Dr. Hans-Jürgen Hillmer
Sustainability Transformation Monitor: Neue Studienergebnisse vom 26.2.2026

Unsichere politische Rahmenbedingungen und fehlende Marktanreize bremsen die Nachhaltigkeitstransformation zunehmend aus. In 73% der Unternehmen ist die Verantwortung für die Nachhaltigkeitstransformation aber weiterhin auf Vorstands- oder Geschäftsführungsebene verankert. Die selbstgesteckten Klimaziele haben überwiegend Bestand. Spezifische Reportinginformationen sind für die Zielerreichung weiterhin erforderlich.
Praxis-Info!
Problemstellung
In der öffentlichen Debatte rückt das Thema „Nachhaltigkeit“ derzeit in den Hintergrund. Das wirkt sich auch auf die Haltung der Unternehmen aus. Bei 59% der Unternehmen aus Real- und Finanzwirtschaft verliert Nachhaltigkeit intern an Priorität. Im Vorjahr gaben dies nur rund 14% der Unternehmen an. Vor allem Großunternehmen und größere Mittelständler spüren die Debatten stark. Die abnehmende Dynamik zeigt sich aber noch nicht in der Stagnation der Verantwortung für das Thema auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene; hier gab es keine Veränderung zum Vorjahr. Zusammengefasst: Nachhaltigkeitstransformation bleibt ein wichtiges Thema in den Führungsetagen deutscher Unternehmen – sie verliert aber an Priorität. Zu diesem Ergebnis kommt der Sustainability Transformation Monitor (STM – „Überwachung der Nachhaltigkeitstransformation“) 2026, für den über 800 Unternehmen der Real- und Finanzwirtschaft befragt wurden.
Lösung
1. Überblick
Aktuell verfolgt die Mehrheit der Befragten weiter selbstgesteckte Klimaziele und erfasst ihre Emissionen. Erforderlich sind aber verlässliche Signale aus der Politik und den Märkten, um klare Investitionsentscheidungen und Finanzierungspläne in den Unternehmen zu ermöglichen. Ansonsten droht die Transformation in eine Phase der Stagnation zu geraten. Die gerade bekannt gegebenen gesetzgeberischen Absichten zur Gebäudemodernisierung (Stichwort „Heizungsgesetz“) dürften diese Gefahr noch verstärken.
2. Treiber der Nachhaltigkeitstransformation
Die stärksten Treiber der Nachhaltigkeitstransformation sind „zukünftige Mitarbeitende“ sowie „die Geschäftsführung“, gefolgt von der „Jungen Generation“ und „Wettbewerbern“. Auffallend ist, dass nahezu alle potenziellen Treiber in ihrer Intensität teilweise stark sinken (Arbeitnehmer: -12 Prozentpunkte, Geschäftsführung: -7 Prozentpunkte). Besonders stark verändert hat sich aus Unternehmenssicht die Relevanz der Politik für den Transformationsprozess. In den vergangenen Jahren hatten die Unternehmen sie noch als wichtigen Treiber wahrgenommen. „Ohne klare, verlässliche Signale aus Politik und Märkten droht die Transformation in eine Phase der Stagnation zu geraten“, analysiert Jakob Kunzlmann, Nachhaltigkeitsexperte der Bertelsmann Stiftung. Notwendig sei jetzt eine neue Fokussierung: mehr strategische Priorisierung, verlässliche politische Rahmenbedingungen und marktwirtschaftliche Anreize, wie beispielsweise eine CO2-Bepreisung mit verlässlichen Preispfaden. So könnten ökologische und soziale Aspekte als Investitions- und Wettbewerbsfaktor wirksam werden.
Wo der Druck vonseiten der Politik fehlt, könnte die Aussicht auf den „Business Case“ (Wirtschaftlichkeitsrechnung) in den Vordergrund rücken, also die Erwartung messbarer wirtschaftlicher Vorteile der Nachhaltigkeitstransformation. Diesen klaren „Business Case“ sehen allerdings bisher nur 17% der Unternehmen. Zwar erkennen 43% einen finanziellen Mehrwert für ihre Unternehmen durch die Integration von ökologischen und sozialen Themen. Dieser fällt bislang jedoch niedriger aus als die damit verbundenen Kosten. Dies erklärt, dass rund 70% der Unternehmen zurückmelden, dass fehlende wirtschaftliche Anreize ihre Transformation ausbremsen.
