Berufsbild des Controllers in KMU


 

Insbesondere im Zusammenhang mit Digitalisierungsanforderungen gerät das aktuelle Berufsbild von Controllingexperten zunehmend unter Druck. Digitale Technologien in den Prozessen, Produkten und in der Kommunikation des Rechnungswesens verlangen nach Neuorientierung, beispielsweise im Bereich Prozessautomatisierung (RPA). Eine neue Studie unterstreicht den Anpassungsbedarf.

 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Die Zukunft des Controllerberufs steht nicht nur in Großunternehmen, sondern auch immer mehr in den mittleren und kleinen Unternehmen (KMU) auf dem Prüfstand. Auf diese KMU ausgerichtet war ein Themenschwerpunkt des von Prof. Dr. Volker Steinhübel am 21./22.10.2020 in Leipzig durchgeführten CFO-Summits. Zum heutigen Berufsbild berichtete er über eine von Carolin Matusch unter seiner Anleitung im Juni 2020 abgeschlossene Studie über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Controlling-Prozesse und -Systeme kleiner und mittlerer Unternehmen (SRH Fernhochschule – the Mobile University, Juni 2020).

Demnach ist das Berufsbild des Controllers in KMU kaum ausgeprägt. Hier könne die Digitalisierung helfen, Lücken zu schließen. Bislang aber sind die Anforderungen an den Controller in KMU eher generalistisch, und die Position wird meist in Personalunion ausgeführt. Die Arbeit zeichnet sich durch einen hohen Anteil an manuellen Tätigkeiten aus, und oft ist lediglich Excel im Einsatz. Dies sei ebenso teuer und zeitraubend wie fehleranfällig. Bemerkenswert ist die unzureichende oder komplett fehlende Berücksichtigung von Informationen aus anderen Bereichen.

Im Bereich Zielbildung/Planung steht zu befürchten, dass das Hoheitsgebiet des Controllings verlorengeht, da komplette Planungsprozesse automatisiert ablaufen können (Predictive Forecasting, Predictive Planning). Neue Strömungen betreffen das Zero Based Budgeting, das Target Costing und das Beyond Budgeting.

Im Sektor Kontrolle stehen die vollständige Automatisierung von Soll-Ist-/Soll-Wird-Abgleichen, die Überleitung vom internen zum externen Ergebnis und insbesondere auch die Sicherstellung der Datenkonsistenz (Widerspruchsfreiheit – Stichwort Big Data) im Fokus.

Der Bereich Information/Wissen weist als Trends das Selfservice-Reporting, die Automatisierung der Reporterstellung sowie die Anreicherung der Reports um externe Daten und mehrere Kennzahlen aus.

 

 

Lösung

Fest steht, dass sich die Anforderungen an das Berufsbild des Controllers durch die Digitalisierung massiv ändern werden. Als insoweit wichtige Ergebnisse der Studie lassen sich folgende Punkte festhalten:

  • Unumkehrbar dringen auch bei KMU die Automatisierung von Standardprozessen und die Konzentration auf werthaltige Tätigkeiten voran. Dies geht mit der Verringerung des manuellen Aufwands einher. Allerdings werden die Einsatzmöglichkeiten von KI (Künstlicher Intelligenz) und die Anwendung von RPA (Robotic Process Automation) im Controlling von den Teilnehmern der Studie noch stark unterschätzt. Programmierungskompetenzen werden kaum als Teil des Aufgabengebiets wahrgenommen.
  • Die Prozesse „Datenerhebung“ und „Datenkontrolle“ werden von den Teilnehmern stark abweichend zur Literatur bewertet. Beide werden aus dem Tätigkeitsbereich eines Controllers verschwinden. Ähnlich unterliegen sowohl Prozesskontrollen als auch Aufgaben der Informationsbereitstellung einem sehr starken Wandel; diese werden teilweise komplett von den digitalen Technologien übernommen.
  • Die Vermittlung der Ergebnisse aus dem Prozess Informationsbereitstellung wird dementgegen weiterhin ein sehr wichtiger Tätigkeitsbestandteil sein, durch den sich das Controlling klar positionieren kann.
  • Die Digitalisierung wird sich mehr auf das operative als auf das strategische Controlling auswirken. Im strategischen Controlling kommt der Digitalisierung eine eher unterstützende Funktion zu.
  • Der Planungsprozess wird durch den Einsatz digitaler Technologien schneller und effizienter ablaufen.

