Digitalisierung im Controlling und Reporting


 

Auswirkungen der Digitalisierung auf das Controlling und Reporting beschreibt der Preisträger des Ehrenpreises der BVBC-Stiftung 2019, Prof. Dr. Carl-Christian Freidank, am 10.5.2019 in Fulda in einem Expertenvortrag. [*] Zentrale Thesen zur Anwendung der Künstlichen Intelligenz liegen der Redaktion bereits vorab vor.

 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Das Thema „Digitalisierung“ wird in jüngerer Zeit von Praxis und Wissenschaft als Megatrend eingeordnet, der auf eine besonders tiefgreifende und nachhaltige gesellschaftliche (disruptive) Veränderung angesichts des gegenwärtigen und künftigen Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechniken ausgerichtet ist. Ohne konzeptionelle und methodische Vorüberlegungen besteht aber die Gefahr der Ziel- und letztendlich Erkenntnislosigkeit mit Blick auf die Absicht einer erfolgreichen Umsetzung relevanter Transformationsstrategien.

 

 

Lösung

Am Beispiel des sog. Hamburger Reportingmodells (vgl. dazu den Beitrag von Freidank in ZCG 2019, 80 ff., Heft 2) lassen sich zentrale Inhalte und Schnittstellen aufzeigen, bei denen sich der Einsatz digitaler Informations- und Kommunikationstechniken aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die Unternehmensführung und -überwachung grundsätzlich anbietet. Ferner hat diese Vorgehensweise den Vorteil, dass konkrete Umsetzungsstrategien systematisch erarbeitet, neue Entwicklungen im Unternehmensreporting in die Betrachtungen eingebunden und Anforderungsprofile an ausgewählte Digitalisierungskonzepte formuliert werden können.

Dabei liegt der Fokus auf der Schnittstelle von Verwaltungsorganen und Financial Accounting bis hin zu Ansatzpunkten für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz.

Insbesondere lassen die Ausführungen von Freidank erkennen, welche grundlegenden Strukturen die Aufbau- und Ablauforganisation integrierter IT-gestützter Lösungen aufweisen sollten,

  • die aus einem gemeinsamen Datenpool (Data Warehouse) die für rechnungslegungspolitische Entscheidungen relevanten Daten entnehmen,
  • mit anderen unternehmerischen Subsystemen (z.B. Finanz-, Rechnungs- und Steuerwesen sowie Nachhaltigkeitsreporting) im Kontext eines Enterprise-Resource-Planning (ERP)-Systems verknüpft sind und
  • unter Berücksichtigung der festgelegten Unternehmensziele, Strategien und Pläne in der Lage sind, Vorschläge für rechnungslegungspolitische Gestaltungskonzepte zu liefern.

Im Ergebnis ist laut Freidank festzuhalten, dass in rechnungslegungspolitischen Expertensystemen die Methodenbank mit den numerischen Rechenverfahren und den Analyse-/Prognosemethoden sowie die Datenbank mit den benötigten ex- und internen Informationen aus Finanzbuchhaltung, empirischem Material und handels-, steuerrechtlichen und internationalen Rahmenbedingungen in einem einheitlichen Programm unter gemeinsamer Benutzeroberfläche zusammenwirken. Gelingt es zudem, das Expertensystem mit externen Datenbanken im Sinne eines Data-Warehouse-Konzepts und wissensbasierten rechnungslegungsanalytischen Systemen zu koppeln, kann die Qualität der Entscheidungsunterstützung weiter erhöht werden.

Im Weiteren nennt Freidanksieben Leistungsmerkmale, die ein solchermaßen aufgebautes Expertensystem kennzeichnen (entnommen aus ZCG 2019, Heft 3, Veröffentlichung in Vorbereitung):

