) Qualität der Berichterstattung: Für die Festlegung europäischer Standards soll die Europäische Beratergruppe für Rechnungslegung (EFRAG) nach fachlicher Beratung durch mehrere europäische Agenturen zuständig sein. Damit ist der Weg frei für die verbindliche Annahme der European Sustainability Reporting Standards (ESRS). Die Berichterstattung muss von einem akkreditierten unabhängigen Prüfer zertifiziert werden. Um sicherzustellen, dass Unternehmen die Berichterstattungsvorschriften einhalten, soll die Einschaltung eines solchen unabhängigen Prüfers (der voraussichtlich nicht zwingend ein Wirtschaftsprüfer sein muss) dafür sorgen, dass die Nachhaltigkeitsinformationen den ESRS als von der EU festgelegten Zertifizierungsstandards entsprechen. Die Berichterstattung nichteuropäischer Unternehmen muss ebenfalls von einem europäischen oder in einem Drittland ansässigen Prüfer zertifiziert werden.

(4) Zeitliche Vorgaben: Die Anwendung der Vorschriften erfolgt in drei Stufen:

  • zunächst bereits ab 1.1.2024 für Unternehmen, die bereits der Richtlinie über die Angabe nichtfinanzieller Informationen unterliegen;
  • dann ab 1.1.2025 für große Unternehmen, die derzeit nicht der Richtlinie über die Angabe nichtfinanzieller Informationen unterliegen, und
  • ab 1.1.2026 für börsennotierte KMU sowie für kleine und nicht komplexe Kreditinstitute und firmeneigene Versicherungsunternehmen (Ausnahmeregelung für einen Übergangszeitraum bis 2028 beachten – siehe oben).

 

 

 

 

Praxishinweise:

  • Die erzielte vorläufige Einigung (s. dazu die Anlagen zur EU-Mitteilung vom 21.6.2022 unter https://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2022/06/21/new-rules-on-sustainability-disclosure-provisional-agreement-between-council-and-european-parliament/) bedarf noch der Zustimmung des EU-Rats und des EU-Parlaments. Seitens des EU-Rats muss die vorläufige politische Einigung vom Ausschuss der Ständigen Vertreter (AStV) gebilligt werden, bevor die formellen Schritte des Annahmeverfahrens eingeleitet werden. Die Richtlinie kann dann 20 Tage nach ihrer Veröffentlichung im Amtsblatt der Europäischen Union in Kraft treten.
  • Nach einer ersten Stellungnahme von Bruno Le Maire, Minister für Wirtschaft, Finanzen und industrielle und digitale Souveränität, setzt sich „Europa im internationalen Wettlauf um Standards an die Spitze, indem es im Einklang mit unseren ökologischen und sozialen Ambitionen hohe Standards festlegt“. Er formuliert gar: „Greenwashing ist Geschichte.“ Das aber darf bezweifelt werden, denn zuletzt hatte das IDW beklagt, dass der Markt derzeit von wenigen großen ESG-Rating-Agenturen abhängig ist, die nicht aufsichtlich überwacht werden (siehe dazu im jüngsten BC-Newsletter vom 23.6.2022). Die Methoden zur Bestimmung des ESG-Rating seien derzeit nicht transparent. Zudem bestünden zum Teil signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Agenturen bei Ratings zum selben Bewertungsobjekt. Dadurch scheine „grün“ käuflich zu sein, und das Risiko für Greenwashing sei enorm.
  • Aus Mittelstandssicht ist sehr bedeutsam, dass im zugrunde liegenden Dokument ausdrücklich anerkannt wird, dass den vielen KMU, die durch die verpflichtende Betrachtung der gesamten Lieferkette und Geschäftsbeziehungen mittelbar betroffen sind, Erleichterungen gewährt werden müssen. Konkret heißt es im interinstitutionellen Dossier: 2021/0104(COD) 6292/22 vom 18.2.2022 auf S. 5: „Darüber hinaus wurde klargestellt, dass Unternehmen, die aufgrund fehlender Angaben von Unternehmen in ihren Wertschöpfungsketten nicht in der Lage sind, bestimmte Informationen bereitzustellen, insbesondere KMU, während eines dreijährigen Übergangszeitraums Flexibilität eingeräumt wird.“
  • Dennoch bleiben die Herausforderungen erheblich. Viele Unternehmen müssen ihre internen Systeme, etwa zum Risikomanagement und zur Informationsgenerierung, umbauen oder aber neue aufbauen (vgl. zu der Empfehlung, damit zeitnah zu beginnen, schon häufiger Müller/Needham/Tijn, siehe zuletzt hier). Etwas mehr Zeit gibt Luft, sollte jedoch nicht zur Untätigkeit verleiten. Und ob auch Kreditgeber entsprechend warten, steht ohnehin auf einem anderen Blatt.

 

 

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 8/2022