Thesen zum Wandel der Berichterstattung


 

Auf dem 75. Deutschen Betriebswirtschafter-Tag (DBT) wurde kürzlich intensiv diskutiert, welche Entwicklungen im Bereich Finanzierung, Controlling und Berichterstattung zu erwarten sind und wie insbesondere das Reporting zukünftig zu gestalten sein wird. Der höchstprominent besetzte Arbeitskreis Externe Unternehmensrechnung (AKEU) der Schmalenbach-Gesellschaft stellte dazu 11 Thesen vor, die auch beschreiben, welche Herausforderungen auf Bilanzbuchhalter/innen und Controller/innen zukommen werden.

 

 

Praxis-Info!

 

 

Hintergrund

Zum Management des Wandels ist am 22./23.9.2021 der 75. DBT veranstaltet worden. Dieser Wandel als Generalthema des DBT hat auch das Reporting erfasst. Im AKEU wurden Thesen aus 2001 im Rückspiegel beleuchtet und neue Thesen zur Entwicklung der Rechnungslegung vorgestellt. Diese neuen Thesen aus 2021 zur erweiterten Rechenschaftslegung bei zunehmender Anzahl der Anspruchsgruppen enthält die folgende Tabelle. Ergänzend werden einige wichtige Argumente nachgezeichnet, die zur Erläuterung von Referenten des AKEU vorgetragen wurden.

 

 

Lösung

 

 

Tabelle: Thesen zur Zukunft der Berichterstattung

These 1

Der Mindestumfang der Unternehmensberichterstattung wird weiter zunehmen.

These 2

Sowohl die finanzielle Berichterstattung als auch die Nachhaltigkeitsberichterstattung erfolgen nach globalen Standards.

These 3

Die Unternehmensberichterstattung wird holistischer (ganzheitlicher) mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Nutzenstiftung.

These 4

Die Unternehmensrechnung und -berichterstattung wird digitaler und modularer werden.

These 5

Unternehmensindividuelle „Key Performance Indicators“ (wesentliche Leistungskennzahlen) werden in der Unternehmensberichterstattung weiter zunehmen.

These 6

Die hoheitliche Regulierung wird die Abschlussprüfung dramatisch verändern.

These 7

Die Nachhaltigkeitsberichterstattung wird künftig dem Enforcement (der Sanktionierung von Regelverstößen) und der Abschlussprüfung genauso wie die finanzielle Berichterstattung unterliegen.

These 8

Das Enforcement wird in der EU hoheitlicher, forensischer (kriminalistische Spurensuche) und digitalisierter.

These 9

Der Finanzvorstand wird künftig für die finanzielle und die Nachhaltigkeitsberichterstattung verantwortlich sein.

These 10

Die Mehrzahl der manuellen Tätigkeiten im Finanzbereich erfordert keine klassische Ausbildung und wird in Shared-Service-Centern erbracht (Bündelung von Finanzfunktionen in neu geschaffenen Einheiten).

These 11

Forschung und Lehre zur Unternehmensberichterstattung fokussieren stärker die drängenden Fragen von Wirtschaft und Gesellschaft.

 

 

 

In den Erläuterungen zur These 1 betonte WP/StB Georg Lanfermann (DRSC), dass mit einer Vielzahl von Interessengruppen einer Stakeholder-Gemeinde (z.B. Investoren, Lieferanten, Kunden, aber auch Mitarbeiter) von einer Ausweitung des Adressatenkreises der Berichterstattung auszugehen sein wird. Als weitere Aspekte betonte er – neben der Bedeutung der Digitalisierung – die Beeinflussung von Verhalten durch Publizität und die absehbare Ausweitung der normativen Berichterstattungspflichten sowohl hinsichtlich sog. Primaries (Hauptteile) inklusive Anhang als auch insbesondere hinsichtlich der Lageberichterstattung. Bezüglich der These 2 wies Lanfermann darauf hin, dass globale Standards in der Nachhaltigkeitsberichterstattung vom International Sustainability Standards Board (ISSB) zumindest im Sinne einer Global-Baseline (global geltenden Grundsätzen) erarbeitet werden.

