Abgrenzung zwischen Werklieferung und Werkleistung bei Reparaturen beweglicher körperlicher Gegenstände


BMF-Schreiben vom 12.12.2012, IV D 2 – S 7112/11/10001

 

Die für die Bestimmung des Ausführungsorts entscheidende Abgrenzung zwischen Werklieferung und Werkleistung gestaltet sich in der Praxis nicht immer einfach. Zur Klarstellung ergänzt das Bundesfinanzministerium (BMF) mit oben genanntem Schreiben Abschn. 3.8 des Umsatzsteuer-Anwendungserlasses (UStAE) um einen neuen Absatz 6. Dieser kommt in Zweifelsfällen zur Anwendung, bei denen die in den Absätzen 1 bis 4 genannten Kriterien nicht zu einer eindeutigen Zuordnung eines Vorgangs als Werklieferung oder Werkleistung führen.

 

 

Praxis-Info!

Gemäß dem neuen Abs. 6 in Abschn. 3.8 UStAE kann von einer Werklieferung ausgegangen werden, wenn der Entgeltanteil, welcher auf das bei der Reparatur verwendete Material entfällt, mehr als 50% des für die Reparatur berechneten Gesamtentgelts beträgt (Vereinfachungsregel). Umkehrschluss: Bei einem wertmäßigen Materialanteil von weniger als 50% liegt eine Werkleistung vor.

 

 

Warnhinweis:

Der Titel des Schreibens sowie der neu eingefügte Abs. 6 setzen sich konkret mit dem Sonderfall der Reparatur bei beweglichen körperlichen Gegenständen (z.B. Fahrzeuge, Maschinen) auseinander. Eine Ausstrahlungswirkung der neuen Regelung auf andere Bereiche (z.B. Leistungen bei der erstmaligen Errichtung einer Anlage) lässt sich daraus nicht ableiten, auch wenn die Änderung des Abschn. 7.4 Abs. 1 Satz 3 UStAE lautet: „Zur Abgrenzung zwischen Werklieferung und Werkleistung allgemein und bei Reparaturen beweglicher körperlicher Gegenstände vgl. Abschnitt 3.8.“ [Formatierung des Autors] Denn Abschnitt 3.8 befasst sich in dem Abs. 6 ausschließlich mit Reparaturen, während die anderen Absätze auf Werklieferungen und Werkleistungen allgemein eingehen.

 

 

Werklieferung versus Werkleistung

Die Unterscheidung zwischen Werklieferung und Werkleistung ist sowohl für den Zeitpunkt der Umsatzsteuerentstehung als auch für die Bestimmung des Ausführungsorts ausschlaggebend. Die nachfolgende Übersicht verdeutlicht die Unterschiede.

 

 

Werklieferung

Werkleistung

Definition

Ein Unternehmer erstellt ein bestelltes Werk unter Verwendung eines oder mehrerer von ihm selbst beschaffter Hauptstoffe.

Ein Unternehmer erbringt eine Leistung, für welche kein Hauptstoff verwendet wird oder bei welcher die benötigten Hauptstoffe vom Auftraggeber gestellt werden.

Zeitpunkt der Umsatzrealisierung (Steuerentstehung)

Übergang der Verfügungsmacht am erstellten Werk auf den Auftraggeber. Dies erfolgt i.d.R. in Form von Übergabe und Abnahme des Werkes.

Fertigstellung des Werkes. Auf eine Abnahme kommt es nicht an.

Ort der Lieferung / Leistung

Wie bei Lieferung (vgl. § 3 Abs. 5a UStG): Bei einer Werk- oder Montagelieferung beispielsweise ist der Ort der Lieferung, wenn ein Gegenstand durch den Lieferer oder für dessen Rechnung installiert oder montiert wird, dort, wo die Installation oder Montage vorgenommen wird.

Wie bei sonstiger Leistung (vgl. § 3a UStG): an dem Ort, an dem der Leistungsempfänger ansässig ist.

 

 

Weitere Informationen, insbesondere auch zum Begriff „Hauptstoff“ sowie zu diversen Sonderfällen (z.B. Teilleistung, Voraus- oder Abschlagszahlungen), sind in dem vom BMF herausgegebenen „Merkblatt zur Umsatzbesteuerung in der Bauwirtschaft“ (Stand: Oktober 2009) enthalten.

 

 

Praxishinweise:

  • Die 50%-Vereinfachungsregel als Wertgrenze bei der Abgrenzung von Werklieferungen und Werkleistungen bei Reparaturen beweglicher körperlicher Gegenstände ist auf Umsätze anzuwenden, die nach dem 31.12.2012 ausgeführt werden.
  • Für Leistungen an unbeweglichen Gegenständen, insbesondere grundstücksbezogene Leistungen, die am Ort des belegenen Grundstücks erbracht werden, entspricht der Leistungsort dem Ort der Werklieferung.
  • In den EU-Mitgliedstaaten bestehen häufig keine Abgrenzungen von Werklieferungen und Werkleistungen nach wertbezogenen Kriterien. Auf der anderen Seite existieren in den EU-Mitgliedstaaten, die Wertgrenzen eingeführt haben, unterschiedliche Regelungen: Während in Belgien beispielsweise ebenfalls die 50%-Regel gilt, ist in Spanien der Lieferort erst dann anzunehmen, wenn der Wert der Arbeitsleistung bei Werklieferungen über 15% liegt.
  • Bei der Abgrenzung von Werklieferung und Werkleistung sollte nicht nur der steuerliche Gesichtspunkt beachtet werden. Insbesondere der sich hieraus unter Umständen ergebende unterschiedliche Zeitpunkt der Umsatzrealisierung ist auch maßgeblich für den Beginn der Gewährleistungspflicht sowie für den Gefahrenübergang.

 

Christian Thurow, Dipl.-Betriebsw. (BA), Operational Risk Manager Corporate Finance, London (E-Mail: Thurow@virginmedia.com)

 

 

BC 1/2013