Massiver Restrukturierungsdruck in 2021


 

Die viel länger als erwartet laufende sog. 2. Corona-Welle sorgt dafür, dass trotz aller Hilfen die Liquiditätsprobleme vieler Unternehmen immer mehr zunehmen. Restrukturierungsexperten erwarten, dass 2021 zum Schicksalsjahr einzelner Branchen wird. Besonders hart wird es den stationären Handel, die Fluggesellschaften, die Touristik und die Automobilzulieferer treffen.

 

 

Praxis-Info!

 

Problemstellung

Obwohl sich die coronabeeinflusste Gesamtsituation für die Unternehmen im dritten Quartal 2020 etwas entspannt hatte und obwohl es natürlich – wie immer – auch Gewinner (wie den Online-Handel) gibt, nimmt der Handlungsdruck auf die Unternehmen wieder zu. Das zeigen die jüngsten Zahlen des „Kearney Restructuring Score“, für den die Restrukturierungsexperten diesmal über 7.000 Unternehmen aus 93 Ländern analysiert haben. Nach Einschätzung von Nils Kuhlwein, Partner und Leiter Restrukturierung bei der global aufgestellten Beratungsgesellschaft Kearney, wird mit dem längeren Andauern der Corona-Krise die Situation einzelner Branchen immer prekärer:„Gerade für jene Unternehmen wird 2021 zum Schicksalsjahr werden, die bereits vor Ausbruch der Pandemie in schwierigem Fahrwasser waren und nun unter dieser doppelten Last leiden.“

Gut 60% aller analysierten Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz weisen demzufolge aktuell Krisensymptome auf; in den restlichen Untersuchungsländern befinden sich mehr als 50% in einem kritischen Bereich. Insbesondere im Forderungsmanagement engagierte Bilanzbuchhalter/innen und Controller/innen sollten also sehr wachsam sein. Branchenspezifische Analysen sind unerlässlich, insbesondere in Europa und in Deutschland. Der Kearney-Score zeigt aktuell einen signifikanten Anstieg der Krisenanfälligkeit von europäischen Unternehmen. Von den über 1.000 untersuchten Unternehmen mit je einem Umsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar weist fast die Hälfte eindeutige Krisenanzeichen auf. Auf der Krisenskala von 1 (keine Krisensymptome) bis 4 (starke Krisensymptome) erreichen sie Werte von mehr als 2,50.

 

 

Lösung

Deshalb lohnt ein Blick auf die besonders gefährdeten Branchen in Europa und in Deutschland: stationärer Handel, Fluggesellschaften, Reisewirtschaft (Geschäftsreisen) und Touristik sowie Automobilzulieferer.

Im Automobil-, Industriegüter- und Dienstleistungssektor insgesamt ist die Lage verhältnismäßig uneinheitlich. Die hohe Standardabweichung von 0,66 bei einem Median-Score von 2,46 drückt dies deutlich aus. Es gibt also in diesen Branchen sowohl unkritisch zu bewertende Unternehmen als auch eine Vielzahl von Unternehmen, die durch einen hohen Restrukturierungsbedarf auffallen.

Besonders relevant für Deutschland bleibt der Blick auf die Automobilindustrie. Gegenüber dem zweiten Quartal 2020 hat sich der „Branchen-Restructuring-Score“ zwar im zweiten Halbjahr 2020 erheblich verbessert. Nils Kuhlwein warnt jedoch, dass es zu früh sei, von einer nachhaltigen Trendwende zu sprechen; denn neben der deutlich schnelleren Erholung der asiatischen Märkte beleben aktuell auch zeitlich befristete, fiskalpolitische Maßnahmen wie Kaufprämien das Geschäft. Gleichzeitig kämpfen aber gerade die Autobauer und insbesondere ihre Zulieferer mit dem anhaltenden Transformationsdruck hin zu mehr Elektrofahrzeugen sowie der Digitalisierung.

Ein hartes Jahr steht nach Ansicht des Kearney-Restrukturierungsteams ohne Zweifel der Reise- und Tourismusbranche bevor. „Unsere aktuellen Analysen belegen erneut, dass wir im Reise- und Tourismusbereich vor fundamentalen Umwälzungen stehen, die sich 2021 massiv bemerkbar machen werden“, ist Nils Kuhlwein überzeugt. Viele Unternehmen kämpfen schlicht damit, dass ihr Geschäftsmodell veraltet ist und auch nicht mehr in der bisherigen Form zurückkommen wird, selbst wenn die Pandemie überwunden sein wird.

