Neuorientierung des Finanzierungsverhaltens im Mittelstand


 

Der Mittelstand wird häufig als das „Rückgrat” der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Als erfolgsrelevante Stärken gelten insbesondere die Krisenresistenz (Widerstandskraft) und eine ausgeprägte Flexibilität bezüglich Nachfrageänderungen. Allerdings setzen viele Klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) fast ausschließlich auf die klassischen Finanzierungsinstrumente wie Innenfinanzierung, Bankkredite und Gesellschaftereinlagen/-kredite – und verschließen sich damit einer Finanzierung am Kapitalmarkt oder durch Investoren. Experten halten das Ziel, die Krisenresistenz und die Flexibilität als Erfolgsgaranten zu bewahren, auf Dauer nur für erreichbar, wenn sich im Zusammenhang mit internationalen Investitionen das Finanzierungsverhalten grundlegend ändert.

 

 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Die sehr hohe volkswirtschaftliche Bedeutung der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland ist unstrittig (vgl. z.B. Angaben des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn, siehe unter https://www.ifm-bonn.org/, oder im KfW-Mittelstandspanel 2021). Da Deutschland hinsichtlich des Bruttoinlandsprodukts als die größte europäische Volkswirtschaft gilt, ist der insoweit hauptsächlich auf KMU-Basis etablierte Erfolg natürlich auch Anlass für renommierte ausländische Investoren, Interesse an einer Kapitalanlage oder dem Erwerb von deutschen Unternehmen zu haben. Dieses Interesse gründet darauf, dass deutsche KMU sich vor allem durch eine besondere Krisenresistenz und eine ausgeprägte Flexibilität bezüglich Nachfrageänderungen auszeichnen. Um solche strategischen Erfolgspotenziale zu bewahren, ist es aber auch erforderlich, das Financial Management hinreichend auf die genannten Stärken auszurichten. Was das aus Sicht von erfahrenen und mittelstandsaffinen Finanzierungsexperten für die KMU-Finanzierungspraxis und damit u.a. auch für die beteiligten Bilanzbuchhalter/innen und Controller/innen bedeutet, soll nachfolgend kurz skizziert werden (vgl. Rödl-NL Unternehmerbriefing vom 3.2.2022).

 

 

Lösung

Im Mittelstand haben Finanzierungsinstrumente wie Börsengang und kapitalmarktorientierte Fremdfinanzierung aktuell nur sehr geringe Bedeutung für deutsche KMU, da das Finanzierungsverhalten deutscher KMU klar von klassischen Finanzierungsinstrumenten wie Innenfinanzierung, Bankkrediten und Gesellschaftereinlagen bzw. -krediten dominiert wird. Einer der Hauptgründe dafür ist nach der Einschätzung von Rödl-Beratern die Fehlannahme der meisten betroffenen Unternehmen, größenbedingt nicht kapitalmarktreif zu sein. Sie verweisen auf eigene positive Erfahrungswerte, aus denen sich sehr wohl schlussfolgern lasse, dass die Finanzierung über den Kapitalmarkt auch den KMU offensteht und für sie sinnvoll ist. Insofern wird es durchaus für möglich gehalten, durch Nutzung der bisher noch eher unentdeckten Finanzierungsalternativen die Leistungsfähigkeiten von deutschen KMU noch weiter zu verbessern.

Man geht bei Rödl noch weiter und hält eine adäquate Ausrichtung des Financial Managements auf diese Begebenheiten für essenziell. Eine große Bedeutung habe dabei die passende Unternehmensplanung: Um die erwähnte Flexibilität hinsichtlich Kunde und Markt sowie die oben genannte Krisenresistenz zu bewahren und zu verbessern, gewinnen die quantitativen Bereiche Kosten-, Investitions- und Liquiditätsplanung eine ganz besondere Bedeutung. Demnach muss das Kostenmanagement von KMU zunächst dafür sorgen, dass auf Basis einer möglichst transparent gemachten Kostenstruktur Fixkosten erkannt und weitestgehend gesenkt werden können. Durch die Flexibilisierung der Gesamtkosten kann einem etwaigen Umsatzrückgang durch eine sofortige Kostensenkung entgegengesteuert werden, wodurch die erwähnte Krisenresistenz gefördert wird.

