Niedrige Insolvenzzahlen als Trugschluss?


 

Mit der fortgesetzten Abwehr der sog. Corona-Wellen in Form von Wirtschaftshilfen wird vielerorts als Erfolg gefeiert, dass die ohnehin niedrigen Insolvenzzahlen weiter gedrückt werden konnten. Wer sich als Liquiditätsplaner freut, sollte jedoch das den Bilanzbuchhaltern aus HGB-Bilanzen bekannte Vorsichtsprinzip nicht unterbewerten. Denn die Lage insgesamt ist in mancher Hinsicht mit sehr großen Unsicherheiten behaftet.

 

 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Im Zentrum der Wirtschaftshilfen steht seit 2021 die sog. Überbrückungshilfe III (siehe hier), die kürzlich mit einem „Plus“ versehen und bis Ende September 2021 verlängert wurde. In Klein- und mittelständischen deutschen Unternehmen (KMU) wird deshalb vielerorts aufgeatmet: Trotz der Kontaktbeschränkungen, die zur Eindämmung der dritten Corona-Welle nötig waren, hat sich der Mittelstand nach KfW-Angaben vom 11.6.2021 in den vergangenen Monaten von der Corona-Krise etwas erholt. Eine repräsentative Befragung von KfW Research hat auf der Basis des KfW-Mittelstandspanels aber auch ergeben, dass ca. 2,4 Mio. mittelständische Unternehmen (64%) Mitte Mai 2021 noch mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen hatten.

Damit war die Betroffenheit der KMU zwar noch immer hoch – im Vergleich zum Jahresbeginn dennoch rückläufig. Der Rückgang der Betroffenheit erstreckt sich über nahezu alle erfragten Aspekte, wie z.B. Umsatzrückgänge oder Störungen im Geschäftsbetrieb aufgrund des Ausfalls von Mitarbeitern. Deutlich verbessert hat sich insbesondere die Liquiditätslage der Unternehmen. Inzwischen sagt nahezu die Hälfte der Unternehmen (46%), sie seien ungeachtet der Krise ausreichend mit Liquidität versorgt. Eine existenzielle Bedrohung ist die Corona-Krise noch für jedes fünfte mittelständische Unternehmen; im Januar 2021 traf dies noch auf jedes vierte Unternehmen zu. 20% sind zwar weniger als 25%, aber die immer noch hohe Quote mahnt zur Vorsicht, zumal sie schon bald wieder steigen könnte.

 

 

Lösung

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Tatsache, dass die niedrigen Insolvenzzahlen durch Sondereffekte verzerrt sind. Vor allem führten maßgeblich die staatlichen Eingriffe und Hilfsmaßnahmen zu einem weiteren Rückgang der Fälle bei den Unternehmensinsolvenzen. In einer am 1.7.2021 bekannt gegebenen Auswertung des Insolvenz-Monitors von Creditsafe Deutschland (siehe unter https://www.creditsafe.com/de/de.html) wird dies besonders prägnant beschrieben: „Es war wie eine Bewässerung von trockenen Finanzkassen – die staatlichen Hilfspakete der letzten Monate sollten etliche Unternehmen finanziell unterstützen und am Leben erhalten. Zusätzlich wurde auch die Insolvenzantragspflicht zeitweilig ausgesetzt.“

Da diese Sonderregelung erst vor Kurzem aufgehoben wurde, ist es nach Peer Hitschke (Senior Data Scientist & Credit Risk Expert bei Creditsafe Deutschland) noch zu früh, allgemeine Aussagen über Effektivität der Hilfsmaßnahmen zu äußern. Einige Herausforderungen für Unternehmen haben sich womöglich nur um wenige Monate verschoben. Ein Überblick der allgemeinen und branchenspezifischen Lage sei daher besonders im Risikomanagement von Firmen wichtig, um Chancen, aber auch Gefahren frühestmöglich einschätzen zu können. Die aktuelle Problemlage charakterisiert Hitschke so: „Spannend wird in den kommenden Monaten und wohl Jahren, inwiefern sich die Einflussnahme gelohnt hat, denn Insolvenzen sind bis zu einem gewissen Grad für einen gesunden Markt erforderlich. Sie stärken gesunde Unternehmen, geben dem Markt Ressourcen frei und unterstützen so die Transformation der Wirtschaft, wobei ineffiziente Unternehmen eigentlich vom Markt verschwinden. Aktuell erleben wir noch ein verzerrtes Bild.“

Aus diesem Grund sollte die „Gesundheit“ der Wirtschaft weiterhin beobachtet werden. Eines ist jedenfalls sicher: Die Corona-Krise hat zumindest in der Gesellschaft einiges an Neuerungen mit sich gebracht. Besonders digitale und agile Unternehmen haben den Schwung profitabel genutzt und ihr Angebot entsprechend angepasst. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Wandel und die wirtschaftliche Erholung auch in dem Erfolg stark betroffener Branchen widerspiegelt.

