Umsatzsteuer- und Vorsteuerberichtigung: Zeitpunkt


OFD Niedersachsen, Verfügung vom 20.7.2012, S 7330-25-St 181

 

Hat sich die Bemessungsgrundlage für einen steuerpflichtigen Umsatz geändert, so hat der Unternehmer, der diesen Umsatz ausgeführt hat, den dafür geschuldeten Steuerbetrag zu berichtigen, während der unternehmerische Leistungsempfänger den entsprechenden Vorsteuerabzug ändern muss (§ 17 Abs. 1 Sätze 1 und 2 UStG). Wird ein anderer Unternehmer als der Leistungsempfänger als Folge der Entgeltminderung wirtschaftlich begünstigt, hat dieser die Vorsteuerberichtigung vorzunehmen (§ 17 Abs. 1 Sätze 3 und 4 UStG). § 17 Abs. 1 UStG beinhaltet einen eigenständigen materiell-rechtlichen Berichtigungstatbestand und gilt für Fälle, in denen sich die ursprüngliche, nach § 13 Abs. 1 UStG bzw. § 13b UStG entstandene Umsatzsteuer durch nachträglich eingetretene Umstände oder Ereignisse ändert.

Die Berichtigungen sind für den Besteuerungszeitraum vorzunehmen, in dem die Änderung der Bemessungsgrundlage eingetreten ist (§ 17 Abs. 1 Satz 7 UStG).

Vereinbaren der leistende Unternehmer und der Leistungsempfänger die vollständige oder teilweise Rückzahlung des bereits entrichteten Entgelts, mindert sich die Bemessungsgrundlage nach § 17 Abs. 1 Satz 1 UStG nicht bereits durch bloße Vereinbarung, sondern nur soweit das Entgelt tatsächlich zurückgezahlt wird, und zwar in dem Besteuerungszeitraum, in dem die Rückgewähr erfolgt. Denn die Umsatzbesteuerung beschränkt sich (letztlich) auf den Umfang der tatsächlich vereinnahmten Gegenleistung (s. BFH-Urteil vom 18.9.2008, V R 56/06, BStBl. 2009 II, S. 250, Abschn. 17.1 Abs. 2 Satz 3 UStAE). Für die Berichtigung des Umsatzsteuer- und Vorsteuerbetrages bei Mängelrügen und der nachträglichen Gewährung von Boni, Skonti und Rabatten ist der Zeitpunkt der Auszahlung bzw. der Inanspruchnahme der Gutschrift durch den Kunden maßgeblich (s. Abschn. 17.1 Abs. 2 Satz 5 UStAE), bei Über- oder Doppelzahlungen der Zeitpunkt der tatsächlichen Rückzahlung (s. Abschn. 10.1 Abs. 3 Satz 6 UStAE).

 

 

Umsatzsteuer- und Vorsteuerberichtigung nach § 17 Abs. 2 UStG – sinngemäße Anwendung des § 17 Abs. 1 UStG; Zeitpunkt der Berichtigung

Die Pflicht zur Berichtigung der Steuer besteht auch dann, wenn das Entgelt für eine steuerpflichtige Leistung uneinbringlich geworden ist (s. § 17 Abs. 2 Nr. 1 UStG). Uneinbringlichkeit liegt nach dieser Vorschrift nicht nur bei Zahlungsunfähigkeit vor, sondern z.B. auch, wenn der Anspruch auf Entrichtung des Entgelts nicht erfüllt wird und bei objektiver Betrachtung damit zu rechnen ist, dass der Leistende die Entgeltforderung ganz oder teilweise jedenfalls auf absehbare Zeit rechtlich oder tatsächlich nicht durchsetzen kann. Auch soweit der Leistungsempfänger das Bestehen oder die Höhe des vereinbarten Entgelts substantiiert bestreitet, kommt eine Berichtigung der Umsatzsteuer wegen Uneinbringlichkeit in Betracht. Weitere Ausführungen und Beispiele siehe auch Abschn. 17.1 Abs. 5 UStAE.

Zur Uneinbringlichkeit im Insolvenzverfahren siehe Abschn. 17.1 Abs. 11 bis 15 UStAE.

Nach § 17 Abs. 2 Nrn. 2 und 3 UStG gilt § 17 Abs. 1 UStG sinngemäß, wenn für eine vereinbarte Leistung ein Entgelt entrichtet, die Leistung jedoch nicht ausgeführt oder eine Leistung rückgängig gemacht worden ist. Ist das vereinbarte Entgelt ganz oder zum Teil vereinnahmt, kommt eine Berichtigung auch in diesen Fällen erst bei Rückzahlung des Entgelts in Betracht (s. BFH-Urteil vom 2.9.2010, V R 34/09, BStBl. 2011 II, S. 991, Abschn. 17.1 Abs. 7 und 8 UStAE). § 17 Abs. 2 Nr. 3 UStG ist nicht bei einer erbrachten Dienstleistung anwendbar, weil diese mit ihrer Erbringung verbraucht ist und deshalb nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, z.B. Geschäftsführerleistungen oder Maklerlohn, s. BFH-Urteil vom 18.9.2008, V R 56/06, BStBl. 2009 II, S. 250. Zur Änderung der Bemessungsgrundlage bei der Ausgabe von Gutscheinen und Maßnahmen zur Verkaufsförderung siehe Abschn. 17.2 UStAE.

