ICV Controlling Excellence Award 2022: ESG-Dimensionen im Controlling


 

 

Der ICV Controlling Excellence Award 2022 ist am 9.5.2022 auf dem 46. Congress der Controller in München an die Deutsche Post DHL Group verliehen worden. Das Unternehmen hat sich damit im Endspurt auf den letzten drei Plätzen gegen Projekte der SAP SE und der Phoenix Contact GmbH & Co. KG durchgesetzt. Für die renommierte Fachjury war ausschlaggebend, dass sich das ausgezeichnete Projekt in sehr überzeugender Weise mit der Integration von ESG-Dimensionen in das Controlling und die Unternehmenssteuerung befasst habe.

 

 

Praxis-Info!

 

Hintergrund

Im Rahmen der Verleihung des ICV Controlling Excellence Award 2022 erläuterte Prof. Dr. Utz Schäffer nach einer Kurzvorstellung der sechsköpfigen Jury, dass man in diesem Jahr unter mehr Bewerbungen als in den Vorjahren habe auswählen können. Für die Endauswahl nominierte Lösungen waren die Entwicklung eines umfassenden, in die Finanzorganisation eingebetteten Controlling zur Steuerung von ESG-Maßnahmen (Gewinner Deutsche Post DHL Group), die Entwicklung einer datenbankbasierten Software für Herstellkostensimulationen und Wirtschaftlichkeitsabschätzungen für über 750 Anwender weltweit (Phoenix CONTACT) sowie das SAP-Projekt „Agile Transformation des Controlling zwecks Erfüllung gestiegener Anforderungen an die Qualität, Flexibilität und Effizienz des Controlling unter Entwicklung eines differenzierten, kundenorientierten Delivery Models“.

Für BC-Leser ist das Gewinnerprojekt besonders interessant, weil es ergänzend zur derzeit laufenden Beitragsserie von Prof. Dr. Stefan Müller u.a. das Problem der Neuorientierung der Berichterstattung in Richtung Nachhaltigkeit bzw. Sustainability adressiert und die Zuständigkeit dafür im Finanzbereich verortet.

 

 

Lösung

„Integration der Nachhaltigkeitsziele im Controlling von Deutsche Post DHL Group“ lautet der Titel des Gewinnerprojekts. Die Initialzündung dafür gab im März 2021 die Kommunikation der neuen ESG-Roadmap im Konzern (ESG – Environmental/Umwelt, Social/Soziales, Governance/verantwortungsvolle Unternehmensführung und -überwachung.). Der Finanzbereich der Deutschen Post DHL Group übernahm daraufhin die Verantwortungsowohl für das interne als auch für das externe ESG-Reporting. Mitarbeitende aus dem bisherigen Team Carbon Accounting des Finanzbereichs, aus der Nachhaltigkeitskommunikation und der Konzernstrategie wurden in einer neuen Abteilung gebündelt, die seither für Berichtsprozesse und Controlling für alle drei ESG-Dimensionen im Einsatz sind.

Das Projektteam startete damit, die ESG-Ziele des Konzerns in operative und finanzielle Zielgrößen zu übersetzen sowie aussagekräftige und belastbare Kennzahlen für die Berichterstattung und Steuerung der ESG-Roadmap zu identifizieren. Parallel dazu wurde ein umfassendes internes Berichtswesen für ESG-Kennzahlen und ESG-Maßnahmen aufgebaut. Es findet sich nun regelmäßig in Business Reviews und Performance Meetings. Durch die Verankerung im internen Kontrollsystem ist die Qualität gesichert. Schließlich wurde der Prozess für Investitionsentscheidungen um anspruchsvolle ESG-Kriterien erweitert. „Damit verfügt die Deutsche Post DHL Group heute über etwas, das für die meisten Unternehmen noch Zukunftsmusik ist: ein weitgehend vollständiges und in die Finanzorganisation eingebettetes Controlling zur Steuerung von ESG-Maßnahmen“, resümierte anerkennend der Jury-Leiter Prof. Dr. Utz Schäffer, Direktor des Instituts für Management und Controlling (IMC) der WHU – Otto Beisheim School of Management, bei der Laudatio am 9.5.2022 in München.

Dr. Klaus Hufschlag stellte als Projektleiter das neu entwickelte ESG-Reportingsystem vor. Es wurden entsprechende ESG-KPIs ausgewählt. Am Ende geht es um das Erreichen des Dekarbonisierungsziels unter Aufdeckung der damit verbundenen Kosten: Was kostet z.B. ein klimaneutrales Gebäude mehr als die konventionelle Version. Berichtet wird nach außen, aber auch intern (nicht deckungsgleich). Hufschlag appellierte: Reporting allein ist aber nicht genug: Die Nachhaltigkeitsbetrachtungen müssen in die Investment-Bewertungen einfließen.“ Vieles ist im Unternehmen völlig neu; entsprechendes Wissen muss in die Organisation getragen werden. Auch auf Controller-Seite muss eine ganzheitliche Perspektive eingenommen werden: Im Finanzbereich sieht man sich als die „sustainability experts“, was – so betonte Hufschlag ausdrücklich – durch den CFO (Melanie Kreis) unterstützt wird. Auch aufseiten der Investoren sei das bereits wahrgenommen worden.

 

 

 

Praxishinweise:

  • Die ICV Controlling Excellence Awards werden seit 2003 vergeben. Zuletzt hatte in 2021 die Robert Bosch GmbH mit dem Projekt „Controller of the Future – People make the Difference“ gewonnen. In 2020 war die BASF SE für das Projekt „PACE – Predictive Analytics Estimate“ ausgezeichnet worden. Kriterien sind, wie innovativ die gefundene Lösung ist und was die Controller-Community lernen kann. Ferner prüft die Jury, ob die Lösung im Unternehmen entwickelt worden ist und erfolgreich eingesetzt wird.
  • Die ebenfalls nominierte Lösung der mittelständischen Phoenix GmbH & Co. KG zielt auf ein einheitliches Produktkostenermittlungsverfahren mit Simulationen und Szenario-Berechnungen. „Der real existierende Controlleralltag war hier der Ausgangspunkt“, fasst Utz Schäffer das Thema zunächst zusammen und konkretisiert: Die Produktkostenermittlung und die dazugehörige Berichterstattung waren aufgrund länder-, gruppen- und teilweise sogar einzelpersonenspezifischer Lösungen sehr aufwendig. Um dieses Problem zu beheben, machte sich das Phoenix-Team zunächst auf die Suche nach einer bereits im Markt vorhandenen Lösung. Diese wurde am Ende aber verworfen. Stattdessen entwickelte das Team selbst eine datenbankbasierte Simulationssoftware, mit der standardisierte Herstellkostensimulationen und Wirtschaftlichkeitsabschätzungen für Produkte und Produktionsverfahrensänderungen durchgeführt werden können.
  • Ziel des ebenfalls nominierten Projekts „Agiles Controlling: New Delivery Model for Controlling” war es, das Controlling bei SAP agiler und flexibler zu machen und gleichzeitig internen Kundenbedürfnissen effizient gerecht zu werden.

 

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 6/2022