Warnzeichen kommen auch von anderer Seite. So haben Creditreform-Analysen ergeben, dass die Zahl der Privatinsolvenzen im Gegensatz zu den Unternehmensinsolvenzen in die Höhe schnellte. Die Gründe dafür, eine Einordnung des Zahlenmaterials und die wichtigsten Trends wurden in der aktuellen Untersuchung „Insolvenzen in Deutschland, 1. Halbjahr 2021“ aufbereitet. Demnach waren im 1. Halbjahr 2021 8.800 Unternehmensinsolvenzen zu verzeichnen – ein Rückgang um 1,7% gegenüber dem Vorjahreszeitraum (1. Halbjahr 2020: 8.950). In der ARD-Sendung Monitor vom 30.6.2021 wurden aber Insolvenzexperten mit der Warnung zitiert, dass die Insolvenzzahlen bei den Unternehmen nur 15% der Betriebsschließungen abbilden, weil Letztere von Einzelunternehmern ohne den Gang zum Insolvenzrichter vorgenommen werden. Hier dürfte sich deshalb im Forderungsmanagement der Lieferanten noch manche Herausforderung stellen.

In das Bild passt auch, dass nach der vorbenannten Creditreform-Studie im 1. Halbjahr 2021 vorrangig Insolvenzen von Kleinstunternehmen zu verzeichnen waren. In der Größenklasse bis maximal 250.000 € Jahresumsatz stiegen die Fallzahlen gegen den Trend zweistellig. Insgesamt entfiel mehr als die Hälfte aller Firmeninsolvenzen des 1. Halbjahres (54,1%) auf diese Umsatzgrößenklasse, die sich hauptsächlich aus Einzelunternehmen und Freiberuflern zusammensetzt.

Die Creditreform-Experten befürchten auch, dass die Ertragslage zunehmend unter Druck geraten könnte. Denn eine Auswertung der Jahresabschlüsse von rund 26.000 deutschen Unternehmen durch die Creditreform Wirtschaftsforschung zeigt, dass jedes siebte Unternehmen hierzulande (14,5%) mit einem negativen Ergebnis vor Steuern in die Corona-Krise gegangen ist. Weitere 27,2% der untersuchten Unternehmen wiesen 2019 eine sehr niedrige Gewinnmarge auf (bis maximal 5%) – schlechte Voraussetzungen für einen heftigen Konjunktureinbruch, wie ihn Deutschland im letzten Jahr verkraften musste. Entsprechend hatten sich die Gewinnmargen im Jahr 2020 tendenziell weiter verschlechtert. Dünn war die Ertragssituation insbesondere im Sektor „Handel und Gastgewerbe“. Das Risiko einer Zahlungsunfähigkeit ist damit – so das Creditreform-Fazit – deutlich erhöht.

 

 

 

Praxishinweise:

  • Die ausführliche Creditreform-Analyse ist unter https://www.creditreform.de/aktuelles-wissen/pressemeldungen-fachbeitraege/news-details/show/insolvenzen-in-deutschland-1-halbjahr-2021 abrufbar. Erhöht hat sich das Insolvenzaufkommen insbesondere bei der Rechtsform der Unternehmergesellschaft (UG). Deren Anteil betrug im 1. Halbjahr 2021 10,8%. 38,6% der insolventen Unternehmen sind der Rechtsform der GmbH zuzurechnen.
  • Was in Teilen nach einer entspannten Gefahrenlage aussieht, ist auch aus anderer Perspektive mit Vorsicht zu werten. Denn jenseits der Corona-Beeinträchtigungen – und auch die könnten bekanntlich wieder zunehmen, Stichwort „Delta-Variante“ – bauen sich neue Problemfelder auf: So haben offenbar Störungen in den Lieferketten erheblich zugenommen. Als Teil globaler Wertschöpfungsketten können sich die KMU aber Nachfragerückgängen und Produktionsunterbrechungen im Ausland oft nicht entziehen (so im KfW-Fokus Volkwirtschaft Nr. 333 „Licht am Ende des Tunnels – Die Lage im Mittelstand entspannt sich“ unter https://www.kfw.de/KfW-Konzern/Service/Download-Center/Konzernthemen/Research/Fokus-Volkswirtschaft/?redirect=78471). Ob womöglich das neue Lieferkettengesetz neben allem ihm zugeschriebenen Nutzen zudem Schwierigkeiten mit sich bringen wird, wird derzeit sehr kontrovers diskutiert (mehr zum Lieferkettengesetz siehe hier; es fand zwischenzeitlich die Zustimmung des Bundesrats).
  • Erinnert sei hier auch an die vom IDW bereits im Februar 2021 beschriebenen Gefahren, dass durch Corona ausgelöste Sanierungsmaßnahmen nur zweckmäßig sind, wenn das Geschäftsmodell tragfähig ist und lediglich temporäre Liquiditätsengpässe überbrückt werden müssen. Eine Sanierung könne zwar auch sinnvoll sein, wenn ein Unternehmen mit einem coronabedingt überholten Geschäftsmodell konkrete und glaubwürdige Pläne vorlegt, sich neu zu erfinden und das Geschäftsmodell – gegebenenfalls auch gegen den Willen von sog. Akkordstörern – grundlegend zu ändern. Einige Geschäftsmodelle seien aber dauerhaft geschädigt – kurzfristige Unterstützungsmaßnahmen helfen nicht zur Überwindung eines nachhaltigen Ertragsproblems, und eine künstliche Lebensverlängerung wäre auch dem Steuerzahler nicht zuzumuten. Um eine ausgeprägte „Zombie-Wirtschaft“ zu vermeiden, müssen sich – dem IDW-Rat zufolge – die Kriterien, nach denen sich beispielsweise Kreditvergaben über die KfW richten, an die Bedingungen annähern, die auch private Investoren zugrunde legen. Voraussetzung dafür ist ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell (mehr dazu siehe unter https://www.idw.de/idw/medien/presseinformationen/idw-trendwatch-positionspapier--idw-fordert-zukunftsgerichtete-corona-hilfen-fuer-die-unternehmen/128632).
  • Dass es eben darauf ankommt, war auch das Ergebnis der letzten, im Frühjahr online durchgeführten BDU-Fachverbandstagung „Sanierungs- und Insolvenzberatung“. Mittelständische Unternehmen seien, abgesehen von der Gastronomie und dem Kleinsteinzelhandel, aufgrund der staatlichen Hilfen weitgehend liquide. Demzufolge treten bei den Finanzierern keine negativen Auffälligkeiten in den Kontobewegungen auf. Die Ratings für die Risikoeinschätzungen der Kreditengagements werden aktuell auf Basis der Jahresabschlüsse 2019 bestimmt. Das kann sich im Laufe des dritten Quartals 2021 durchaus ändern. Bei sehr vielen Unternehmen im klassischen Mittelstand sei aber – so die Quintessenz der Beratererfahrungen – das Geschäftsmodell nicht dem stattfindenden Wandel angepasst, digitale Geschäftsprozesse seien noch nicht ausreichend implementiert, dies bei zu wenig diversifizierten Kundenstrukturen. „Als Gesellschaft müssen wir Wettbewerb und Marktbereinigung wieder zulassen. Dazu muss es auch gehören, dass Unternehmen Insolvenz anmelden, um im geregelten gesetzlichen Rahmen eine Lösung zu entwickeln. Ansonsten geht das zu Lasten der Gläubiger sowie der solide wirtschaftenden Mitwettbewerber, die ohne staatliche Hilfe auskommen, ihre Preise auf dem Markt aber nicht durchsetzen können“, so Prof. Dr. Markus W. Exler, wissenschaftlicher Beirat im Fachverband.
  • Detaillierte Praxisempfehlungen zum Aufbau und zur Organisation eines Forderungsmanagements gibt Heide in BC 2014, 146 ff., Heft 4. Der Handlungsleitfaden ist heute aktueller denn je.

 

 

Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 8/2021