 

 

Übergangsregelung für Verbrauchsabrechnungen der Versorgungsunternehmen

Die Grundsätze des BFH-Urteils vom 18.9.2008 (V R 56/06, BStBl. 2009 II, S. 250) sind auch auf die Abrechnungen der Versorgungsunternehmer anzuwenden. Ergeben sich bei der Lieferung von elektrischem Strom, Gas, Wärme oder Wasser Erstattungen, so sind die damit verbundenen Umsatzsteuer- und Vorsteuerberichtigungen nach § 17 UStG beim Versorgungsunternehmer und dem Kunden nicht bereits bei Ablauf der Abrechnungsperiode, sondern erst in dem Besteuerungszeitraum vorzunehmen, in dem die Rückzahlung erfolgt. Wird eine Rückzahlung mit der ersten Abschlagszahlung für die Folgezeit verrechnet, gilt als Zeitpunkt der Minderung der Bemessungsgrundlage das Fälligkeitsdatum der Abschlagszahlung bzw. von deren tatsächlicher früherer Zahlung durch den Kunden. Wegen des erforderlichen Umstellungsprozesses wurde den betroffenen Unternehmen eine Nichtbeanstandungsregelung bis zum 30.9.2010 gewährt. Eine Änderung der Bemessungsgrundlage im Sinne des § 17 UStG liegt dagegen nicht vor, wenn das tatsächliche (durch Ablesung ermittelte Entgelt) höher ist als das bereits im Rahmen der Anzahlungen erhaltene Entgelt. In diesen Fällen entsteht die Steuer erstmalig in Höhe des Differenzbetrags. Das Versorgungsunternehmen hat insoweit einen Umsatz zu erklären, und der Kunde kann unter den Voraussetzungen des § 15 UStG einen Vorsteuerabzug geltend machen.

 

 

Praxis-Info!

Die strikte Besteuerung nach dem Zahlungseingang (Auszahlungs-/Rückzahlungszeitpunkt bzw. Zeitpunkt der Gutschrift auf dem Kundenkonto) bietet letztlich auch der Praxis die erforderliche Handlungssicherheit. Vermieden werden damit beispielsweise Schätzungs- bzw. Ermessensentscheidungen bei Über-/Doppelzahlungen, ab wann mit einer Rückforderung nicht mehr gerechnet werden muss.

Darüber hinaus gilt dies insbesondere für Entgeltminderungen, bei denen in der Rechnung der allgemeine Hinweis auf Skonto-, Bonus- bzw. Rabatt-Vereinbarungen (z.B. auf die AGB) gegeben wird, zumal eine Angabe des Datums der Konditionen-Vereinbarung nicht erforderlich ist, um eine eindeutige Identifizierung der jeweiligen Entgeltminderung zu ermöglichen.

 

 

Praxishinweise:

  • Erlischt die Forderung auf eine Gegenleistung aufgrund einer späteren Vertragsänderung teilweise, dann mindert sich das Entgelt nicht mehr bereits im Zeitpunkt der Vertragsänderung (so der frühere Abschn. 223 Abs. 2 Satz 3 UStR), sondern im (Rück-)Zahlungszeitpunkt (sinngemäß Abschn. 17.1 Abs. 2 Satz 3 UStAE).
  • Bei Inanspruchnahme von Skonto bzw. der Gewährung von Bonus oder Rabatten rechnen die Beteiligten die Rückvergütungen etc. häufig gesondert ab. In diesem Fall ist dieser Zeitpunkt maßgeblich. Da ein Belegaustausch nur in Fällen des § 17 Abs. 4 UStG, also bei unterschiedlich besteuerten Umsätzen, verpflichtend ist (siehe Abschn. 17.1 Abs. 3 Satz 4 UStR), ist die Berichtigung der Steuerbeträge ebenfalls erst zum Zeitpunkt der tatsächlichen Verfügung (z.B. bei Auszahlung bzw. Gutschrift auf dem Kundenkonto) durchzuführen (siehe Beispiel unten).
  • Anders verhält sich dies bei einer Fehlüberweisung ohne vorangegangene Leistung: Hier ist kein steuerbarer Vorgang gegeben, weil das Entgelt nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit einer Leistung steht.

  

 

 

Beispiel zur kalenderjahrbezogenen Bonusgewährung:

Unternehmer 2 (U2) hat im Besteuerungszeitraum 2011 bei Unternehmer 1 (U1) für 500.000 € zuzüglich 95.000 € USt eingekauft. Laut vertraglicher Vereinbarung steht U2 für das Kalenderjahr 2011 ein Bonus von insgesamt 2% zu. Mit Schreiben vom 20.1.2012 teilt U1 dem U2 mit, er werde einen Bonus von 10.000 € zuzüglich 1.900 € USt erhalten. U1 zahlt die 11.900 € tatsächlich am 15.3.2012 aus.

 

Lösung:

Die Änderung der Bemessungsgrundlage tritt nicht mit der Zusage, sondern erst dann ein, wenn der Bonus ausgezahlt wird. Folglich unterliegt derjenige Betrag der Besteuerung, welcher tatsächlich vereinnahmt wurde.

U1 hat deshalb für den Voranmeldungszeitraum März 2012 seine Vorsteuern um 1.900 € zu kürzen. U2 muss entsprechend seine Umsatzsteuerschuld um 1.900 € vermindern (§ 17 Abs. 1 Sätze 1, 2 und 7 UStG).

[Beispiel in Anlehnung an Bathe, BC 2011, S. 266 (Heft 6).]

 

[Anm. d. Red.] 
 

BC 11/2012