Ferner setzen sich die Berater zwecks Bewahrung der erläuterten Flexibilität, durch die sich deutsche KMU auszeichnen, für eine kontinuierliche Investitionsplanung ein. Um auf ernstzunehmende Nachfrageänderungen schnell reagieren zu können, muss das Unternehmen stets fähig sein, Neuanschaffungen zu finanzieren. Wenn das Unternehmen die Flexibilität als das ausschlaggebende strategische Erfolgspotenzial nicht in die Unternehmensplanung einbezieht, dann werde es auf lange Sicht seine größte Stärke verlieren und untergehen.

In Fortführung dieses Anforderungsstrangs muss die Liquiditätsplanung für ein adäquates Working Capital Management sorgen und somit die fortdauernde Zahlungsfähigkeit des Unternehmens gewährleisten. Außerdem ist eine vollständige Aufgeklärtheit über sämtliche Finanzierungsalternativen – samt Chancen und Risiken – nötig, um möglichst geringe Finanzierungszinsen zu ermöglichen.

 

 

 

Praxishinweise:

  • Das Financial Management muss dabei – so lautet der Schlussappell im Rödl Unternehmerbriefing 01/2022 vom 3.2.2022 – die fachliche Kompetenz und auch den Mut besitzen, die kapitalmarktorientierten Finanzierungsquellen zu nutzen, um eine möglichst günstige Kapitalbeschaffung zu ermöglichen.
  • Neben den genannten Stärken (Krisenresistenz und Flexibilität) sei der Rödl-Hinweis erwähnt, dass für deutsche KMU auch der ansprechende Umgang mit ihrem Personal und die damit verbundene höhere Produktivität der Mitarbeitenden kennzeichnend ist. Das Tätigkeitsfeld der Mitarbeitenden ist dabei geprägt davon, monotone Arbeit weitestgehend vermeiden zu können. Während Großkonzerne von der bürokratischen Standardisierung und Regulierung aufgrund der größenbedingten Organisationskomplexität geprägt sind, scheinen KMU wegen des geringeren Ausdifferenzierungsgrads bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes vorteilhafter zu sein. Die Vermeidung von monotoner Arbeit führt zu mehr Motivation und damit zur höheren Produktivität der personellen Ressourcen.
  • Ein wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit der Neuausrichtung mittelständischer Finanzierungskonzepte könnte insbesondere auch die Förderung nachhaltiger Finanzierung durch die EU sein. Die Auswirkungen auf den Mittelstand werden derzeit im Rahmen einer Regional-Studie (Auftraggeber: Sparkasse Siegen, die Volksbank Südwestfalen und die IHK Siegen) analysiert.
  • Beispielsweise verpflichtet die EU-Kommission Finanzdienstleister zur Nutzung der Nachhaltigkeitsinformationen von Unternehmen, um den Grad der Nachhaltigkeit ihres Anlageportfolios zu berechnen und zu veröffentlichen. In der Studie sollen die Auswirkungen der europäischen Gesetzgebung zur nachhaltigen Finanzierung auf die mittelständische Wirtschaft konkret dahingehend untersucht werden, inwieweit und, wenn ja, auf welche Weise mittelständische Unternehmen direkt oder indirekt von der Regulierung betroffen sind. Dazu gehört auch zu klären, inwieweit die Verpflichtung von Finanzinstitutionen, Nachhaltigkeitsinformationen bereitzustellen, die Finanzbeziehungen zwischen dem Mittelstand und den Kreditgebern beeinflusst (Projektlaufzeit: Ende August 2022, zum Ansprechpartner siehe unter https://www.ifm-bonn.org/ueber-uns/team/profil/jonas-loeher).

 

 

Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 3/2022