Krisenbewältigung mittels Resilienz im Mittelstand


 

Im Rahmen einer neu aufgelegten RKW-Studie wurde aufgedeckt, wie mittelständische Unternehmen auch in Krisenzeiten bestehen und welche Faktoren zur Resilienz (Widerstandsfähigkeit) beitragen. Dabei wurde auch herausgearbeitet, welche Unterschiede je nach Größenklasse bestehen.

 

Praxis-Info!

 

Hintergrund

In der am 12.5.2022 neu herausgegebenen RKW-Studie wird Resilienz (Widerstandsfähigkeit) als der entscheidende Erfolgsfaktor identifiziert. Was aber ist Resilienz? Und welche Faktoren tragen wesentlich zur Resilienz von KMU bei? Die Studienautoren nennen sechs wichtige Resilienzfaktoren und sprechen sich bei der näheren Ausformung für eine Differenzierung nach Unternehmensgrößenklassen aus.

 

 

Lösung

Mit der Studie „Deutschlands Mittelstand #2 – So meistern kleine und mittlere Unternehmen erfolgreich Krisen“ des RKW-Kompetenzzentrums wurden zum zweiten Mal Daten zu den ausgezeichneten Unternehmen des Wettbewerbs „Großer Preis des Mittelstandes“ der Oskar-Patzelt-Stiftung ausgewertet, und es wurde mithilfe einer Textanalyse eingeordnet, was den deutschen Mittelstand krisenresilient macht. Sechs Faktoren zeichnen resiliente Unternehmen demnach besonders aus:

  • Bewusstsein für sich und die Umwelt,
  • Elemente der Stabilität,
  • Offenheit für Veränderung,
  • Flexibilität förderndes Verhalten,
  • Antrieb zu kontinuierlichem Wachstum und
  • ausgeprägte Leistungsorientierung.

Analysiert wurde auch, inwieweit es Unterschiede zwischen kleinen, mittelgroßen und großen Mittelständlern gibt:

  • Für kleine Unternehmen (Betriebsgröße bis einschließlich 10 Mio. € Umsatz) bedeutet Resilienz vor allem das Erkennen von Risiken, aber auch von Chancen (Faktor „Bewusstsein“). Zudem sind Agilität und Geschwindigkeit in der Anpassung an dynamische Marktumfelder von zentraler Bedeutung (Faktor „Veränderung“).
  • Für mittelgroße Unternehmen (Betriebsgröße 11 Mio. € bis einschließlich 50 Mio. € Umsatz) spielt der Faktor „Stabilität“ im Vergleich zu den anderen fünf untersuchten Faktoren die größte Rolle.
  • Größere Unternehmen (Betriebsgröße größer 51 Mio. € Umsatz) zeichnen sich durch eine relative Häufung des Faktors „Bewusstsein“ über Resilienz aus, die sich möglicherweise auch in der zunehmenden Professionalisierung des Risikomanagements widerspiegelt. Zugleich gewinnt der Faktor „Wachstum“ an Bedeutung.

Für diese Größenklassen werden konkretisierend in der Studie jeweils spezifische Resilienzprofile entwickelt. Demnach weisen bei mittelgroßen Unternehmen – ähnlich wie im Resilienzprofil für kleine Unternehmen – vier Domänen Werte auf, die eher nah am Durchschnittsprofil liegen. Dies sind die Domänen „Bewusstsein“, „Veränderung“, „Verhalten“ und „Wachstum“, wobei die Veränderungsorientierung noch deutlich ausgeprägt ist. Gleichzeitig werden entsprechende Begriffe viel seltener genannt als in der Gruppe der kleinen Unternehmen. Dies sei mindestens in Teilen auf einen Verlust von Flexibilität zurückzuführen, der durch eine größenbedingt stärkere Verwaltungslastigkeit und eine Ausdifferenzierung von Funktionen begründet werden kann. Letztere erhöhe zwar den Professionalisierungsgrad von Funktionen und Rollen, lasse aber zugleich den Koordinierungsbedarf ansteigen und schwäche damit eher die Geschwindigkeit von Prozessen und die Agilität insgesamt.

Die gegenüber den kleinen Unternehmen erhebliche Häufung von Nennungen in der Domäne „Verhalten“ zeigt gemäß den Studienergebnissen eine mit der Größe zunehmende Ausdifferenzierung der Führungsebenen und -rollen. Eine zweite Führungsebene, die eine sich von der Unternehmensführung hierarchisch entfernende operative Ebene koordinieren muss, könne nicht mehr gänzlich auf Regeln, Normen und Werte verzichten, um das Geschäft im Alltag zu steuern. Gleichzeitig erzeuge diese Regelbasiertheit Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Zusätzlich zur Professionalisierung in der Führung trage dazu auch ein stärkeres Bewusstsein für (strategische) Planungsprozesse bei, das mit zunehmender Größe auf eine aktive Selektion von Märkten, einen stärkeren Fokus auf Renditeziele und auf die Inanspruchnahme externer Beratung einwirke.

 

 

Praxishinweise:

  • Angelehnt an die Maxime des RKW Kompetenzzentrums „Menschen, Unternehmen, Zukunft“ verdeutlichen zusätzliche Fachbeiträge in der Studie, worauf es im Krisenfall ankommt. Beispiele aus der Praxis illustrieren die Kreativität des deutschen Mittelstands in der Reaktion auf die aktuelle(n) Krise(n). Die gesamte Studie steht online als PDF unter https://www.rkw-kompetenzzentrum.de/publikationen/studie/deutschlands-mittelstand-2/ zur Verfügung.
  • Dass die (finanzielle) Resilienz unmittelbar die Berufsinteressen der Bilanzbuchhalter/innen und Controller/innen tangiert, wurde bereits im Beitrag „Mit finanzieller Resilienz die Zukunftsfähigkeit absichern“ herausgearbeitet: Denn für die finanzielle Resilienz ausschlaggebende Kernelemente sind insbesondere zum einen Liquidität als unmittelbarstes Problemfeld und zum anderen das Eigenkapital, das mittelfristig zum Problem werden dürfte. Hinzu kommen die Finanz-, Rechnungswesen- und Controllingprozesse sowie das finanzielle Know-how im Unternehmen, die Auswirkungen auf die Krisentrag- und Zukunftsfähigkeit haben.
  • Auch für die Wirtschaftsprüfer ist die Resilienz ein entscheidender Erfolgsfaktor. So hatte das IDW im Zusammenhang mit Corona-Maßnahmen angemahnt, über kurzfristig wirkende Hilfen hinausgehend eine mittel- und langfristige Perspektive ergänzend aufzubauen. Gefordert wurden bzw. werden Maßnahmen, die geeignet sind, die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) der Unternehmen insgesamt gegen künftige Krisen zu stärken. Dazu zählen neben der gesetzlichen Verankerung einer Pflicht zur Zukunftsplanung von Unternehmen und geschäftsmodellbezogenen Angabepflichten im Lagebericht auch ganz konkrete Verbesserungen steuer- und bilanzrechtlicher Art; angeregt wird eine aus Buchhaltungssicht besonders interessante „Corona-Rücklage“ zwecks Liquiditätssicherung – mehr dazu siehe hier.

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

 

BC 7/2022