Berichterstattung im Wandel: Große Chancen durch Expertise im Rechnungswesen




Aktuell beherrschen Herausforderungen wie Klimawandel, Corona-Pandemie oder Elektromobilität das Wirtschaftsgeschehen. Hier fragt sich stets, wie Orientierung und Steuerung im fundamentalen Systemwechsel gelingen können und welchen Herausforderungen im Bereich Finanzierung, Controlling und Berichterstattung zu begegnen ist. Antworten gab es kürzlich auf dem 75. Deutschen Betriebswirtschafter-Tag (DBT); drei prominent besetzte Vorträge waren speziell den Erwartungen an den Wandel in der Berichterstattung gewidmet.

 

Praxis-Info!

 

Hintergrund

Zum Management des Wandels ist am 22./23.9.2021 der 75. DBT veranstaltet worden. Unter dem Leitmotto „Transformation ist die Maxime“ wurde auch ein Tagungsblock geboten, der sich mit den Schlussfolgerungen befasste, die sich daraus ergeben, dass sich „Corporate Governance und Unternehmensberichterstattung im Umbruch“ befinden. Letzteres ist für Bilanzbuchhalter/innen und Controller/innen naheliegenderweise besonders relevant, weshalb hier ein Schlaglicht auf dort vorgetragene Einschätzungen dreier prominenter Experten und Expertinnen geworfen werden soll.

 

 

Lösung

Mit den regulatorischen Änderungen für Aufsichtsräte befasste sich WP/StB Prof. Dr. Norbert Winkeljohann (nach seinem Ausscheiden als PwC-Chef Deutschland nun u.a. Aufsichtsratsvorsitzender der Bayer AG). Wirecard habe als Reformkatalysator gewirkt, abgeschlossen mit dem Inkrafttreten des FISG (Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität) am 1.7.2021. Beispielsweise sei ein Prüfungsausschuss (PA) nun obligatorisch. Es gebe nun ein Direktauskunftsrecht der PA-Mitglieder mit den Systemverantwortlichen (RMS, IKS, Revision). Ferner hob er die ausdrückliche Verpflichtung zur Überwachung der Qualität der Abschlussprüfung hervor.

Hinsichtlich des Enforcement (Bilanzkontrollverfahren) erwartet Winkeljohann, dass dem Aufsichtsrat (AR) als potenzielle Auskunftsperson der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eine aktivere Rolle im Rahmen anhängiger Enforcement-Verfahren zuwächst. Künftig seien steigende Fehlerquoten und häufigere (Anlass-)Prüfungen zu erwarten. Insgesamt gesehen appellierte der Referent wie folgt:

„Die Transformation der Finanzfunktion verlangt nach einer engeren Verknüpfung der klassischen Finanzressorts (Rechnungslegung, Controlling)mit den strategischen Unternehmensbereichen (Forschung & Entwicklung, Nachhaltigkeit), um eine umfassende Kapitalmarktberichterstattung über die finanziellen und nichtfinanziellen Werttreiber der Gesellschaft zu gewährleisten.”

Nachfolgend gab Helene von Roeder (CFO, Vorstandsmitglied der Vonovia SE) zu bedenken, dass der Wandel der Berichterstattung auf eine zunehmend geringere Managementakzeptanz in der Gesellschaft treffe. „Reportingsilos“ haben sich zum integrierten Informationspool gewandelt, aus dem sich die integrierte Berichterstattung speist. Wichtig sei die Glaubhaftigkeit der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Es besteht insoweit die Notwendigkeit zur Fokussierung auf relevante Stakeholder (z.B. Investoren, Lieferanten, Kunden, aber auch Mitarbeiter) und auf ausgewählte ESG-Themen (Environmental, Social und Governance – auf Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Veränderungen müssen nicht nur allgemein sichtbar sein, sondern – so ihre Mahnung – insbesondere auch im Hinblick auf entsprechende Vergütungsmodelle. Im Fazit hob sie hervor, dass sich die Reporting-Anforderungen immer weiter auffächern werden. Leistungsfähige IT-Systeme werden demnach der Schlüssel zur Erfüllung der Anforderungen sein.

Im weiteren Verlauf dieses Tagungsblocks ging WP/StB Andrea Bruckner (Vorstandsmitglied der BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) schwerpunktmäßig auf die nichtfinanzielle Berichterstattung ein; hier wird es nach der Einschätzung der Referentin ab 2023 wohl eine Prüfpflicht geben. Aus Prüfersicht sei die Digitalisierung besonders wichtig: Transparenz in Echtzeit, Sicherstellung einheitlicher Qualität mittels Standardisierung, Automatisierung und Kooperationsplattformen. Herausforderungen sieht Bruckner

  • im Digitalisierungsgrad der Unternehmen,
  • in der Sicherstellung der Datenqualität,
  • in der Gewinnung qualifizierten Fachpersonals sowie
  • in der Abwehr von Cyber-Security-Risiken und Datenschutzrisiken.

Speziell für den Berufsstand seien ein tiefes Verständnis des Geschäftsmodells und die Sicherstellung der Expertise für Nachhaltigkeitsinformationen von zentraler Bedeutung. Es komme darauf an, die Prüfung von Fraud (Verstößen wie Betrug, Unterschlagung) zu stärken, die Güte der Corporate Governance (z.B. Risikomanagement und Interne Revision) zu überwachen und für eine Ausgestaltung der Prüfung der integrierten Berichtserstattung mit spezifischen Prüfungsstandards zu sorgen.

 

 

Praxishinweise:

  • Hinsichtlich Wirecard siehe zur BC-Vorberichterstattung u.a. den Beitrag des Verfassers unter dem Titel „Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität als Antwort auf den Wirecard-Bilanzbetrug“ in BC 2020, 503 ff., Heft 11.
  • Ausführliche Informationen zum DBT-Programm insgesamt sind unter www.betriebswirtschafter-tag.de verfügbar.
  • Nicht nur von der Referentin Bruckner, sondern auch von vielen anderen namhaften Referenten wurde beim DBT die Erwartung geäußert, dass das Problem der Gewinnung qualifizierten Fachpersonals an Brisanz gewinnen wird und sich zum entscheidenden Erfolgsfaktor im Berufsfeld der Erstellung und Prüfung der Unternehmensberichterstattung entwickeln könnte. Vor diesem Hintergrund eines derzeit vielerorts noch unterbelichteten Problembewusstseins kann Experten im Rechnungswesen nur geraten werden, ihr Licht nicht unter den berühmten Scheffel zu stellen – falsche Bescheidenheit ist also fehl am Platz, was aber auch entsprechende Eigeninitiative im Bereich der Fortbildung erfordert. Die nichtfinanzielle Berichterstattung bringt hier ein außerordentliches Chancenpotenzial mit sich.

 

Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 11/2021