Krisenüberwindung im Insolvenzverfahren


 

Neben den aktuell im Vordergrund stehenden Liquiditätssicherungsmaßnahmen sollten kaufmännische Experten und insbesondere Controller mittelständischer Unternehmen in Krisenkonstellationen auch langfristige Strukturveränderungen in den Blick nehmen. Was aber bleibt noch, wenn selbst eine Neuausrichtung des Geschäftsmodells im laufenden Betrieb misslingt oder aussichtslos erscheint? Spezialisiertes Restrukturierungswissen hält auch unter solch schwierigen Bedingungen Auswege bereit, deren Prüfung in vielen Fällen Erfolg verspricht.

 

 

Praxis-Info!

  

Problemstellung

Zur Überwindung der Folgen aus der Corona-Krise haben Bund und Länder ein beispielloses Hilfspaket für die Wirtschaft geschnürt. Die Bandbreite reicht von Soforthilfen in Form von Zuschüssen über das Aussetzen von Miet- und Pachtzahlungen und die zinslose Stundung von Steuerzahlungen bis zu Erleichterungen bei der Beantragung von Kurzarbeitergeld. KfW-Darlehen sollen ebenfalls helfen, diese schwierige Zeit zu überstehen. Bei all diesen Überbrückungslösungen muss aber in der kaufmännischen Führung bedacht werden, dass „am Ende des Tages“ die Mieten, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zumindest großenteils nachentrichtet werden müssen. Und auch im Falle der Beantragung eines KfW-Darlehens gilt: Das Darlehen muss zurückgezahlt werden.

Nicht selten wird dann auch die Gefahr einer möglichen Insolvenzverschleppung ins Spiel kommen, sodass in den betroffenen Unternehmen darüber nachzudenken ist, ob nicht auch andere Möglichkeiten in Betracht gezogen werden sollten. Dies gilt insbesondere, wenn Maßnahmen wie etwa eine Neuausrichtung des Geschäftsmodells (siehe BC-Newsletter vom 14.5.2020) weitere finanzielle Mittel verschlingen oder aussichtslos erscheinen. Restrukturierungsexperten wie der Geschäftsführer der Sanierungsberatung „Restrukturierungspartner“ Burkhard Jung, der auch dem BDU-Fachverband Sanierungs- und Insolvenzberatung vorsteht, empfehlen, bei nicht (mehr) ausreichenden Mitteln aus dem staatlichen Rettungsschirm den insolvenzrechtlichen Schutzschirm in den Blick zu nehmen. Seinen in einer Mitteilung vom 11.5.2020 (siehe unter www.restrukturierungspartner.com) veröffentlichten Appell für die Problemlösung sollten insbesondere Bilanzexperten beachten:

„In den Entscheidungsprozess für oder gegen den Rettungsschirm sollte unbedingt einfließen, dass die Bilanz am Ende durch fremdfinanzierte Verluste völlig verhagelt ist. Eine zweite Welle wird dann kaum zu finanzieren sein.“

 

 

Lösung

Das in Notsituationen zur Verfügung stehende Instrumentarium ist allerdings viel größer als meist verkürzt dargestellt und keineswegs auf die Insolvenz beschränkt. Denn bevor ein gerichtlicher Insolvenzantrag nötig wird, gibt es eine ganze Reihe bewährter Sanierungsinstrumente, die Mittelständler prüfen sollten.

  • So ist es zunächst einmal auch außerhalb eines Insolvenzverfahrens möglich, mit Gläubigern zu verhandeln und z.B. einen Schuldenschnitt zu erreichen. Erfahrungsgemäß ist den meisten Gläubigern daran gelegen, den Betrieb auch nach Corona als Partner zu behalten.
  • Weitere Optionen sind typischerweise der Abbau von Kapazitäten, der Verkauf von Vermögenswerten oder von Unternehmensteilen. Sogar der Verkauf des gesamten Betriebs oder der Einstieg eines Partners könnte eine Option sein. Diese sieht der Sanierungsberater Jung insbesondere dann geeignet, „wenn davon auszugehen ist, dass das Geschäftsmodell nur noch mit einem Investor langfristig tragfähig ist“.

Gelingt aber auch das nicht, rückt das „Gespenst Insolvenz“ näher: Dieses „böse I-Wort“, das eigentlich das Negativ-Image des Vorgänger-Begriffs „Konkurs“ ablösen sollte, lässt nach den Erfahrungen in der Sanierungs- und Insolvenzbranche immer noch den meisten Unternehmern einen Schauer über den Rücken laufen. Zu viel angstgespeister Respekt ist aber fehl am Platz; denn der Werkzeugkasten des Insolvenzrechts bietet zahlreiche bewährte und wirksame Instrumente. Jung verweist auf Maßnahmen, die (drohend) zahlungsunfähigen oder überschuldeten Unternehmen eine echte Chance auf eine Befreiung von drückenden Altlasten bieten:

„Vom Schutzschirmverfahren über das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung bis hin zum Regelinsolvenzverfahren – jede Verfahrensart kann im Rahmen einer Optionenanalyse auf ihre Eignung geprüft werden, aber natürlich nur dann, wenn vorinsolvenzliche Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg versprechen.“

Für Controller und kaufmännische Führungskräfte dürfte insbesondere das Schutzschirmverfahren erste Wahl sein, da die Geschäftsführung einen Großteil der Entscheidungsgewalt behält und das Verfahren sich nicht über Jahre hinzieht, sondern schnell beendet werden kann. Jung nennt ein breites Spektrum äußerst wirksamer Maßnahmen: Beispielsweise können unvorteilhafte Miet- und Leasingverträge kurzfristig gekündigt oder in ihrer Höhe und Laufzeit neu verhandelt werden. Zudem kann das Unternehmen das Personal anpassen, um mit einem Kernteam und einem modifizierten Geschäftsmodell neu durchzustarten.

