Mehr Transparenz bei ESG-Ratings


 

Mit der fast inflationär zunehmenden Bedeutung des Nachhaltigkeitsstrebens für die Unternehmenssteuerung gewinnt auch die Überprüfung von Nachhaltigkeitsinformationen stark an Bedeutung. Das sog. Greenwashing-Risiko hat jetzt auch den Berufsstand der Wirtschaftsprüfer auf den Plan gerufen: Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) setzt sich nachdrücklich für mehr Transparenz bei ESG-Ratings ein (ESG: Environmental/Umwelt, Social/Soziales, Governance/verantwortungsvolle Unternehmensführung und -überwachung).

 

Praxis-Info!

  

Hintergrund

Eine kürzlich im BC-Newsletter besprochene Studie (siehe unter https://rsw.beck.de/cms/main?docid=447873 sowie unter https://rsw.beck.de/cms/main?docid=447673) zeigt: Viele Unternehmen wollen zur Jahrhundertherausforderung Klimaschutz zwar beitragen und selbst klimaneutral werden, über konkrete Strategien dafür informieren sie bislang jedoch wenig. Bei den ökologischen und sozialen Bedingungen in ihren Lieferketten erfüllen die Unternehmen nur Mindeststandards an Transparenz, erläutern aber seltener, wie sie ihre Lieferantenbeziehungen zukünftig nachhaltiger entwickeln möchten.

Vor diesem Hintergrund ist zu beobachten, dass sich Experten, wie insbesondere Wirtschaftsprüfer, zu Wort melden. Sie wollen Agenturen, die Bewertungen über ökologische und soziale Faktoren sowie Fragen der guten Unternehmensleitung abgeben (ESG-Ratings), zu mehr Transparenz verpflichten. In einer am 21.6.2022 bekannt gegebenen Stellungnahme an die EU-Kommission fordert das IDW zudem, ESG-Rating-Agenturen systematisch zu überwachen. Das IDW antwortet damit auf eine Konsultation zum Markt für ESG-Ratings, mit der die EU-Kommission bis zum 10.6.2022 Stellungnahmen der verschiedenen Marktteilnehmer eingeholt hat. Das IDW betont dabei naturgemäß auch die bei Wirtschaftsprüfern vorhandene Expertise, da sie in Deutschland Pflichtprüfungen von nachhaltigkeitsbezogenen Informationen im Finanzsektor übernehmen, für welche ESG-Ratings von hoher Bedeutung sind. Dass davon aber auch andere Berufsgruppen – wie die vom BVBC vertretenen Experten und Expertinnen – betroffen sind, liegt auf der Hand.

Das IDW stellt fest, dass der Markt derzeit von wenigen großen ESG-Rating-Agenturen abhängig ist, die nicht aufsichtlich überwacht werden. Die Methoden zur Bestimmung des ESG-Rating seien derzeit nicht transparent. Zudem bestünden zum Teil signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Agenturen bei Ratings zum selben Bewertungsobjekt. Dadurch scheine „grün“ käuflich zu sein, und das Risiko für Greenwashing sei enorm. Dem ist auch aus BVBC-Sicht beizupflichten, sodass eine nähere Betrachtung der IDW-Argumente sinnvoll ist.

 

 

Lösung

Der Problemlösung kommt man näher, wenn kurz auf die im Beitrag „Nachhaltigkeitsranking des CSR-Reporting“ bereits zitierte Aussagen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) zurückgeblickt wird: „Nur wenn Unternehmen substanziell und transparent berichten, kann sich die Öffentlichkeit ein umfassendes Bild über Ziele und Maßnahmen zur Einhaltung von Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards machen. Die transparente Berichterstattung ist auch für Unternehmen selbst wichtig, um Lernprozesse zu initiieren und Impulse zur Weiterentwicklung des CSR-Reporting zu geben. Daher braucht es systematische und regelmäßige Qualitätschecks.

Nach Einschätzung des IDW wird sich ohne ein Gegensteuern das Problem verschärfen, da die Nachfrage nach ESG-Ratings weiter steigt. Zudem gebe es derzeit noch nicht viele allgemein verfügbare ESG-Daten, wodurch die Marktteilnehmer ESG-Ratings von Drittenkaum selbst beurteilen können. Das IDW spricht sich u.a. dafür aus,

  • die ESG-Rating-Agenturen zu mehr Transparenz darüber zu verpflichten, was sie messen und mit welchen Methoden,
  • auf eine stärkere Vereinheitlichung oder Standardisierung der verwendeten Methoden/Modelle hinzuwirken, um die ESG-Ratings vergleichbar zu machen,
  • die ESG-Rating-Agenturen einer systematischen aufsichtlichen Überwachung zu unterziehen,
  • Mindestvorgaben an die Unabhängigkeit der ESG-Rating-Agenturen vorzuschreiben,
  • Markteintrittsbarrieren zu beheben bzw. Agenturen beim Aufbau von ESG-Datenbanken zu unterstützen.