Für den Konsumgüter- und Handelssektor ist die Lage volatil (schwankungsanfällig); dort zeigt sich eine wachsende Dynamik. Zu beobachten ist, dass sich innerhalb der Branche massive Umwälzungen zugunsten einiger weniger, globaler Online-Händler abspielen. Nach Kuhlwein sind Amazon und Alibaba die Gewinner mit Umsatz- und EBITDA-Steigerungen von quartalsweise 20%, „die Zeche dafür zahlen der stationäre Handel und im Vergleich zu den beiden ‚Riesen‘ die kleineren Online-Händler“.

 

 

 

Praxishinweise:

  • Für den „Kearney Restructuring Score“ werden viermal im Jahr die wichtigsten Kennzahlen von mehr als 6.000 Unternehmen aus 70 Branchen erhoben: Umsatz, EBITDA, Nettoverschuldung, Marktkapitalisierung. Aus den über 42.000 Datensätzen bildet sich dann der „Restructuring Score“, der sowohl gesamtwirtschaftlich als auch für einzelne Branche berechnet wird. Je höher der Wert, desto höher der Restrukturierungsbedarf. Die Analyse solcher Kennzahlen ist für interessierte Bilanzbuchhalter und Controller sowie sonstige Experten aus dem Bereich der kaufmännischen Führung quasi ein Heimspiel, weil man sich auf dem vertrauten Feld der Bilanzanalyse befindet. Wer sich näher informieren möchte, findet ausführliche Erläuterungen und die Möglichkeit zum Download unter https://www.de.kearney.com/about-atkearney/article/?/a/die-krisensignale-nehmen-zu-a-t-kearney-restructuring-score.
  • Vor dem Hintergrund der in Krisenbranchen wachsenden Gefahr von Forderungsausfällen empfiehlt sich ein Blick in den aktuell am 2.2.2021 veröffentlichten „Creditreform Zahlungsindikator Deutschland – Winter 2020/2021“. Hiernach ist trotz der Verschärfung der Corona-Krise im Laufe des zweiten Halbjahres 2020 das Zahlungsverhalten in Deutschland bislang wenig beeinträchtigt. Kreditgeber und Gläubiger verzeichneten in den zurückliegenden Monaten im B2B-Geschäft im Durchschnitt sogar geringere Zahlungsverzögerungen (siehe unter https://www.creditreform.de/aktuelles-wissen/pressemeldungen-fachbeitraege/news-details/show/default-22600bfbc1).
  • Hierfür könnten Zugeständnisse der Gläubiger eine Rolle gespielt haben, wenn Kunden infolge der Lockdown-Einschränkungen Liquiditätsengpässe zu verzeichnen hatten. Zudem dürften aber auch Verbesserungen beim Kreditorenmanagement aufseiten der Kreditgeber zu weniger überfälligen Rechnungen und somit zu einem Rückgang der Forderungslaufzeit geführt haben. Hier zeigt sich auch die erhöhte Sensibilität der Gläubiger in der aktuellen Krisenzeit.
  • Positiv stimmt, dass trotz aller Krisenumstände eine negative Kettenreaktion beim Zahlungsverhalten bislang ausgeblieben ist. Der Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch, merkt an, dass auch die Zahl der Insolvenzen 2020 auf einem paradox niedrigen Niveau blieb, was sich auch auf mögliche Folgeerscheinungen erstreckt. Die anhaltende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht sei in diesem Zusammenhang hoch effektiv. Aber er warnt, dass „die staatliche Lenkung des Insolvenzrechts die Ausfälle lediglich verschiebt“.
  • Zu befürchten ist (vgl. Hillmer, KSI 2020, 1, Heft 1) „ein Insolvenzstau, der mit jeder Verkündung der vorerst noch geringen Insolvenzzahlen an Wucht zunehmen dürfte. Die Corona-Wellen türmen einen solchen Restrukturierungsbedarf auf, dass hier zusammen mit den zuvor schon infolge Klimawandel und Digitalisierung bestehenden Anpassungserfordernissen tsunamiartige Effekte den enormen Wirkungsgrad besser beschreiben als eher zu harmlos klingende Worte wie Insolvenzwellen“. Insoweit bleibt nur zu hoffen, dass über ein entsprechendes Restrukturierungs-Know-how auch Bilanzbuchhalter und Controller dazu beitragen können, besser mit dem Kämpfen in einem Restrukturierungs-Tsunami zu überleben – wenn auch unter Verlassen mancher Komfortzone –, als in einer Insolvenzwelle unterzugehen.
  • Über das in diesem Zusammenhang wichtige neue StaRUG-Verfahren als neues Instrument der Abwehr von Insolvenzgefahren wird in Kürze mehr an dieser Stelle zu erfahren sein.

 

Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 3/2021