Aktuell häufig für größere Unternehmen bereits praktiziert ist das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung; es bietet ähnliche Vorteile und wird derzeit daher z.B. von Esprit, Hallhuber, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn (Modekette) genutzt. Die Eigenverwaltung leidet allerdings gelegentlich unter der Befürchtung, dass damit der „Bock zum Gärtner“ gemacht werde. Selbst mit einem ganz normalen Insolvenzverfahren wird aber sehr häufig nicht das Ende des Betriebs eingeläutet. Jung räumt ein, dass die Insolvenz natürlich ein harter Schritt sei, aber auch ein verantwortungsbewusster:

„In einer Regelinsolvenz geht es darum, die Rechte langjähriger Geschäftspartner zu wahren sowie die überlebensfähigen Teile des Unternehmens und möglichst viele Arbeitsplätze zu retten.“

Auch andere Restrukturierungsexperten setzen vermehrt darauf, der unausweichlichen Realität insolvenzbezogener Szenarien den Schrecken zu nehmen. Unternehmer und deren „Zahlenlieferanten“ sind besser beraten, die damit bei geschickter Gestaltung erreichbaren Vorteile zu realisieren. Georgiy Michailov (Managing Partner der Struktur Management Partner GmbH) und Prof. Dr. Henning Werner (IfUS-Institut für Unternehmenssanierung, Dekan SRH Hochschule Heidelberg) erwarten eine Renaissance der radikalen operativen Restrukturierung (außergerichtlich und gerichtlich). Sie begründen dies damit, dass M&A-Exit-Szenarien deutlich seltener zum Zuge kommen werden. Da der klassische Verkauf vor allem in strukturell schwierigen Branchen nicht mehr die einfachste Lösung sein wird, wird die steigende Zahl der operativen Sanierungen zunehmend von umfassenden Restrukturierungen der Passivseite begleitet werden. Bei der Neuausrichtung der Passivseite könnte auch der neue präventive Restrukturierungsrahmen (vgl. dazu z.B. die Erläuterungen der IDW-Experten Sack/Solmecke, KSI 2020, 17 ff., Heft 1) eine erhebliche Erleichterung bedeuten.

Ohne gleichzeitige, umfassende operative Restrukturierung und Neuausrichtung der Geschäftsmodelle werden aber – so die Einschätzung vom Michailov/Werner – kaum nachhaltige Lösungen möglich sein. Hier schließt sich der Kreis zum Beitrag im letzten BC-Newsletter vom 14.5.2020: Erfolgsentscheidend werden u.a. die richtige Einschätzung der Turnaround-Fähigkeit eines Geschäftsmodells und die Auswahl des adäquaten Sanierungsverfahrens sein (außergerichtlicher oder gerichtlicher Prozess bzw. Anwendung des präventiven Restrukturierungsrahmens, sofern möglich). Michailov/Werner beschreiben die ungeschminkte Wahrheit so (siehe hier):

„Sollten valide Turnaround-Programme nicht mehr finanzierbar sein, wird es zu einem Abwicklungs-Tsunami bei Unternehmen und zu massiven Kreditausfällen bei den Banken kommen. Absehbar würde die operative Restrukturierung daher tatsächlich die günstigste Alternative für alle Stakeholder bleiben!“

 

 

 

Praxishinweise:

  • Trotz allem Verständnis für aktuelle Notsituationen dürfen die grundsätzlich fortbestehenden Gefahren der Insolvenzverschleppung nicht aus dem Blick geraten; sie verlangen insbesondere nach einer entsprechenden Liquiditätsplanung. Die Gefahren wurden etwas gemildert durch die Aussetzung der dreiwöchigen Insolvenzantragspflicht, über die im BC-Newsletter bereits berichtet wurde.
  • Die Corona-Pandemie hat fast brutal die Anfälligkeit des globalisierten Wirtschaftssystems offenbart: Viele Unternehmen erleben, wie instabil die über Jahre gewachsenen und optimierten globalen Liefer- und Produktionsketten sind. Zu erwarten ist nach den Einschätzungen von Michailov und Werner, dass die fein abgestimmten Wertschöpfungsketten (insbesondere z.B. in der Automobilindustrie und im Maschinenbau) überdacht und, soweit möglich, neu justiert werden. Den Unternehmen müsse daher der Spagat zwischen Kostenersparnis und Krisen-Resilienz (Widerstandsfähigkeit) gelingen. Dies erfordert interdisziplinäre Teams, in denen Controlling-Know-how mit Sanierungsexpertise und insolvenzrechtlichem Wissen zusammenzuführen ist.
  • Festzustellen ist schon jetzt, dass infolge der Pandemie sehr viele Unternehmen keine klassischen „Krisenstadien“ mehr durchlaufen, also von der Stakeholder- über die Strategiekrise hin zur Absatz- und Erfolgskrise mit dem Höhepunkt der Symptome einer Liquiditätskrise bzw. Insolvenz. Vielmehr geraten Unternehmen mit einem funktionierenden Geschäftsmodell binnen kürzester Zeit direkt in das Stadium der Liquiditätskrise, die oft eine direkte Existenzbedrohung bedeutet. Selbst krisenerfahrene Experten können deshalb den bewährten Instrumentenkasten derzeit nicht einfach abarbeiten – aber wer hat es (außer den bekanntlich immer auch vorhandenen Krisengewinnlern) schon leicht heutzutage. 

 

 

 

Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld

 

 

BC 6/2020