3. Eigene Klimaziele
Von der Tagesordnung ist die Nachhaltigkeitstransformation dennoch nicht verschwunden. So ist der Anteil der Unternehmen und Banken, die ihre Treibhausgasemissionen erfassen, auf 86% gestiegen. Auch die Klimaziele werden in der Realwirtschaft überwiegend beibehalten oder sogar weiterentwickelt. Der Anteil der Firmen mit selbstgesteckten Klimazielen erhöht sich von 53% auf 59%. Bei den Banken steigt er von 46% auf 65% und damit sogar noch deutlicher an. „Es ist ein wichtiges Signal, dass immer mehr Unternehmen ihre Emissionen erfassen und an Klimazielen festhalten. Entscheidend ist nun, dass daraus konkrete Transformationspfade mit klaren Investitionsentscheidungen, Zeitachsen und Finanzierungsplänen entstehen“, sagt Philipp Wesemann, Projektmanager im Bereich Klimaresiliente Gesellschaft der Stiftung Mercator.
4. Gute Aussichten für das Reporting – auch ohne Pflicht
Das EU-Omnibusverfahren hat vielfach zu einer Verlangsamung oder vorübergehenden Einstellung des Berichterstattungsprozesses geführt. Gleichzeitig fühlen sich rund 59% der ab 2027 berichtspflichtigen Unternehmen bereits heute gut oder sehr gut auf EU-weite Berichtspflichten vorbereitet; lediglich rund 18% sehen sich unzureichend aufgestellt. Besonders wichtig aus Sicht der BC-Leser ist, dass 75% der befragten Unternehmen, die künftig von der Pflicht zur Berichterstattung ausgenommen sind, angeben, dass sie auch künftig Nachhaltigkeitsberichte vorlegen wollen, nur knapp 8% planen keine Berichterstattung mehr.
5. Nachhaltigkeit in der Unternehmensfinanzierung
Hinzu kommt, dass Nachhaltigkeit auch in der Finanzierungspraxis präsent bleibt. So erwarten sowohl Banken als auch Unternehmen, dass Nachhaltigkeit zukünftig in der Unternehmensfinanzierung eine Rolle spielen wird. Die Zustimmung in der Realwirtschaft fällt mit 45% aber geringer aus als bei Banken (79%); sie ist auf beiden Seiten rückläufig.
„Nachhaltigkeitsdaten sind heute vielfach vorhanden – ihre Wirkung in Kreditentscheidungen bleibt jedoch begrenzt. Solange sie nicht systematisch in Risikoanalysen und Konditionen einfließen, entstehen keine spürbaren Transformationsanreize. Sustainable Finance [nachhaltige Finanzierung] muss sich deshalb stärker vom Reporting- zum Steuerungsinstrument entwickeln“, sagt Incken Wentorp, Nachhaltigkeitsexpertin der Peer School for Sustainable Development. In der neuen Phase der Nachhaltigkeitstransformation bekommen funktionierende Kooperationen entlang von Wertschöpfungsketten und zwischen Real- und Finanzwirtschaft eine zentrale Bedeutung.
- Aufmerksame Leser erkennen insbesondere in der Aussage, dass sich Sustainable Finance stärker vom Reporting- zum Steuerungsinstrument entwickeln muss, deutliche Parallelen zum Bericht im letzten BC-Newsletter vom 19.2.2026 zum Thema „Nachhaltigkeitsberichterstattung: Von der Berichtspflicht zur Steuerungslogik“, wo ein Immobilienexperte ausgeführt hatte: „Die gewonnenen Informationen eignen sich nicht nur für die Nachhaltigkeitsberichterstattung, sondern auch für die strategische Unternehmenssteuerung sowie für die Optimierung technischer und organisatorischer Prozesse. Die Folge sind messbare Reduktionen von Emissionen und Betriebskosten – Effekte, die nicht nur berichtsrelevant sind, sondern sich unmittelbar wirtschaftlich auswirken und echte Wettbewerbsvorteile schaffen können.“
- Der STM wird jährlich neu aufgelegt und ist zum vierten Mal in Kooperation der Bertelsmann Stiftung, Stiftung Mercator, Universität Hamburg und der Peer School for Sustainable Development entstanden. Ziel der Erhebung (der STM 2026 umfasst Daten von 822 Unternehmen, Banken und Investoren; zum vorhergehenden STM 2025 siehe BC-Newsletter vom 20.3.2025) ist es, die Nachhaltigkeitstransformation der Wirtschaft evidenzbasiert zu begleiten. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem effektiven Zusammenwirken von Real- und Finanzwirtschaft in der Transformation (zum Download der neuen Ausgabe siehe unter https://www.sustainabilitytransformation.org/studien-downloaden/).
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Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk Betriebswirtschaft und Steuern, Coesfeld
BC 3/2026
BC20260319