Handelsrechtliche Bilanzierung von Bewertungseinheiten


IDW-Presseinformation vom 2.9.2010 (Nr. 4/2010)

Unternehmen sichern sich im Rahmen ihres Risikomanagements auf vielfältige Weise gegen Risiken ab, die sich für ihr Vermögen aus schwankenden Marktpreisen oder der unsicheren Bonität ihrer Geschäftspartner ergeben. Fraglich ist, wie solche Maßnahmen in der Rechnungslegung der Unternehmen zu berücksichtigen sind. In der Bilanzierungspraxis haben sich hierzu in der Vergangenheit unterschiedliche Methoden der Bildung sog. Bewertungseinheiten etabliert. Ziel ist es, den bei isolierter Betrachtung gebotenen Ausweis von Verlusten insoweit zu unterlassen, als diese aufgrund bestehender Absicherungen aus ökonomischer Sicht nicht eintreten können. Die Bildung von Bewertungseinheiten dient damit der Steigerung der Aussagekraft der Rechnungslegung.

Mit dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) wurde in § 254 HGB die Bildung von Bewertungseinheiten im deutschen Handelsrecht erstmals gesetzlich geregelt. Der Gesetzgeber hat klargestellt, dass bei Vorliegen eines Sicherungszusammenhangs zwischen einem abgesicherten Grundgeschäft und einem Sicherungsinstrument die bilanzielle Erfassung aus dem Einzelgeschäft drohender Verluste auch nach dem Vorsichtsprinzip nicht geboten ist, soweit diese Risiken wirksam gesichert sind, d.h. soweit diesen Verlusten aus der Sicherungsbeziehung unrealisierte Gewinne in gleicher Höhe gegenüberstehen. Dies gilt in dem Umfang und für den Zeitraum, in dem sich gegenläufige Wertänderungen oder Zahlungsströme aus dem Eintritt vergleichbarer Risiken ausgleichen.

Das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW) hat aktuell Lösungen für eine Vielzahl von Einzelfragen zur Anwendung der Vorschriften des § 254 HGB vorgeschlagen (Entwurf einer IDW Stellungnahme zur Rechnungslegung: Handelsrechtliche Bilanzierung von Bewertungseinheiten (IDW ERS HFA 35)).

Zum Grundkonzept der Bildung von Bewertungseinheiten wird klargestellt, dass zwischen der Ebene des ökonomischen Risikomanagements des Unternehmens und der bilanziellen Ebene zu unterscheiden ist.

  • Auf der ersten Ebene entscheidet das Unternehmen, ob bestimmten Wertänderungs- oder Zahlungsstromänderungsrisiken durch Sicherungsgeschäfte entgegengewirkt werden soll.
  • Auf der zweiten Ebene fällt die Entscheidung, inwieweit die Auswirkungen des Risikomanagements in der Rechnungslegung bei der Bilanzierung von Grund- und Sicherungsgeschäft berücksichtigt werden. Das Gesetz räumt dem Bilanzierenden ein Wahlrecht ein.

„Es empfiehlt sich jedoch, dass im Falle einer Absicherung auf der ökonomischen Ebene nach Möglichkeit auch bilanzielle Bewertungseinheiten gebildet werden“, erläutert Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des IDW.

Will der Bilanzierende in diesem Sinne Bewertungseinheiten bilden, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Für abzusichernde Grundgeschäfte bestehen kaum Restriktionen. Es dürfen sogar erst nach dem Abschlussstichtag erwartungsgemäß abzuschließende Transaktionen berücksichtigt werden, wenn diese mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet werden. Als Sicherungsinstrumente kommen hingegen grundsätzlich nur Finanzinstrumente in Betracht. Ferner muss das Sicherungsinstrument vergleichbaren Risiken wie das Grundgeschäft ausgesetzt sein. Eine weitere wichtige Voraussetzung für die Bildung von Bewertungseinheiten ist die eindeutige Dokumentation der Sicherungsbeziehung; Letztere kann als micro hedge, macro hedge oder portfolio hedge ausgestaltet sein. Der Bilanzierende darf Bewertungseinheiten nur bilden, soweit er die Absicht glaubhaft machen kann, dass er die Sicherungsbeziehung für einen bestimmten Zeitraum nach dem Abschlussstichtag aufrechterhalten wird. Ferner muss er die Wirksamkeit der Absicherung, d.h. die negative Korrelation der Wertänderungen von Grundgeschäft und Sicherungsinstrument demonstrieren. „Die Kriterien, die nach den deutschen handelsrechtlichen Vorschriften erfüllt sein müssen, sind wesentlich realitätsnäher ausgestaltet als die Voraussetzungen für das sog. Hedge Accounting gemäß dem internationalen Standard IAS 39“, so Klaus-Peter Naumann.