Zur These 3 trug Christoph Schauerte (Vonovia) vor, dass eine breitere Stakeholder-Gemeinde zu einer umfassenderen Rechenschaftslegung führen werde. Der Lagebericht werde künftig noch stärker akzentuiert zu gestalten sein, wobei ESG-Reporting-Standards (ESG: Environmental, Social and Governance – auf Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) gleichwertig neben den IFRS stehen dürften. Insbesondere komme es darauf an, die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Finanzkennzahlen und den Nicht-Finanzkennzahlen darzustellen.

In Bezug auf die These 4 ging Christopher Sessar (SAP) insbesondere auf das Echtzeit-Reporting (Real time) ein: Hier wird eine Differenzierung zwischen externer Sicht und Management-Reporting erforderlich sein, mit Anwendungsgrenzen u.a. bei Ermessensentscheidungen und Erstellungsprozessen. Der AK erwartet eine entsprechende Transformation statischer Berichte zu einem integrierten, granularen (differenzierten), interaktiven („Komfortfunktionen“), KI-kompatibleren Reporting (KI für Künstliche Intelligenz). Von großer Bedeutung wird die Selbstzusammenstellung der relevanten Berichtsinhalte durch den jeweiligen Nutzer (Adressaten) sein.

In den Erläuterungen zur These 6 betonte CPA Jens Berger (Deloitte), dass das Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG) Anfang und nicht Ende der Regulierung sein werde. Es dürfte mit einem stärkeren Fokus auf die Qualität der Arbeit des Abschlussprüfers zu rechnen sein. Die Rahmenbedingungen für den Abschlussprüfer und seine Auswahl werden verschärft; sicher sei, dass von einem verstärkten Einsatz von Technologie zur Erreichung des Prüfungsziels auszugehen ist. Berger erwartet das Hinterfragen der Organisation von Prüfernetzwerken (Trennung von Prüfungs- und Beratungsleistungen). Es werde eine Erhöhung der Dokumentationspflichten geben. Die Nachwuchsgewinnung werde ein wichtiger Schwerpunkt sein.

Hinsichtlich der These 7 erläuterte Berger, dass Nachhaltigkeitsinformationen (un-)mittelbar mit finanziellen Aspekten und letztendlich dem Unternehmenswert verbunden und somit für Investoren relevant sind. Langfristig wird es eine integrierte Berichterstattung mit vergleichbaren Anforderungen an Governance und Prüfung geben.

Zur These 10 wurde von Anke Daßler (Evonik) vorgetragen, dass neben klassischen Anforderungen wie fachlichem Know-how in der Rechnungslegung zunehmend andere Kompetenzen für eine Tätigkeit im Finanzbereich erforderlich sind. Die Anforderungsprofile im Rechnungswesen werden sich stark verändern: Mehr und mehr Mitarbeiter haben eine Ausbildung in IT-Fragen, Change-Management oder Prozess-Design.

Bezüglich der These 11 erwartet Prof. Dr. Thorsten Sellhorn (LMU München) die betriebswirtschaftliche Forschung zukünftig als praxisrelevanter, interdisziplinärer und gestalterischer. Relevante Lösungsansätze zählen künftig (wieder) mehr als Publikationen in „Top Journals“.

 

 

 

Praxishinweise:

  • Parallel zu den oben beschriebenen AK-Sitzungen gab es am zweiten Veranstaltungstag des 75. DBT 2021 weitere Informationsangebote. So informierte der AK Shared Services über die Transformation von Geschäftsprozessen durch Shared Services; vorgestellt wurden ein allgemeiner Bezugsrahmen und Best Practices (Erfolgsmodelle).
  • Im AK Digital Finance wurde eine Übersicht über aktuelle Digitalisierungsprojekte aus verschiedenen Partnerunternehmen vermittelt. Im AK Steuern sah man Transparenz als einen Drahtseilakt im Hinblick auf die Digitalisierung in der Grundsteuer. Der AK Unternehmensführung befasste sich mit der gemeinsamen Nutzung von Daten in Business Ecosystems (eines Verbunds von Unternehmen).
  • Im AK Wertorientierte Führung in mittelständischen Unternehmen ging es um die Generation Y unter den Aspekten Mitarbeitergewinnung, -entwicklung und -bindung.
  • Die Mitglieder und Gäste des AK Integrated Reporting und Sustainable Management befassten sich mit der Relevanz der Sustainable Development Goals (SDGs – weiterführende Nachhaltigkeitsziele) im Kontext des Integrated Thinking (integrierten Denkens); dazu mehr demnächst.

 

 

Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

 

BC 12/2021