Insgesamt gesehen wurde als Studienfazit ermittelt, dass die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „Digitalisierung in KMU“ oft noch fehlt! Generell reagieren die Controller nach den von Steinhübel gesammelten Erfahrungen noch zu verhalten auf das Thema „Digitalisierung“. Aus dieser Einschätzung leiten die Studienautoren Appelle für den notwendigen Wandel ab. Da sich die Tätigkeiten im Controlling immer weiter weg von Standardaufgaben hin zu komplexen Tätigkeitsbereichen bewegen, müssen entsprechende Kompetenzen (wie analytisches Denken, Fachkenntnisse und Kommunikationsfähigkeit) ausgeschöpft bzw. neu aufgebaut werden. So sind Controller/-innen aufgerufen, einen klaren Mehrwert zum Einsatz von Chat-Bots (eine Art „Alexa“ für Controllingfragen) zu schaffen. Wesentliche Vorteile können durch die Implementierung von RPA erzielt werden. Der Einsatz von Cloudlösungen kann ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für KMU werden. Weitere Entwicklungen gehen hin zu Managed Services, Coworking und Crowdsourcing. Erwartet wird, dass es mit der weiteren Digitalisierung eine Dreiteilung des Berufsbilds geben wird.

  • Business Partner
  • Governance/Functional Lead
  • Pathfinder/Innovatoren (Data Scientists).

 

 

Praxishinweise:

  • Steinhübel empfahl, ein neues Bewusstsein für das Controlling als Service zu schaffen: Leistungen können eingekauft werden. Dies könnte vor allem für KMU ein enormer Vorteil sein, da Kompetenzen, die nicht im Unternehmen vorhanden sind, ohne hohe und langfristige Investitionen beschafft werden können. KMU könnten auch von einem leichteren Zugang via Cloudlösungen profitieren. Das Thema „Crowdsourcing“ könnte als Neupositionierung des Controllings genutzt werden.
  • Kurz vor dem CFO-Summit in Leipzig waren Ergebnisse der Umfrage „Digitalisierung im Rechnungswesen“ bekannt geworden, die von KPMG und der LMU München in 2020 zum vierten Mal durchgeführt wurde. Hiernach scheitert der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) häufig insbesondere an der Heterogenität (Verschiedenartigkeit) von Dokumenten, an veralteten Systemen und Datensilos. Eine andere Zahl aber stimmt positiv und lenkt den Blick auf die Überwindung der bisherigen Defizite: Nach Angaben von Dr. Markus Kreher, Head of Finance Advisory bei KPMG in Deutschland, wurde festgestellt, dass mittlerweile über ein Viertel der Unternehmen robotergesteuerte Prozessautomatisierung (RPA) einsetzen (zu verstehen als Vorstufe der KI). Die Nutzung von RPA-Lösungen eignet sich im Rechnungswesen aufgrund der oftmals standardisierten und wiederkehrenden Prozesse besonders gut. Die Studienteilnehmer nennen als Vorteile vor allem Zeit- und Kosteneinsparungen sowie die Steigerung der Qualität (vgl. dazu mehr hier).
  • Der an Bilanzbuchhalter und Controller bereits gerichtete Appell (siehe hier), die identifizierten Lücken zu füllen, kann nach den weiteren Ausführungen von Steinhübel in Leipzig am 21.10.2020 um eine zusätzliche Option ergänzt werden. Demnach ist das Performance-Management digitaler Geschäftsmodelle ein zunehmend wichtigeres Kompetenzfeld. Dies führt mit Steinhübel letztlich auch zu der Frage: Werden Unternehmen einen „Chief Digital Performance Officer“ statt eines Controllers für das Digitalgeschäft benötigen?

 

Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 11/2020