 

 

Praxishinweise:

  • Zudem befürwortet das IDW, dass sich ESG-Rating-Agenturen in der EU zunächst autorisieren bzw. registrieren lassen müssen. Dies bilde Vertrauen im Markt, vor allem bei kleineren Rating-Nutzern. Zum Abruf des Schreibens „ESG Ratings Market in the European Union“ (aufgrund der Umfrage der EU-Kommission) siehe unter www.idw.de.
  • Zwar lässt sich aus vielen Studien ablesen, dass Deutschlands Unternehmen verstärkt auf Nachhaltigkeit setzen: Das Thema hat sich einen festen Platz ganz oben auf (fast) jeder Managementagenda erobert (siehe hier). Neben den positiv stimmenden Ergebnissen solcher Studien gibt es aber auch Befragungsergebnisse, die zur Vorsicht mahnen. So geht aus einer internationalen Umfrage der Personalberatung Russell Reynolds Associates hervor, dass Nachhaltigkeit für deutsches Top-Management noch immer in erster Linie ein Marketing-Thema ist. Nur jedes vierte Unternehmen hat demnach eine klar kommunizierte Nachhaltigkeitsstrategie, obwohl sich Arbeitnehmer und Vorstände in der Bewertung der Dringlichkeit einig sind. Nachhaltigkeit werde immer noch vorrangig als Reputationsrisiko angesehen, das es zu managen gilt, nicht aber als Hebel zur Wertschöpfung, die Unternehmen neue Möglichkeiten eröffnet, profitabel zu wachsen. Nur 15% sagen, dass zusätzliche Wertschöpfung die treibende Kraft ihrer Nachhaltigkeitsstrategie ist. Es gibt also noch viel zu tun – im Management allgemein und für das Reporting im Besonderen. Die Studie „Trennlinien und Erträge Deutschland: Führen für eine nachhaltigere Zukunft“ ist unter https://www.dropbox.com/s/hotai2y0turt2a6/Russell%20Reynolds%20-%20Nachhaltigkeitsumfrage%20-%20Deutschland%20Januar%202022.pdf?dl=0 verfügbar.
  • Wer sich schon fit fühlt, sollte eine Bewerbung für den sog. Green Controlling-Preis in Erwägung ziehen: Damit sich Unternehmen und Controller/innen mit „grünen Herausforderungen“ beschäftigen, wird seit 2011 von der Péter Horváth-Stiftung in Kooperation mit dem ICV (Internationaler Controller Verein) der Green Controlling-Preis verliehen. Er ist dotiert mit 10.000 €. Ausgezeichnet wird die innovativste und effektivste „grüne“ Controllinglösung, die ökologische Strategien, Programme und Maßnahmen in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen gestaltet und steuert. Bewerbungsschluss ist der 31.7.2022. Zur Ausschreibungsseite für den Green Controlling-Preis der Péter Horváth-Stiftung siehe unter https://www.icv-controlling.com/de/verein/icv-awards/green-controlling-preis.html.
  • Neben dem IDW sprechen sich auch internationale Organisationen für eine stärkere Angleichung der Bemühungen um Nachhaltigkeitsangaben aus. In einer gemeinsamen Erklärung vom 1.6.2022 fordern der internationale Wirtschaftsprüferverband (International Federation of Accountants, IFAC), die UN Principles for Responsible Investment (UN PRI) und der Weltwirtschaftsrat für nachhaltige Entwicklung (World Business Council for Sustainable Development, WBCSD) eine Angleichung bei der Standardsetzung für die Nachhaltigkeitsberichterstattung und bei den Schlüsselkonzepten, Terminologien und Messgrößen, auf denen die Angabenvorschriften beruhen. In der Erklärung werden die bedeutenden Bemühungen des International Sustainability Standards Board (ISSB, Gremium zur Erarbeitung von Standards für Nachhaltigkeitsberichte), der US-amerikanischen Wertpapier- und Börsenaufsicht (SEC) und der EU-Kommission zusammen mit der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG, Europäische Beratungsgruppe zur Rechnungslegung) hervorgehoben. Allerdings wird auch festgestellt, dass ein koordinierter Ansatz erforderlich ist, um die umfassende globale Grundlinie der Nachhaltigkeitsangaben zu schaffen, die die Kapitalmärkte benötigen. Die vollständige Erklärung kann unter www.ifac.org abgerufen werden.

 

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

 

BC 7/2022