  1. Konkret muss das Expertensystem am Ende des Problemlösungsprozesses die im Dialog mit dem Benutzer nach Maßgabe der Unternehmensziele gestalteten Objekte der Rechnungslegung (Bilanz, GuV, Anhang und Lagebericht) sowie die pro Posten zum Einsatz kommenden materiellen Instrumente mit einer Begründung und Darstellung des Lösungswegs anbieten können.
  2. Zur Abschätzung der Aktionsparameter auf Folgejahre sind ferner alle in der Referenzperiode zur Verfügung stehenden materiellen Instrumente unter Berücksichtigung ihrer Flexibilität anzuführen.
  3. Zudem sollte das System in der Lage sein, mithilfe z.B. der auf Rechnungslegungssoftware basierenden Bilanz-, Erfolgs- und Finanzplanungsmethoden Hinweise bezüglich der Konsequenzen des periodenübergreifenden Instrumentaleinsatzes zu liefern. Hierdurch werden dem Benutzer Entscheidungsgrundlagen zur Durchsetzung mehrperiodischer rechnungslegungspolitischer Strategien sowie zur Zielplankorrektur geliefert.
  4. Darüber hinaus hat das System diejenigen formellen Instrumente, die sich auf die zielgerichtete Beeinflussung der äußeren Form von Jahresabschluss und Lagebericht, ihre Bekanntgabe und die Berichterstattung über den Abschluss, die Darstellung des Geschäftsverlaufs und der Lage des Unternehmens beziehen, sowie Nachhaltigkeitsaspekte einzeln aufzulisten.
  5. Durch die Erklärungskomponente sollte es zudem möglich sein darzulegen, aus welchen Gründen bestimmte formale Instrumente zur Unterstützung oder Kompensation der Wirkungen welcher materieller Parameter zum Einsatz gekommen sind (z.B. Unterstützung einer jahresüberschusserhöhenden Bewertungspolitik durch verstärkte Hinweise im Lagebericht auf die Notwendigkeit künftiger Kapitalerhöhungen).
  6. Von besonderer Bedeutung ist ferner die Ausgestaltung des Expertensystems mit einem Konfliktlösungsmechanismus, der dem Benutzer einerseits diejenigen Handlungsziele anzeigt, die sich widersprechen bzw. unter Einsatz des Instrumentariums nicht zu realisieren sind. Zum anderen sollte dieser Mechanismus in der Lage sein, Strategien zur Konfliktlösung und ihre Auswirkungen auf den rechnungslegungspolitischen Zielplan darstellen zu können.
  7. Zudem liefern die in Rede stehenden Informationen des Expertensystems dem Abschlussprüfer wichtige Hinweise zur Beurteilung der Zulässigkeit der Rechnungslegungspolitik und zu ihrer Darstellung im Prüfungsbericht.

 

 

 

 

Praxishinweise:

  • Im Ergebnis zeigen die Weiterentwicklungen der IT-gestützten traditionellen Lösungen zu einem Big-Data-Konzept, dass die Unsicherheiten in der Steuerung von Unternehmen abzubauen sind und verbesserte Entscheidungsgrundlagen bereitgestellt werden können.
  • Am Ende des gesamten Transformationsprozesses soll laut Freidank die Entwicklung und vernetzte Implementierung eines ganzheitlichen digitalen Geschäftsmodells einschließlich digitaler Produkte mit einer integrierten Digitalisierung von Controlling und Reporting stehen, weil nur hierdurch – so das Basis-Argument des Preisträgers – das latent vorhandene Innovationspotenzial des Kundennutzens Eingang in die Unternehmenssteuerung finden kann.
  • Das liefert die Grundlage, damit Investitionen in Digitalisierungsprojekte und -initiativen zu greifbaren Ergebnissen führen, die schließlich eine nachhaltige Unternehmenswertsteigerung nach sich ziehen.
  • Allerdings scheint der Weg zur Entwicklung ganzheitlicher Digitalisierungslösungen – da ist Freidank sicher zuzustimmen – vor dem Hintergrund der gegenwärtigen vorliegenden Forschungsergebnisse und praxisbezogenen Umsetzungen noch sehr weit zu sein.
  • Zum Bericht über die Auswahl des Preisträgers Freidank für den Ehrenpreis 2019 der BVBC-Stiftung siehe unter https://rsw.beck.de/cms/main?docid=411371.

 

[*] Prof. Dr. Dr. habil. Carl-Christian Freidank ist em. Universitätsprofessor am Institut für Wirtschaftsprüfung und Steuerwesen der Universität Hamburg. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, den der Verfasser am 10.5.2019 im Rahmen der Kongressmesse ReWeCo in Fulda gehalten hat (halten wird).

 

Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Jürgen Hillmer, Coesfeld

 

BC 6/2019