Das IDW geht auch ein auf weitere Einzelfragen zur Bilanzierung, Bewertung sowie zum Ausweis von Grund- und Sicherungsgeschäften in Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung. Dies gilt sowohl für das Vorgehen bei der erstmaligen Bildung einer Bewertungseinheit als auch zu den folgenden Abschlussstichtagen während des Bestehens der Bewertungseinheit und bei deren Beendigung. Schließlich werden die erforderlichen Angaben im Anhang und Lagebericht sowie die maßgeblichen Übergangsregelungen beschrieben.

 

Interessierte sind eingeladen, zu diesen Vorschlägen des IDW bis zum 11.2.2011 Stellung zu nehmen. Der Entwurf einer IDW Stellungnahme zur Rechnungslegung: Handelsrechtliche Bilanzierung von Bewertungseinheiten (IDW ERS HFA 35) ist auf der IDW-Homepage (www.idw.de) in der Rubrik „Verlautbarungen“, „Download von Entwürfen“ abrufbar.

 

Praxis-Info!

Das BilMoG definiert nicht ausdrücklich, welche Sachverhalte Grundgeschäft (z.B. Kaufvertrag über mehrere Maschinen in einer Fremdwährung, Fremdwährungsverbindlichkeiten, schwebende Geschäfte) und Sicherungsgeschäft (z.B. laufzeitgleiches Devisenterminkaufgeschäft oder Devisenterminverkaufsgeschäft) sein können. Was unter einer Bewertungseinheit oder einem Finanzinstrument zu verstehen ist, bleibt daher offen. Von daher dürfte es auch das Ziel der IDW-Stellungnahme sein, diese Abgrenzungsschwierigkeiten und die daraus folgenden Ermessensspielräume zu mindern.

Bezüglich der bilanziellen Abbildung von Bewertungseinheiten in der HGB-Bilanz kommen zwei Methoden in Betracht (vgl. Zwirner/Froschhammer, Heft 4/2010, S. 154 f.):

  • Wird die Einfrierungsmethode angewandt, werden Wertänderungen bzw. Zahlungsstromänderungen von Grundgeschäft und Sicherungsinstrument weder in der Bilanz noch in der Gewinn- und Verlustrechnung berücksichtigt, soweit sie auf den effektiven Teil der Sicherungsbeziehung entfallen, sich mithin also ausgleichen. Der ineffektive Teil erfährt gemäß dem Imparitätsprinzip nur dann eine Berücksichtigung, wenn es sich um einen unrealisierten Verlust handelt.
  • Nach der Durchbuchungsmethode werden sämtliche gegenläufigen Wertschwankungen von Grundgeschäft und Sicherungsinstrument erfolgswirksam erfasst. Insgesamt betrachtet ergibt sich somit hinsichtlich des effektiven Teils der Sicherungsbeziehung kein Erfolgseffekt. Der abgesicherte, aber ineffektive Teil der Sicherungsbeziehung und die aus nicht abgesicherten Risiken resultierende Wertänderung werden analog zur Einfrierungsmethode erfasst. Im Gegensatz zur Einfrierungsmethode ändern sich nun jedoch auch die Wertansätze in der Bilanz.

Die Dokumentationspflichten zur Bildung von Bewertungseinheiten ergeben sich insbesondere aus den erforderlichen Anhangangaben gemäß § 285 Nr. 23 HGB, die auch alternativ im Lagebericht gemacht werden können. Danach ist anzugeben,

a) mit welchem Betrag jeweils Vermögensgegenstände, Schulden, schwebende Geschäfte und mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartete Transaktionen zur Absicherung welcher Risiken in welche Arten von Bewertungseinheiten einbezogen sind sowie die Höhe der mit Bewertungseinheiten abgesicherten Risiken,

b) für die jeweils abgesicherten Risiken, warum, in welchem Umfang und für welchen Zeitraum sich die gegenläufigen Wertänderungen oder Zahlungsströme künftig voraussichtlich ausgleichen einschließlich der Methode der Ermittlung,

c) eine Erläuterung der mit hoher Wahrscheinlichkeit erwarteten Transaktionen, die in Bewertungseinheiten einbezogen wurden.

[Anm. d. Red.]

 

BC 10/2010